Formel 1 - Kolumne - Pro & Contra: Wirklich Ferrari-Teamorder?

Rote Scheinheiligkeit oder Sinnlos-Diskussion?

Ferrari und Teamorder. In der Formel 1 ein gebranntes Kind. Nach dem Monaco GP brandet das Thema wieder auf. Hat Ferrari Kimi Räikkönen um den Sieg gebracht?
von
Vettel-Sieg durch Ferrari-Teamorder?: (05:02 Min.)

Österreich GP 2001 und Deutschland GP 2010. Rennen, die jedem Formel-1-Fan auf ewig in Erinnerung bleiben werden - oder eher Funksprüche. Beide Male im Fokus: Offensichtliche Teamorder von Ferrari. Beim Monaco GP 2017 landet das Thema nun erneut in den Schlagzeilen. Diesmal hat es keinen offensichtlichen Funkspruch gegeben. Ging Ferrari dieses Mal raffinierter vor? Oder handelte es sich überhaupt nicht um Stallregie? Die Meinungen gehen auseinander.

Pro: Grundregel des Anstands gebrochen

Recht elegant gelöst war es, aber am Ende haben viele Experten klar erkannt: Ferrari hat Sebastian Vettel in Monaco gegenüber Kimi Räikkönen bevorzugt, ihm einen sicheren Sieg geraubt. Fast verständlich, hatte WM-Leader Vettel durch das schlechte Quali von Lewis Hamilton eine große Chance auf einen Big Point - und ein Sieg bringt eben sieben Punkte mehr als P2. Würde Ferrari die Teamorder wenigstens zugeben, würde das noch immer zu Kritik führen. Den ganz dicken Ärger, den Vorwurf der Schonfärberei und Scheinheiligkeit, hätte sich Ferrari aber erspart.

Warum es Teamorder war? Schon das Minenspiel der Beteiligten liefert ein Indiz, etwa von Räikkönen: So grimmig hat man selbst Kimi selten gesehen. Vor allem aber war es Maurizio Arrivabenes 'grenzenloser Jubel' über die Pole des Finnen, der erahnen ließ, wie sehr sich der Teamchef die umgekehrte Ordnung wünschen würde. Dass der schnellste Ferrari-Boxenstopp des Rennens - zum fünften Mal in sechs GP - am Auto von Vettel vorgenommen wurde: geschenkt. Auch kann man Ferrari nicht vorwerfen, dem Führenden (Räikkönen) das völlig normale Recht auf den früheren Boxenstopp (s. Mercedes 2016) verweigert zu haben. Bei einem erfolgreichen Undercut Vettels wäre das Geschrei noch viel größer gewesen.

Lewis Hamilton fürchtet: Ferrari hat Kimi Räikkönen längst zur Nummer zwei gemacht - Foto: Sutton

Also musste es irgendwie anders laufen. Wie? Mit tüchtiger Unterstützung der Charakteristik Monacos und der Pirelli. Weil sich die Reifen in Monaco kaum abnutzen, fällt das leichter werdende Auto mehr ins Gewicht als der Reifenabbau. Anders gesagt: Ein Undercut bringt in Monaco nichts, eher ein Overcut wie ihn Vettel gegen Räikkönen umsetzte. Dass Räikkönen dennoch zuerst kommt, ist angesichts des oben skizzierten Usus aber in Ordnung. Nicht fair ist dagegen:

Erstens: Ferrari timed Räikkönens Stopp so schlecht, dass er unmittelbar hinter den zu überrundenden Button und Wehrlein zurück auf die Strecke kommt. Ein zu einfacher Fehler.
Zweitens: Vettel darf satte fünf Runden länger fahren. Normal ist nach genanntem Usus aber, dass Teamkollegen unmittelbar hintereinander stoppen, um ihnen die maximal ähnliche Chance zu geben. Noch dazu hätte mit Sicherheit auch Räikkönen im ersten Stint noch schneller fahren können. Ferrari hatte die ganze Zeit nicht voll attackiert - dafür war das Zeitendelta zum Mittelfeld viel zu gering.

Fraglich nur, ob Ferrari von den Eigenschaften der Reifen überrascht war. War dies der Fall kann man Ferrari in einem Punkt verstehen: Klar, dass sie Vettel das Reifen-Comeback nutzen lassen wollen. Doch fair gegenüber Kimi war das nicht - der Finne hatte keine Chance mehr, noch einmal anzugasen, hatte ohne Not bereits gestoppt, auf seinen Arbeitgeber vertraut. Oder war es doch Kalkül? Dafür spricht die klare Prognose Pirellis: "Ultrasoft hält 77 Runden". Von offizieller Seite wird das natürlich bestritten.

Contra: Kimi nicht benachteiligt

Wie Ferrari es auch macht, ist es verkehrt. Hand aufs Herz, wer hätte dem Iceman den Sieg im Fürstentum nicht gegönnt? Selbst Sebastian Vettel hätte sich bei einem Triumph von Kimi Räikkönen wohl mitgefreut. Aber unterm Strich war der Finne ganz einfach nicht schnell genug für den Sieg. Zwar konnte er seine Führung nach dem Start behaupten, doch statt sich von Vettel abzusetzen und klare Verhältnisse zu schaffen, folgte dieser ihm wie ein Schatten.

Die Tatsache, dass Kimi nicht schneller als sein Teamkollege war, brachte Ferrari bei den Boxenstopps unweigerlich in die Zwickmühle. Egal, wie der rote Kommandostand in dieser Situation gehandelt hätte - der Aufschrei wäre so oder so groß gewesen. Hätten sie Vettel zuerst zum Reifenwechsel geholt, hätte die Scuderia per offensichtlichem Undercut die hinterhältige Stallorder zugunsten der Startnummer 5 durchgesetzt. Vettels schnellere Pace konnte nur zu Verschwörungstheorien führen.

Doch in Wahrheit ließ Ferrari seine Piloten ganz einfach frei gegeneinander fahren. Räikkönen kam zuerst an die Box, weil seine Rundenzeiten gegenüber der Konkurrenz nicht mehr schnell genug waren. Kaum war er aus dem Weg, fuhr Vettel pro Runde bis zu anderthalb Sekunden schneller - warum sollte ihn das Team da an die Box holen? Abgesehen davon gaben die Strategen Räikkönen keinesfalls eine benachteiligende Strategie an die Hand: Er konnte bei freier Fahrt und mit neuen Reifen prompt eine Sekunde finden, doch Vettel war selbst auf alten Pneus noch schneller.

Nach dem Führungswechsel fuhr der WM-Leader bis zur Safety-Car-Phase einen Vorsprung von über zwölf Sekunden auf Räikkönen heraus. Hätte letzterer die Pace für den Sieg gehabt, wäre es dazu wohl kaum gekommen. Auch wenn Ferrari aus der Vergangenheit für seine fast schon kriminellen Machenschaften am Kommandostand bekannt ist - beim Monaco-GP 2017 war davon nichts zu sehen. Der schnellere Fahrer hat verdient gewonnen, so wie das bei Autorennen manchmal ganz einfach läuft - selbst bei den Typen aus Maranello. Aber wie heißt es so schön: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ...


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter