Der Fahrermarkt der MotoGP für 2027 läuft bereits vor dem Saisonstart 2026 heiß. "Wir wussten, dass die Puzzleteile sich sehr schnell einfügen würden, aber das muss wohl der schnellste [Fahrermarkt, Anm. d. Red.] in der Geschichte sein", meinte zuletzt etwa Legende Dani Pedrosa bei DAZN. Im Hauen und Stechen um die Stars von heute und die Talente der Zukunft - wie etwa David Alonso und Dani Holgado - könnten einige etablierte Namen überbleiben. Vier Fahrer sehen wir bei Motorsport-Magazin.com als besonders gefährdet. Sie alle sind MotoGP-Sieger.

Franco Morbidelli: Nur Freundschaft reicht nicht

Machen wir uns nichts vor. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum Franco Morbidelli noch in der MotoGP fährt. Dieser trägt den Namen Valentino Rossi. Die persönliche Freundschaft zum 'Doctor' und die jahrelange Mitgliedschaft in seiner VR46-Academy haben ihm in den letzten beiden Jahren einen Karriere-Rettungsanker in Form von dessen MotoGP-Team garantiert.

Franco Morbidelli sorgt gerne mal für Ärger, Foto: MotoGP Press
Franco Morbidelli sorgt gerne mal für Ärger, Foto: MotoGP Press

Doch das scheint nun vorbei. Die ständigen Aussetzer und Eskapaden des gelegentlich durchaus schnellen Morbidelli kann auch sein Förderer nicht mehr über 2026 hinaus verteidigen. Offen warben die Bosse von VR46 um Pedro Acosta. Diesen wird wohl das Werksteam von Ducati bekommen, aber es ist klar, dass ein neuer Fahrer an der Seite von Fabio Di Giannantonio geplant ist. Rossi behauptete beim Launch sogar, dass er seine Fahrer für die Saison 2027 bereits kenne. Wir lehnen uns nicht weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass es Morbidelli kaum sein wird. An anderer Stelle dürfte der einstige Vizemeister ohnehin keinerlei Chance mehr haben.

Brad Binder: Die Luft beim einstigen Hoffnungsträger scheint raus

Wie sich die Zeiten ändern können. Vor einigen Jahren war Brad Binder bei KTM noch die klare Speerspitze. Der Südafrikaner fuhr den Rest des Kaders phasenweise in Grund und Boden. Viele sahen in ihm sogar einen WM-Kandidaten, sobald Mattighofen das Motorrad dazu liefern würde. Die Ankunft von Pedro Acosta hat dieses Bild sehr schnell verändert. Binder wurde als Hoffnungsträger abgelöst und rutschte seitdem in den gehobenen Durchschnitt. Sein letzter Podestplatz datiert auf den Saisonauftakt 2024. Acosta sammelte seitdem zehn Pokale. Angesichts dieses Trends hat Mattighofen als neuen Impuls für Binder sogar einen prominenten Crewchief spendiert:

Aus dieser Ausgangslage sein MotoGP-Aus zu begründen, wirkt auf den ersten Blick überhart. Aber die Aktie Binder strahlt kaum noch Zukunftswert aus. Der 30-Jährige konnte seine Qualifying-Schwäche nie nachhaltig ablegen. Maverick Vinales machte einen wesentlich stärkeren Eindruck, KTM baggert an Alex Marquez und dem hochkarätigen Nachwuchs-Duo aus David Alonso und Dani Holgado muss eigentlich ein MotoGP-Angebot gemacht werden, sonst wird es die Konkurrenz tun.

Brad Binder ist nurmehr Mittelmaß, Foto: KTM Media
Brad Binder ist nurmehr Mittelmaß, Foto: KTM Media

Für Brad Binder könnte zwischen vielversprechenderen Optionen schlichtweg kein Platz mehr sein, obwohl er immer noch ein ordentlicher MotoGP-Pilot ist. Eine Alternative zu KTM scheint sich derzeit auch nicht aufzutun. Die anderen Hersteller wollen die Stars oder die größten Talente. Übrigens findet sich vielleicht auch KTM-Kollege Enea Bastianini in einer ähnlichen Position wieder. Für ihn spricht jedoch das geringere Alter und das mögliche Interesse der italienischen Hersteller.

