Formel 1

Teamorder in der Formel 1: Was ist erlaubt?

Teamorder sind ein leidiges Thema in der Formel 1. Ferrari brachte die Thematik beim Monaco GP wieder auf. Doch: Was ist erlaubt, was nicht?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Team- oder Stallorder sind so alt wie der Motorsport selbst. In den Urzeiten der Formel 1 mussten Piloten manchmal sogar ihre Autos während des Rennens an den Teamkollegen abtreten, wenn der Probleme hatte. Ein solches Vorgehen ist heute freilich nicht mehr erlaubt, jeder Fahrer muss mit seinem eigenen Auto die Ziellinie überqueren. Doch Stallorder an sich gibt es noch immer.

Seit dem Monaco GP ist die Teamorder auch wieder in aller Munde. Sebastian Vettel ging mit einer besseren Strategie an Teamkollege Kimi Räikkönen vorbei. Bewiesen ist die Teamorder nicht, die Experten sind sich uneinig. Ungeachtet dessen wirft der Fall bei vielen Fans die Frage auf: Ist Teamorder eigentlich erlaubt?

Vettel-Sieg durch Ferrari-Teamorder?: (05:02 Min.)

Ganz einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Prinzipiell gilt: Verboten ist die Teamorder nicht. Aber um das genau zu verstehen, muss man etwas in die jüngere Formel-1-Geschichte blicken.

Skandal beim Österreich GP 2002

"Let Michael pass for the championship" - mit diesem Satz löste Jean Todt beim Österreich GP 2002 am Boxenfunk einen Skandal aus. Rubens Barrichello, der das Rennen auf dem A1-Ring dominierte, wurde vom damaligen Ferrari-Teamchef zurückgepfiffen und musste kurz vor der Ziellinie vom Gas gehen, damit Michael Schumacher den Sieg und somit wichtige Punkte für die Fahrerweltmeisterschaft holen konnte. Die Formel-1-Welt war empört, die offensichtliche und unfaire Stallregie von Ferrari schadete dem Ansehen des Sports.

Rubens Barrichello musste Michael Schumacher vorbei lassen - Foto: Sutton

Allerdings konnte Ferrari für die Stallorder nicht bestraft werden - im Reglement fand sich schließlich kein Passus, dass Stallorder verboten ist. Doch die Strafe von einer Million US-Dollar für den Übeltäter ging doch in die Geschichte ein? Richtig, aber die Strafe erhielt Ferrari nicht für die Stallorder.

Die Strafe wurde vom World Motorsport Council ausgesprochen, weil das Podiums- und Pressekonferenz-Prozedere nicht eingehalten wurde. Schumacher und Barrichello tauschten auf dem Podium Plätze und Pokale, in der Pressekonferenz fand sich Schumacher ebenfalls nicht auf dem Mittelplatz ein. Das widersprach Artikel 170 des Sportlichen Reglements und konnte somit bestraft werden.

Danke - Bitte: Schumacher schenkt Barrichello den Indy-Sieg - Foto: Sutton

Die Hälfte der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, die 500.000 Dollar, die fällig wurden, wurden ironischerweise auf Ferrari, Schumacher und auch Barrichello aufgeteilt. Beim US GP in Indianapolis später in der Saison kam es zum Gegengeschenk: Für das Zielfoto wollten Schumacher und Barrichello direkt nebeneinander über die Linie fahren, allerdings verzögerte Schumacher ein wenig zu heftig- und Barrichello gewann den GP.

Der Formel-1-Welt reichte es nun: Der damalige FIA-Präsident Max Mosley rief als Reaktion auf die Geschehnisse eine Arbeitsgruppe ins Leben. Diese verfasste Artikel 148 des Sportlichen Reglements, der besagte, dass Teamorder, die das Rennergebnis beeinflussen, verboten sind.

Neue Regel, neues Problem

Das Problem: Teamorder wird nicht immer so offensichtlich exerziert wie von Ferrari. Wie soll man beurteilen, ob ein Platztausch absichtlich war oder Zufall? Ein Boxenstopp kann schiefgehen, ein Pilot kann sich verbremsen und so weiter. Offensichtlich wurde das Problem beim Deutschland GP 2010. Wieder im Mittelpunkt: Ferrari.

