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Formel 1, Trainingsanalyse: Ferrari und RB hängen Mercedes ab

Das Formel-1-Wochenende in Ungarn ist für Mercedes die erwartet harte Prüfung. Fahren Red Bull und Ferrari vorne weg? Die Trainings-Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Zum ersten Mal überhaupt in der Formel-1-Saison 2018 holte Sebastian Vettel am Ungarn-Wochenende die kumulierte Freitags-Bestzeit. Der Ferrari-Pilot fuhr im 2. Freien Training mit 1:16,834 Minuten die absolute Bestzeit und ließ mit Max Verstappen die Red-Bull-Konkurrenz um die Winzigkeit von 0,074 Sekunden hinter sich. Lewis Hamilton fehlten im besten Mercedes schon sieben Zehntel auf die Vettel-Zeit.

Die bisherige Saison lehrte uns, dass Vettel erst am Samstag so richtig erwacht. Am Freitag musste sich der Deutsche mit seinem Ferrari meist deutlich hinter der Konkurrenz anstellen. Über Nacht fand man plötzlich Performance. Wenn Vettel nun schon am Freitag vorne ist, ist dann die Messe schon gelesen? Die große Motorsport-Magazin.com Trainings-Analyse.

Ungarn: Vettel erlebt nächsten Freitagsaufschwung

Zunächst einmal: Ferrari zeigte schon an den letzten Wochenenden eine aufstrebende Freitags-Form. Vor allem Vettel hatte zu Saisonbeginn Probleme damit, schnell das Maximum aus dem Auto herzuholen. Offenbar sind die Simulationen inzwischen besser, Vettel findet seien Abstimmung schneller.

"Wir können uns noch verbessern, aber es war bislang einer der besten Freitage", meint auch Sebastian Vettel selbst. Gemeinsam mit Red Bull ging Ferrari als Favorit in das Wochenende. Auch die Bullen zeigten sich stark, doch wie immer gibt es ein Problem: das Qualifying.

Red Bull trotz neuem Benzin und Ungarn-Layout mit Quali-Sorge

In der Theorie braucht Red Bull am Freitag den Vorsprung X, um im Qualifying vorne zu bleiben. Durch die Motormodi der Konkurrenz - vor allem von Ferrari - verliert Red Bull am Samstag immer deutlich. In Budapest wird das naturgemäß etwas weniger sein, weil der Hungaroring zu den langsamsten Strecken im Kalender zählt und Motorleistung etwas weniger wichtig ist, doch zu unterschätzen ist der Leistungs-Faktor keineswegs.

Auch das neue Benzin, das Red Bull endlich zur Verfügung hat, kann daran nichts ändern. Weil Red Bull einen anderen Benzinlieferanten hat als das Werksteam von Renault, musste das Benzin auf die B-Spezifikation angepasst werden, damit das volle Potential entfaltet werden kann. Die Ergebnisse sind verblüffend: Red Bull spricht von 1,5 Zehntel, die der neue Treibstoff bringen soll - aber auch für den alten Motor, den Daniel Ricciardo im Einsatz hat. Die B-Spezifikation des Motors liefert dafür nicht mehr Leistung als die A-Spezifikation.

Nicht umsonst klagte Max Verstappen schon wieder: "Wir verlieren noch immer ein wenig Zeit auf den Geraden." Nirgends wird das so deutlich wie in den Sektorzeiten. Der erste Sektor besteht lediglich aus Start/Ziel, der langsamen Kurve eins, einem kleinen Beschleunigungsstück zur langsamen Kurve zwei und einem verhältnismäßig langem Vollgas-Stück.

Und tatsächlich ist Sektor eins der einzige Abschnitt, in dem Vettel schneller fuhr als Verstappen. Überraschend deutlich sogar: Rund drei Zehntel verlor der Red Bull dort auf den Ferrari. In den kurvenreichen Sektoren zwei und drei holte Verstappen jeweils eine Zehntel auf.

Beste Sektorzeiten 2. Training Ungarn GP

Verstappen Vettel Hamilton
Sektor 1 27,876 27,562 27,682
Sektor 2 27,223 27,348 27,495
Sektor 3 21,809 21,924 22,038
Theoretische Bestzeit 76,908 76,834 77,215

Viel wird Red Bull dort über Nacht nicht finden können. "Aber ich glaube, dass wir mit der richtigen Präparierung der Reifen in den Kurven eins und zwei mehr, oder sofort, ans Limit gehen können", so Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko im Interview mit Motorsport-Magazin.com.