Alex Rins: Der Bruch in der Karriere liegt bereits drei Jahre zurück

Wenn wir über pures Fahrtalent sprechen, so ist Alex Rins über jeden Zweifel erhaben. Der Spanier galt nach insgesamt sechs MotoGP-Siegen sogar als ein möglicher Titelkandidat der Zukunft, das richtige Motorrad vorausgesetzt. Dieses hat er seit 2022 nicht mehr fahren dürfen. Geholfen wurde ihm dadurch sicher nicht, doch stellt das Material nicht den Grund für das drohende MotoGP-Aus dar. Der 10. Juni 2023 wird im Nachhinein wohl als der Anfang vom Ende einer Karriere gelten, die so viel mehr hätte sein können.

Alex Rins droht das MotoGP-Aus, Foto: Monster Energy Yamaha MotoGP
Alex Rins droht das MotoGP-Aus, Foto: Monster Energy Yamaha MotoGP

Damals zog sich Rins sich bei einem heftigen Sturz im Sprint von Mugello komplizierte Brüche des rechten Beins zu - und ist seitdem nicht mehr der Alte. Zwischenzeitlich bewegte er sich sogar mit einer Krücke durch das Paddock, später stabilisierte eine Schiene das Bein. Über seine unglaublichen Leiden im Nachgang sprach der Lockenkopf erstaunlich offen. Monatelang konnte er nicht einmal den Kinderwagen seines kleinen Sohnes schieben. Dennoch brannte der Wille zum Comeback, zu seiner Leidenschaft Motorradsport.

Alex Rins mit Schiene am rechten Bein auf einem Roller im MotoGP-Paddock
Die Beinschiene von Alex Rins im Paddock, Foto: IMAGO / PsnewZ

Doch die Verletzung forderte nicht nur im Privatleben ihren Tribut, sondern auch auf der Strecke. Nur in vereinzelten Sessions konnte Rins seit seiner Rückkehr das große Können noch aufblitzen lassen. Gegen Yamaha-Teamkollege Fabio Quartararo geht er meistens unter. Die bittere Wahrheit scheint, dass kein Hersteller ihm nochmal einen Vertrag über 2026 hinaus geben wird. Verdient hat er dieses Schicksal nicht, doch sein körperlicher Zustand macht es wohl unumgänglich.

Jack Miller: Ist der Entwicklungsfahrer noch gefragt?

Dass Jack Miller bei Pramac dem eigentlich mit einem Vertag für 2026 ausgestatteten Miguel Oliveira vorgezogen wurde, hat nicht unbedingt mit überragenden sportlichen Leistungen zu tun. Der Australier ist immer wieder für eine schnelle Runde im Qualifying gut, doch fällt er in den Rennen zumeist zurück oder stürzt gar. Die Punkteausbeute verbleibt dadurch eher mager.

Jack Miller bringt die Punkte oft nicht nach Hause, Foto: IMAGO / PsnewZ
Jack Miller bringt die Punkte oft nicht nach Hause, Foto: IMAGO / PsnewZ

Doch der 31-Jährige hat durchaus etwas anderes zu bieten - und damit sind nicht seine hohen Beliebtheitswerte dank regelmäßiger Show-Einlagen gemeint. Vielmehr hat er vor seinem Yamaha-Engagement schon reichlich Runden für Honda, Ducati und KTM gedreht. Die fahren alle seit jeher mit V4-Motor, welcher ab 2026 auch die M1 befeuert und dringend weiterer Verbesserung bedarf. Millers Rückmeldung als Entwicklungsfahrer zu diesem Projekt wird intern geschätzt. Ob dieser Aspekt allein für einen Verbleib in der Königsklasse ausreicht, ist jedoch fraglich.

Vielmehr hängt seine Zukunft wohl mit dem Erfolg Yamahas auf dem Fahrermarkt zusammen. Jorge Martin scheint bereits als Ersatz von Fabio Quartararo auf dem Weg und weitere Spitzenleute werden ins Visier genommen. Ebenso hat Yamaha mit Pramac ein neues Nachwuchsprogramm auf die Beine gestellt, könnte also durchaus auch auf einen Rookie schielen. Miller kann nur mit einer deutlichen Leistungssteigerung die Zukunft in die eigene Hand nehmen, sonst ist er von den Launen des Marktes abhängig und bleibt höchstens ein Plan B für seinen Arbeitgeber. Vom Interesse anderer Werke ist ohnehin nichts bekannt.

Was voraussichtlich die nächsten Schritte im MotoGP-Fahrermarkt sein werden, hat Markus in seinem neuesten Video für euch zusammengefasst:

Bagnaia, Alex Marquez & Co.: Die nächsten MotoGP-Wechsel (10:28 Min.)