Fernando Alonso freute sich über den geschenkten Sieg beim Deutschland GP 2010 - Felipe Massa weniger - Foto: Sutton

Felipe Massa führte das Rennen in Hockenheim souverän an, Teamkollege Fernando Alonso fuhr hinter Massa auf Platz zwei. Dann der Funkspruch an den Brasilianer: "Fernando is faster than you. Can you confirm you understood this message?" Kurz darauf fuhr Massa auf die Seite und ließ Alonso überholen.

Erneut war die Formel-1-Welt empört: Ferrari hatte sich einfach dem 2003 eingeführten Artikel widersetzt. Doch war es wirklich eine Teamorder? Rob Smedley hatte Massa am Funk keine eindeutige Anweisung gegeben, seinen Platz an Alonso abgeben zu müssen. Erneut kochten die Emotionen hoch. Die Rennstewards befassten sich mit dem Fall, ließen Ferrari aber mit einem blauen Auge davonkommen: 100.000 Dollar Strafe für die Scuderia. Kein Punktabzug, keine Disqualifikation.

100.000 Dollar Strafe gab es für Ferrari - Foto: Sutton

Der damalige Teamchef Stefano Domenicali argumentierte mit dem Funkspruch. Man habe Massa nicht zum Positionstausch aufgefordert, tatsächlich sei er sogar überrascht gewesen, als sein Pilot plötzlich langsamer wurde. Er sei von einem Getriebeproblem ausgegangen. Erneut landete der Fall vor dem WMSC, doch der hielt nur die Geldstrafe aufrecht.

Doch das Problem war nun für jedermann offensichtlich: Was nutzt eine Regel, wenn deren Einhaltung nicht zu einhundert Prozent belegt oder widerlegt werden kann? Der umstrittene Teamorder-Abschnitt, der inzwischen Artikel 39.1 war, wurde wieder aus dem Reglement gestrichen.

Ganz so einfach ist es aber noch immer nicht: Mit der Streichung von Artikel 39.1 aus dem Sportlichen Reglement wies der Regelhüter gleichzeitig auf Artikel 151.1c des International Sporting Codes hin. Dort heißt es: "Jegliche betrügerische Handlung oder jeglicher Akt, der den Interessen eines Wettbewerbs oder den Interessen des Motorsports im Allgemeinen schädlich ist, gilt als Regelbruch."

Heute: Teamorder erlaubt, aber...

Bis heute hat sich an dieser Regelauslegung nichts mehr geändert. Lediglich die Artikel wurden im International Sporting Code etwas durcheinandergeworfen. Entsprechender Abschnitt findet sich nun im Artikel 12.1.1.c.

Zuletzt sorgten Teamorder nur für teaminterne Skandale - Foto: Sutton

Größere Teamorder-Skandale blieben seither aus. Dabei gibt es auch große Unterschiede, wie eine Teamorder aussehen kann: Gang und Gäbe ist eine Stallorder, wenn Piloten auf unterschiedlichen Strategien unterwegs sind. Wenn Pilot A Chancen auf ein besseres Rennergebnis hat als Pilot B, werden oftmals Positionen getauscht. Manchmal werden die Positionen später auch wieder umgedreht, wenn Pilot A sich doch nicht weiter nach vorne arbeiten konnte.

Um das Teamresultat nicht zu gefährden, gibt es auch Nichtangriffspakte - wie bei der legendären Multi21-Affäre beim Malaysia GP 2013 zwischen Sebastian Vettel und Mark Webber. Red Bull wollte, dass sich Vettel und Webber nicht unnötig das Leben schwer machen und die Positioenn eins und zwei halten. Vettel allerdings griff Webber trotzdem an und überholte ihn.

Teilweise wird ein Pilot auch gezielt dafür eingesetzt, einen anderen Piloten zu blockieren, damit der Zeit verliert. Mercedes ließ Valtteri Bottas beim Spanien GP beispielsweise lange nicht zum Boxenstopp kommen, damit er Sebastian Vettel länger aufhalten und Lewis Hamilton somit helfen kann. Den klassischen Fall von Teamorder wie in Österreich 2002 oder Deutschland 2010 gab es seither nicht mehr. Fraglich, wie die Regelhüter in Hinblick auf Artikel 12.1.1.c des International Sporting Codes urteilen würden.


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