Allerdings kann das auch gefährlich werden, wie Marko weiß: "Natürlich besteht dann die Gefahr, dass du die Reifen so strapazierst, dass du im dritten Sektor nicht mehr das Optimum hast. Aber in diese Richtung müssen wir arbeiten."

Reifen in Ungarn-Hitze das große Thema - vor allem bei Mercedes

Das Überhitzen der Reifen ist auf dem Hungaroring ein großes Thema. Für die sensiblen Pirelli-Pneus gibt es kaum Verschnaufpausen. Fast pausenlos befinden sich die Autos in irgendwelchen Kurven, Erholungsphasen gibt es quasi nicht. Pausenlos arbeiten die lateralen Kräfte an den Gummis.

Das Temperaturmanagement ist deshalb besonders schwierig. Mercedes hatte hier offenbar die größten Probleme - was sich auch am Ergebnis widerspiegelte. "Dies ist eine schwierige Strecke und die Reifen überhitzen", klagte Lewis Hamilton. Teamkollege Valtteri Bottas schließt sich an: "Wir hatten damit zu kämpfen, die Ultrasoft-Reifen konstant zum Arbeiten zu bekommen und es gab auch ein paar Überhitzungsprobleme."

Bei Mercedes läuten die Alarmglocken. Hätte Hamilton seine Runde zusammenbekommen, würde der Rückstand zwar deutlich geringer ausfallen, doch so kann man in Ungarn nicht rechnen. Wer es zu Beginn der Runde übertreibt, bezahlt später den Preis dafür. Deshalb ist die theoretische Bestzeit nur bedingt etwas wert - doch ganz so weit weg wie es scheint ist Mercedes nicht.

Longruns: Blistering ja oder nein?

Das zeigen auch die Longruns. Blistering war zwar für alle Teams ein Thema, allerdings nicht so schlimm wie befürchtet. Von den Top-Teams hatte Mercedes am meisten mit dem Aufplatzen zu kämpfen. Doch auch der Ultrasoft-Reifen sah bei Mercedes nach dem Longrun visuell und zeitentechnisch nicht dramatisch aus.

Aber Vorsicht ist geboten: Im 2. Freien Training zogen Wolken auf, die Streckentemperatur sank zur Longrun-Zeit drastisch. Der extrem dunkle Asphalt hatte sich zwischenzeitlich auf 60 Grad Celsius erhitzt. Wird es im Rennen ähnlich heiß, könnten sich die Blistering-Probleme drastisch verschlimmern - noch dazu im Verkehr.

Longruns auf Ultrasoft, gefahren mit vollen Tanks

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Verstappen 16 12 1:22,351
Vettel 26 17 1:22,510
Hamilton 21 11 1:22,667
Räikkönen 13 3 1:22,682
Ricciardo 16 11 1:22,716
Bottas 22 12 1:22,734

Bei den Longrun-Zeiten auf Ultrasoft gab Verstappen den Ton an. Er fuhr im Schnitt rund anderthalb Zehntelsekunden schneller als Vettel. Allerdings fuhr der Ferrari-Pilot mit älteren Reifen einen längeren Stint. Rechnet man bei Vettels Longrun nur die ersten zwölf Runden - so viele fuhr Verstappen - kommen die beiden fast auf die Tausendstel genau auf die gleiche Rundenzeit.

Hinter Verstappen und Vettel tut sich bei den Ultrasoft-Longruns eine kleine Lücke auf. Hamilton fehlen bereits drei Zehntel, Kimi Räikkönen ebenfalls. Eine weitere Zehntel dahinter landete Daniel Ricciardo und Valtteri Bottas.

Longruns auf Soft, gefahren mit leeren Tanks

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Vettel 19 8 1:20,908
Hamilton 21 11 1:21,290
Bottas 24 15 1:21,301
Verstappen 16 12 1:21,315
Ricciardo 20 10 1:21,407

Auf den Soft-Reifen sieht das Bild jedoch anders aus. Vettel dominiert hier klar vor Lewis Hamilton, dem erneut ziemlich genau drei Zehntelsekunden fehlen. Red Bull war auf dem Soft fast gleichauf mit Mercedes. Den Medium musste von den Top-Teams lediglich Kimi Räikkönen austesten.

Fazit: Auf eine Qualifying-Runde wird Red Bull keine Chance haben gegen Ferrari. Doch Red Bull könnte Mercedes aus eigener Kraft hinter sich halten. Red Bull könnte sich für Vettel als probates Hilfsmittel im WM-Kampf erweisen.


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