Formel 1 - Großbritannien GP: Die Tops & Flops

Ja, er lebt noch! Alonso an der Spitze

Silverstone 2017 hatte allerhand zu bieten: Lewis Hamilton badete im Ruhm, Sebastian Vettel im Frust und Fernando Alonso in Nostalgie. Die Tops und Flops.
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Top: Alonso an der Spitze

Ja, es war nur das Q1 - und doch hatte es eine ganz besondere Wirkung, als Fernando Alonso mit seiner Last-Minute-Runde das Zeitentableau toppte. Abgesehen davon, dass es die erste McLaren-Bestzeit in einem Qualifying seit Indien 2013 war, als Jenson Button ebenfalls im Q1 auftrumpfte, war Alonsos Runde vor allem eines: Ein Beweis für den unbändigen Willen des zweitmaligen Weltmeisters. Aufgrund eines Motorwechsels mit darauffolgender Strafversetzung um 30 Positionen war das Qualifying für Alonso eigentlich schon vor dem Wochenende gelaufen. Den ehrgeizigen Spanier konnte das jedoch nicht davon abhalten, im Zeittraining trotzdem nichts unversucht zu lassen.

Letztendlich war es die Art und Weise wie Alonso seine Bestzeit fuhr, welche der Show die Krone aufsetzte. Der 35-Jährige brach seinen letzten Run auf Intermediates ab und holte sich in nahezu aussichtsloser Position einen Satz Supersoft-Reifen ab. Einen Wimpernschlag vor dem Ablauf der Zeit überquerte Alonso die Ziellinie. "Wir hatten Glück", gestand er im Nachhinein. Glück hatte er nicht nur beim Timing, sondern auch damit, dass er sich die besten Streckenbedingungen zunutze machen durfte. All das änderte jedoch nichts daran, dass Alonso mit seinem Einsatz und der Bestzeit die Fans in Silverstone und vor den Bildschirmen feiern ließ.

Flop: Kvyat-Torpedo - Die Fortsetzung

Was ist nur bei Toro Rosso los? Carlos Sainz gerät durch seinen Zwist mit dem Red-Bull-Management in die Negativ-Schlagzeilen und Teamkollege Daniil Kvyat sorgt dafür, dass es auch sportlich beim Junior-Team der Bullen nicht läuft. Nach Baku und Spielberg war der Russe in Silverstone zum dritten Mal in Folge in ein Durcheinander in der ersten Runde involviert. In Großbritannien schoss er allerdings den Vogel - oder in diesem Fall den Teamkollegen - ab. Nachdem Sainz in der ultraschnellen Copse-Kurve außenherum ein sehr ansehnliches Überholmanöver gegen Kvyat vorgeführt hatte, versuchte dieser in der darauffolgenden Maggots zu kontern.

Die Toro-Rosso-Teamkollegen Sainz und Kvyat kamen sich in Silverston erneut ins Gehege - Foto: LAT Images

Der Russe schoss jedoch über das Ziel hinaus, konnte seinen Boliden erst nicht auf der Strecke und dann auch bei der Rückkehr auf das Asphaltband die Linie nicht halten. Sainz, der seit der Auseinandersetzung mit Christian Horner und Dr. Helmut Marko mit seinen Aussagen recht sparsam ist, ließ die Bilder für sich sprechen. Ich werde meine Meinung nicht äußern, das soll intern bleiben", so der Spanier. Kvyat sah die Schuld beim Teamkollegen, der ihm nicht ausreichend Platz gelassen habe. Sichtlich verärgert über die Streitereien bei Toro Rosso zeigt sich Marko im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com: "Was da passiert ist, war inakzeptabel."

Top: Hamiltons Antwort an seine Kritiker

Im Vorfeld des Großbritannien GP war Lokalmatador Lewis Hamilton das große Thema. Jedoch nicht wegen seiner Favoritenrolle, sondern aufgrund der Tatsache, dass er in der Woche vor dem Rennen der Formel-1-Veranstaltung im Herzen Londons als einziger der 20 Piloten ferngeblieben war - um stattdessen Urlaub in Griechenland zu machen. Zurück im Auto ließ Hamilton davon aber nicht irritieren. Pünktlich zum Qualifying ließ er in Silverstone den Hammer fallen und hob diesen auch bis zum Fallen der Zielflagge praktisch nicht mehr auf: Pole Position, Start-Ziel-Sieg und schnellste Runde sorgten für den fünften Grand Slam seiner Karriere, der nach Shanghai und Montreal gleichzeitig der dritte in der laufenden Saison war.

