Nach dem Großen Preis von Ungarn hängt der Haussegen bei Ferrari schief. Obwohl er von Startplatz 1 ins Rennen ging, musste Charles Leclerc vom Medienbereich zusehen, wie andere auf dem Podium feierten. Er selbst fuhr als Vierter über die Ziellinie. Während des Rennens ließ Leclerc kein gutes Haar an seinem Team. Danach folgte zwar prompt die Entschuldigung, dennoch stellt sich die Frage: Wie lange soll sich Leclerc das noch antun?

Formel-1-Experte Christian Danner glaubt, dass der Ferrari-Pilot durchaus mit dem Gedanken an einen Teamwechsel spielt. "Natürlich denkt ein Charles Leclerc darüber nach, ob ihn sein Rennfahrerleben, seine Formel-1-Karriere bei Ferrari, dorthin bringt, wo jeder Fahrer von seinem Kaliber hinmöchte, nämlich zum WM-Titel. Auch in diesem Jahr hat er sich die Frage gestellt. 'Mein Gott, was mache ich hier eigentlich? Das wird wieder nichts'", sagte Danner.

Nach außen hin betont Leclerc trotz erfolgloser Saison seine Loyalität zu Ferrari. Seit seiner Junior-Karriere ist er in Maranello zu Hause. 8 Formel-1-Siege, 27 Pole-Positions und 1542 WM-Punkte erzielte er mit der Scuderia. Erst 2024 verlängerte er seinen Vertrag mit Ferrari für mehrere Jahre.

Seit 2016 ist Charles Leclerc ein Teil des Ferrari-Förderprogramms, Foto: GP3 Series
Seit 2016 ist Charles Leclerc ein Teil des Ferrari-Förderprogramms, Foto: GP3 Series

Leclercs Alternativen? Laut Danner nicht vorhanden!

Aber was wären überhaupt die Alternativen für einen Fahrer wie Leclerc? Danner hat die Konkurrenz analysiert und das Problem erkannt: "Alternativen sind schlichtweg nicht vorhanden." McLaren hat zwar das beste Auto, aber mit Lando Norris und Oscar Piastri eine junge Spitzenbesetzung mit mehrjähriger Verpflichtung.

Die Vertragsverlängerungen von Kimi Antonelli und George Russell bei Mercedes sind nur noch eine Formsache. Zudem ist Mercedes in Sachen Performance keine enorme Verbesserung zu Ferrari. Das gilt aktuell auch für Red Bull Racing und von einem Problem-Team ins nächste zu wechseln, wäre auch nicht die ideale Karriere-Entscheidung für Leclerc.

"Deswegen muss er sich darauf konzentrieren, das Beste aus dem zu machen, was er hat", so Danner. Und das macht Leclerc gut. "Da muss man ihm ein Kompliment machen. Er macht das sehr ruhig, ohne großen Zirkus", lobte der frühere F1-Rennfahrer.

Eskalationen wie auf dem Hungaroring, bei denen Leclerc seinem Team die Schuld für schlechte Ergebnisse gibt, sind eher selten. "Er ist schnell wieder am Boden der Tatsachen und arbeitet konsequent weiter, in der Hoffnung, dass es eben doch noch klappt [mit der Weltmeisterschaft]", so Danner.

Christian Danner zweifelt Leclerc-Probleme in Ungarn an

Leclercs Sonntag ging nach dem zweiten Boxenstopp den Bach runter. Seine Pace fiel plötzlich dramatisch ab, teils war er zwei Sekunden langsamer als seine Kontrahenten. Leclerc sprach über ein Problem beim Chassis, Christian Danner ist das zu vage. "Man überlässt dem Zuschauer die Überlegung: Bis wohin geht das Chassis? Als Chassis kann man alles außer dem Motor interpretieren."

Generell zweifelte der ehemalige Formel-1-Fahrer an der Wahrhaftigkeit der Ferrari-Erklärung: "Es scheint wie Abwiegeln. Dass ein Chassis vom Boxenstopp so einen Schaden davonträgt, dass man zwei Sekunden langsamer fährt, ist sehr unwahrscheinlich." Vielmehr vermutet Danner, dass Ferrari irgendetwas gemacht hat, das komplett in die Hose ging.

Rätsel um Ferrari-Defekt! Russell: Angst vor Disqualifikation? (09:52 Min.)

Die Theorie von George Russell, Ferrari habe Leclercs Wagen zu tief eingestellt, findet der F1-Experte durchaus plausibel. "Um nicht in den kritischen Bereich zu kommen, mussten sie das Auto irgendwie höher kriegen und das ging nur, indem sie die Reifen mit ordentlich Luft aufgeblasen haben", erklärte Danner.

Durch mehr Bodenfreiheit hätte sich auch der Downforce-Level des SF-25 verringert. In Kombination mit den "Ballon-Reifen" wäre ein Zeitverlust nachvollziehbar. Ferraris Anweisung an Leclerc, im Kurveneingang früher vom Gas gehen, könnte mit einem Schutz des Unterbodens zusammenhängen.

Formel-1-Experte sieht Bodenhöhe als Ferrari-Achillesferse

Im Normalfall wird "Lift and Coast" gemacht, um Sprit zu sparen, doch Danner weiß, dass es noch einen zusätzlichen Effekt gibt: "Damit habe ich natürlich auch den Moment ausgeschlossen, wo das Auto am schlimmsten durchfedert. Man beugt schon der Richtung vor 'Bitte nicht aufsetzen, sonst werden wir wieder disqualifiziert.'"

Das passierte nämlich Lewis Hamilton in China. Seitdem hat Ferrari mit der Bodenhöhe zu kämpfen. In Spa kamen Updates, um hier mehr Spielraum zu garantieren. Ob Leclercs Ungarn-Fiasko nun wirklich Unterbodenschutz war oder nicht vielleicht doch ein Chassis-Problem, wissen nur Leclerc und Ferrari. Danner tendiert zu ersterem: "So wie ich die Situation sehe, kann man eigentlich davon ausgehen. Es läuft nur rund, wenn man tief fährt. Und deswegen muss man versuchen, das irgendwie hinzukriegen, auch wenn es schwierig ist."

Formel-1-Experte Christian Danner sprach nach dem Ungarn GP nicht nur über Leclerc, sondern auch über dessen Teamkollegen, Sauber und das McLaren-Duell. Das ganze Video gibt es hier:

Hamilton-Krise nur Show? Danner: Versteckte Drohung an Ferrari! (32:12 Min.)