Für die einen sind sie ein Stimmungskiller, der den sportlichen Wettkampf zwischen Lando Norris und Oscar Piastri abwürgt. Für die anderen sind sie der Schlüssel zu McLarens Wiederaufstieg und garantieren Erfolg ohne Chaos. Auch unsere Redakteure Florian Becker und Kerstin Hasenbichler sind sich bei den umstrittenen "Papaya Rules" uneinig.
Contra: Papaya Rules - der Stimmungstöter in Orange
Die Souveränität, mit der McLaren-Teamchef Andrea Stella die "Papaya Rules" seit über einem Jahr herunterbetet, verlangt Anerkennung. Der Mann hat seinen Laden im Griff - aber auf wessen Kosten? In der Formel 1 treten Teams an, doch die Fahrer bleiben in diesem Wettbewerb immer Individualsportler. Lando Norris und Oscar Piastri wurde das Teamplay-Mantra von McLaren derart eingehämmert, dass zwischen den beiden praktisch kein sportlicher Wettkampf mehr stattfindet und sie sich nur noch demütig den Befehlen im Funk fügen.
Beim Ungarn GP 2024 betrat das Team diesen für den Hausfrieden offenbar totsicheren, für den Sport jedoch totlangweiligen Weg. Die "Papaya Rules" machten an diesem Tag nicht nur Piastri und Norris zu Verlierern, sondern auch den Sport. Seitdem zieht sich dieser Stimmungstöter wie ein orangener Faden durch die Formel 1. In Monza nahm er neue, noch skurrilere Formen an. Der verpatzte Boxenstopp bei Lando Norris war unglücklich, doch was hat Oscar Piastri damit zu tun? Genau, gar nichts! Fehler der Pitcrew sind im Motorsport ein Faktor, den niemand bewusst steuert, genau wie technische Defekte.
Ereignisse dieser Art für eine Teamorder heranzuziehen, führt den Sport ad absurdum. Und diesmal ging es "nur" um die Plätze zwei und drei. Was macht der so konsequente Andrea Stella, wenn - rein hypothetisch - diese Situation in einem WM-Finale entsteht und den Titel entscheidet? Wer immer A gesagt hat, muss eigentlich auch immer B sagen. Doch wie "gerecht" kann Sport sein? Und wer würde dieses Szenario wollen? Klar, McLaren hat auf diese Weise bisher erfolgreich alle menschlichen sowie sportlichen Ausfälle innerhalb der eigenen Reihen verhindert. Nur ist der direkte Wettbewerb zwischen den Fahrern letztendlich das, was diese antreibt und der Formel 1 ihren Unterhaltungswert verschafft.
Toto Wolff ließ Lewis Hamilton und Nico Rosberg bei Mercedes gegeneinander antreten. Die Aufeinandertreffen der beiden sind als "Krieg der Sterne" heute Teil der Formel-1-Folklore. McLaren unterdrückt stattdessen das Wesen seiner Athleten. Rennfahrer wollen sich von Natur aus im direkten Wettkampf miteinander messen, und nicht ferngesteuert vom Kommandostand das Ergebnis manipulieren. Lando Norris vs. Oscar Piastri ist mit den "Papaya Rules" kein Kampf der Giganten, sondern verschwendetes Potenzial.
Florian Becker

Pro: Mit Papaya Rules zum doppelten WM-Erfolg
Stimmungstöter? Also da gab es in der Formel-1-Vergangenheit ganz andere Kaliber. Stichwort: Österreich GP 2002. Wie Rubens Barrichello damals Michael Schumacher auf den letzten 100 Metern vorbei ließ und ihm den Sieg schenkte, war wirklich ein Stimmungstöter. Es zeigt aber auch, dass Teamorder kein Eingriff wider die Natur des Rennsports ist, sondern seit jeher Teil seines Wesenskerns.
Schon klar: Zwei Teamkollegen, die sich in die Kiste fahren oder sich in den Medien einen Schlagabtausch liefern, haben einen riesigen Unterhaltungswert – was in der heutigen Zeit oftmals einen zu hohen Stellenwert einnimmt. Die Vergangenheit liefert genügend Beispiele, die zeigen, dass interne Reibereien kostbare Energie verschlingen und zur Spaltung des Teams führen.
Mit den Papaya Rules will McLaren-Teamchef Andrea Stella genau das vermeiden. Statt Chaos und persönlicher Fehden setzt McLaren auf Transparenz und Prinzipien, die beide Fahrer verstehen und akzeptieren. Die "Papaya Rules" mögen dem einen oder anderen missfallen, doch der Erfolg gibt McLaren Recht.
Vor zwei Jahren noch die Lachnummer dominiert der britische Traditionsrennstall heute die Formel 1. Schon jetzt ist ihnen der Konstrukteurstitel nicht mehr zu nehmen und auch der Fahrertitel wird entweder an Oscar Piastri oder Lando Norris gehen. Und genau das ist, was geborene Racer wollen – um Siege und Weltmeisterschaften kämpfen. Beides können und dürfen Oscar Piastri und Lando Norris bei McLaren. Beide dürfen frei fahren - so auch in Italien. McLaren hat mit der Teamorder lediglich die Situation von vor dem Boxenstopp wiederhergestellt.
Kerstin Hasenbichler

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