Lewis Hamilton genoss in Silverstone sein obligatorisches Bad in der Menge - Foto: Sutton

Nach getaner Arbeit zeigte Hamilton sich auch gewohnt Fan-nahe. Während Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen schon in der Pressekonferenz Platz genommen hatten, genoss Hamilton das Crowdsurfing in der Menge und ließ sich vom Publikum feiern. Es gibt keinen Grund, meine Vorbereitung in Frage zu stellen", ließ Hamilton seine Kritiker wissen. "Ich habe mehr Poles als die meisten und sammele Siege. Wenn ihr jetzt nicht wisst, dass meine Vorbereitung passt, dann werdet ihr es wohl nie verstehen." Die Ansage hätte es nach einem derart dominanten Wochenende eigentlich nicht gebraucht, doch berechtigt war sie allemal: Zweifelt nicht am König von England.

Flop: Vettel jammert über Verstappen

Silverstone 2017 war in Sachen Rennaction sicherlich nicht die Offenbarung. Letztendlich lieferte Max Verstappen im ersten Renndrittel mit seinem beherzten Kampf gegen Sebastian Vettel für die spektakulärsten Szenen beim Grand Prix. Den WM-Leader begeisterte er mit seinem Engagement allerdings weniger. Vettel motzte zuerst im Funk über Verstappens Kampflinie und obwohl er nach dem Rennen gelassener auftrat, konnte er sich die üblichen Maßregelungen nicht verkneifen. "Es ist nicht richtig zu sagen, dass ich es erwartet habe. Aber wir wissen, dass er sich da gerne ein bisschen bewegt und sich so hart wie möglich verteidigt", kritisierte Vettel.

Der viermalige Weltmeister mimte zwar auch Nachsicht: "Er ist noch jung und muss da noch ein bisschen lernen. Er wird sich da schon noch beruhigen, schließlich hat er noch nicht so viele Rennen gefahren." Doch tatsächlich gab es weder für diese noch für die Kritik einen Grund. Verstappen und er fuhren hart gegeneinander, doch der Red-Bull-Pilot ging dabei keineswegs zu ungestüm oder gar unfair zu Werke. Im Gegenteil: Verstappen lieferte eine Gala-Vorstellung ab, als er in der schnellen Stowe-Kurve seine Position auf der Außenbahn verteidigte. Vettel ärgerte einfach nur, dass er sich am 19-Jährigen die Zähne ausbiss. Unter Racern sollte das aber kein Grund sein, dem Gegner übel nachzureden.

Top: Bottas und Ricciardo räumen auf

Neben Verstappen sorgten Valtteri Bottas und Daniel Ricciardo in Silverstone für die Unterhaltung. Beide kassierten früh am Wochenende Strafen aufgrund von Getriebe- bzw. Motorwechseln, womit sie in der Startaufstellung nach hinten durchgereicht wurden. Für Mercedes-Pilot Bottas ging es von Platz neun ins Rennen, Ricciardo stand sogar in der letzten Reihe. Im Rennen ließen die Beiden dann jedoch nichts anbrennen. Bottas nutzte die Pace seines Silberpfeils und fuhr aus eigener Kraft bis auf den dritten Platz vor. Kurz vor Schluss profitierte er dann noch von Räikkönens Reifenschaden und sorgte als Zweiter für einen Mercedes-Doppelsieg.

Daniel Ricciardo fuhr aus der letzten Startreihe auf Platz fünf - Foto: Sutton

Red-Bull-Mann Ricciardo wurde vom 19. Platz aus starker Fünfter und sorgte mit einer doppelten Aufholjagd für Furore. Zu Beginn des Rennens war er laut eigenen Angaben "zu gierig" gewesen und kam im Kampf mit Romain Grosjean kurz von der Strecke ab. Damit begann die Action für ihn von vorne. Den Ritt durchs Feld genoss der Australier dadurch aber nur umso mehr. "Ich liebe den Kampf in diesem Sport und heute konnte ich das wirklich richtig genießen. Was den Spaßfaktor angeht, würde ich diesem Rennen zehn von zehn Punkten geben", frohlockte Ricciardo.

Flop: Reifenschäden bei Ferrari

Ferrari hatte in Silverstone zweifelsohne von Beginn an ein hartes Wochenende. Schon früh zeichnete sich ab, dass Mercedes auf dem britischen Traditionskurs die Hosen an haben würde. Im Rennen war für Vettel nach einem verpatzten Start und dem rundenlang Kampf mit Verstappen ohnehin nicht mehr als Schadensbegrenzung in Form eines vierten Platzes drin - doch am Ende sollte es nicht einmal der werden. In der 49. Runde ging zunächst bei Teamkollege Kimi Räikkönen in zweiter Position der linke Vorderreifen hoch, eine Runde später erwischte es auch Vettel.

Wer hat Schuld am Reifen-Desaster?: (4:25 Min.)

Während Räikkönen immerhin noch Dritter wurde, war für den WM-Leader nur noch Platz sieben drin. "Es war keine Sternstunde der Reifen", sah Vettel die Schuld offenbar bei Pirelli. Ein Ergebnis der Untersuchung durch den Reifenhersteller steht zwar noch aus, doch dass die Reifenschäden ausgerechnet bei der Scuderia auftraten, dürfte zu denken geben. So oder so floppte Ferrari in seiner Rolle als WM-Anwärter in Silverstone.

Top: Max ärgert Seb - nur so zum Spaß

Während Vettels Kritik an Verstappen wohl lediglich ein Ausdruck der Frustration war, konnte der Red-Bull-Pilot das Duell in vollen Zügen genießen. Nachdem er am Start an Vettel vorbeigegangen war, machte sich Verstappen ohnehin keine Illusionen, den Ferrari allzu lange hinter sich halten zu können. Einen Grund Vettel deshalb vorbeizuwinken, sah er aber nicht. "Also versuchte ich einfach nur alles mir mögliche, um vorne zu bleiben und ein bisschen Spaß zu haben."

Verstappen genoss den Kampf gegen Vettel in vollen Zügen - Foto: LAT Images

Verstappen freute sich hinterher darüber, nur beim Boxenstopp überholt worden zu sein: "Zum Glück hat er es nicht geschafft, auf der Strecke an mir vorbeizugehen. Darüber bin ich wirklich glücklich." Ohne Verstappens Ehrgeiz wäre der Kampf nach wenigen Kurven vorbei gewesen, doch dank dem hungrigen Youngster bekamen die Zuschauer einen spannenden Fight zu sehen.

Flop: Palmer-Pech beim Heim-Grand-Prix

Jolyon Palmer erlebt eine desaströse zweite Saison in der Formel 1. Seit der ersten Trainingssession läuft er Teamkollege Nico Hülkenberg hinterher und beinahe genauso lange wird darüber diskutiert, wer den Briten noch in diesem Jahr bei Renault ersetzen könnte. Seit Baku scheint sich Palmer jedoch etwas gefangen zu haben und liegt nicht mehr so weit abgeschlagen hinter dem Hulk.

Jolyon Palmer musste seinen Renault schon vor dem Start abstellen - Foto: Sutton

Beim Heimrennen in Silverstone sorgte er mit Platz elf im Qualifying für gute Voraussetzungen, um endlich die ersten WM-Punkte der Saison einzufahren. Doch dazu sollte es nicht kommen: Ein Hydraulikdefekt sorgte dafür, dass Palmer seinen Renault noch in der Einführungsrunde abstellen durfte. "Es tut uns so leid, wir entschuldigen uns bei ihm", so die mitfühlenden Worte von Renaults Managing Director Cyril Abiteboul.

Top: Silverstone mit der neuen Formel 1 noch geiler

Seit jeher zählt Silverstone mit seinen ultraschnellen Kurvenkombinationen zu den Lieblings-Rennstrecken unter den Formel-1-Piloten. Dank des 2017er Reglements hatten die Downforce-Junkies der Königsklasse in dieser Saison erst Recht ihren Spaß auf dem ehemaligen Militärflugplatz der Royal Air Force. "Die Strecke ist absolut unglaublich mit diesen neuen Autos. Es war ohnehin schon eine der besten Strecken der Welt, aber mit diesem Auto und diesen Geschwindigkeiten, die wir nun durch die Kurven mitnehmen können, ist es einfach phänomenal", schwärmte Hamilton, der mit seiner Pole-Runde von 1:26.600 Minuten den bisherigen Rekord um über zweieinhalb Sekunden unterbot.

High-Speed-Mekka: So geil ist Silverstone mit den neuen F1-Autos: (2:48 Min.)

Flop: Toto Wolff grillt Grosjean

Romain Grosjean sorgte in Silverstone sportlich nicht unbedingt für Schlagzeilen, doch am Samstag war der Haas-Pilot trotzdem in aller Munde. Nach dem Qualifying beklagte er sich, auf seiner schnellsten Runde von Lewis Hamilton blockiert worden zu sein. Die Rennleitung war auf der Seite des Briten und sprach keine Strafe aus. Für Grosjean ein klarer Beweis für die Bevorzugung des Superstars: "Wenn es ein anderer Fahrer gewesen wäre, hätte er etwas bekommen", schimpfte der Franzose.

Grosjean bekam nach seiner Hamilton-Kritik Toto Wolffs Verbal-Keule übergezogen - Foto: Sutton

Hamiltons Boss Toto Wolff holte am Samstagnachmittag daraufhin zu einem nicht ganz verhältnismäßigen Gegenschlag aus. "Es gibt welche, die immer jammern. Einfach weiter jammern. Wenn Romain Grosjean kommt und Strafen für andere Fahrer fordert, dann sollte man sich mal seine Erfolgsbilanz ansehen. Er sollte froh sein, dass er in der Formel 1 fährt", feuerte Wolff zurück.


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