Alles war angerichtet für einen spektakulären Rennstart. Die Fans in Europa saßen vor dem Fernseher und freuten sich zur besten Sendezeit auf den Amerika Grand Prix in Austin. Vor dem Start hatte es noch geregnet, aber drei mutige Fahrer setzten bei abtrocknender Strecke bereits auf Slicks. Würden sie richtig pokern? Die Spannung stieg und die MotoGP spielte ihr Intro ein. Doch plötzlich verstummen die Fanfaren der Titelmelodie - die Regie musste umschalten, denn es herrschte pures Chaos! Mehrere Fahrer rannten wie wild in die Boxengasse. Maverick Vinales lief auf der Startaufstellung plötzlich ohne Motorrad herum. Die Rennleitung sah keinen Ausweg: Der Start wurde aus Sicherheitsgründen abgebrochen. Der Initiator des Tohuwabohus von Austin hatte bekommen, was er wollte. Er meint, die Regeln einmal mehr ausgehebelt zu haben. Tatsächlich hatte er aber einfach nur Glück.

Marc Marquez erzwingt Austin-Start-Abbruch - und bleibt unbestraft

Die Rede ist natürlich von Marc Marquez. Einzig Teamkollege Francesco Bagnaia ahnte, was der Superstar vorhatte: "Ich habe gesehen, dass er nicht auf seinem Motorrad war, er saß nicht. Ich habe dann schon gedacht, dass er das machen wird." Tatsächlich stand der Mann mit der 93 neben seiner Ducati und saß nicht auf ihr. Alles bereit für den Sprint in Richtung Boxengasse - und alles durchgeplant. "Ich habe vorhergesehen: Wenn ich gehe, dann werden mir mehr als zehn Fahrer folgen. Dann werden sie das Rennen abbrechen. Und genau das passierte. Wir haben alles gut hinbekommen, das war perfekt", erklärte er stolz seine verwegene Vorgehensweise. "Ich kenne die Regeln gut und weiß, wie man da immer ans Limit gehen kann", fügte der Ducati-Pilot selbstbewusst hinzu.

MotoGP-Farce erklärt: Was wollte Marquez? Was sagen die Regeln? (10:13 Min.)

Doch diesmal müssen wir ihn vom hohen Ross holen. Seine Taktik ist aufgegangen, aber nur aufgrund Unvermögens anderer und nicht, weil er das Regelbuch besonders gut beherrscht. Im Falle eines normalen Rennstarts wäre Marquez auf Regenreifen gegen die Slick-Starter chancenlos gewesen, das wurde ihm in den Minuten zuvor klar. Natürlich hätte er gemäß Flag-to-Flag-Regeln während des Rennens auf das Motorrad mit Trockenreifen steigen können, aber eine Durchfahrt der Boxengasse samt Bike-Wechsel dauert in etwa 30 Sekunden. Das holt auch ein Marc Marquez auf seiner Paradestrecke nicht mehr auf. Er musste den Abbruch erzwingen, der seiner Meinung nach bei zehn Fahrern in der Boxengasse erfolgt wäre. Tatsächlich braucht es laut Regeln dazu aber elf Mann, doch nur neun folgten ihm. Außerdem bezieht sich der von ihm auserkorene Paragraph 1.18.7. des Sportlichen Reglements auf einen Start aus der Boxengasse. Es stand aber erst die Aufwärmrunde an, nach der sich alle wieder in der Startaufstellung eingeordnet hätten. Marquez lag also doppelt falsch - und bekam dennoch, was er wollte. Der Abbruch aus Sicherheitsgründen war angesichts der chaotischen Szenen vertretbar, der wahre Fehler der Rennleitung kam erst danach.

In den Regeln steht seit 2025 für Szenarien vor Rennstart eindeutig: Der Wechsel des Reifentyps in der Boxengasse wird eine Durchfahrtsstrafe zur Folge haben. Marquez und die weiteren neun Fahrer, welche ihm gefolgt waren, hätten diese nach dem Start allesamt absitzen müssen. Das sind in Austin etwa 27 Sekunden, also ebenfalls vollkommen uneinholbar. Doch die MotoGP-Stewards sprachen keinerlei Strafen aus, weil sie es nicht durften. Erst wenn ein Vorfall von der Rennleitung im Steward-Büro gemeldet wird, können die Schiedsrichter ihr Urteil sprechen. Doch das geschah nicht. Ein haarsträubendes Versäumnis. Rennleiter Mike Webb gab danach eine halbgare Erklärung ab: "Ein Neustart des Rennens war die sicherste Lösung, um auf die noch nie dagewesenen Umstände beim Start des Grand Prix zu reagieren. Wir werden die Situation gemeinsam mit den Teams analysieren und das Reglement überarbeiten."

Für die drei Fahrer auf Slicks - Ai Ogura, Enea Bastianini und Brad Binder - war dieses Unvermögen ein Schlag ins Gesicht. Für sie hätten sich zehn Gegner vor ihnen in Luft aufgelöst und die auf der Startaufstellung verbliebenen Fahrer hätten mit Regenreifen keine Chance gehabt. Im Prinzip wäre damit das Podium vom Start weg an die drei Mutigen vergeben gewesen. Kein Wunder also, dass Oguras Teamchef Davide Brivio schäumte: "Ich bin sehr verärgert. So kann man einen Start nicht handhaben. Wir sind ein Risiko eingegangen und haben die richtige Wahl getroffen, aber man hat uns nicht erlaubt, mit dieser richtigen Wahl zu starten. Jetzt ist alles dahin." Marquez kam mit seiner Aktion durch, obwohl sie auf mehreren Ebenen nie hätte funktionieren dürfen. Er war in diesem Fall nicht so besonders clever, wie er sich sonst gerne darstellt, sondern das System besonders schwach. Und es war leider bei Weitem nicht der erste Fall solcher Unzulänglichkeiten.

Marquez torpediert Oliveira: MotoGP-Strafe löst sich in Luft auf

Der Kampf der Regelhüter gegen findige Fahrer, Teams und Hersteller ist natürlich seit jeher ein zentraler Teil des Motorsports, nicht nur der MotoGP. Doch es ist schon auffällig, wie oft die Königklasse der Motorräder Schlupflöcher zugelassen hat, oder bei der Anwendung der eigenen Regeln versagte. Die Hybris von Marquez kommt nicht von ungefähr, er ist bereits mehrfach viel zu einfach mit so etwas durchgekommen. Darum folgten ihm auch so viele Fahrer. "Ich hatte überhaupt keine Idee, ich habe mir nur gesagt: 'Mach, was Marc macht'. Er war in solchen Situationen schon immer sehr clever", kommentierte Fabio di Giannantonio nach dem Austin-Chaos vielsagend. Tatsächlich gibt es da so einige Beispiele, wir blicken auf das letzte.

Dafür müssen nicht allzu weit zurückgehen. Noch auf der Honda sitzend räumte ein völlig übermotivierter Marc Marquez zum Saisonauftakt 2023 Miguel Oliveira bei dessen Heimrennen in Portimao ab. Die Folge war eine doppelte Longlap-Strafe für das nächste Rennen in Argentinien. Doch der Spanier saß diese nie ab. Nicht nur Pechvogel Oliveira, sondern auch er selbst hatte sich bei dem Manöver verletzt und konnte in Termas gar nicht an den Start gehen. Die Stewards sprachen in ihrem Urteil aber dezidiert vom Argentinien Grand Prix. Als die Meldung vom Ausfall des Superstars die Runde machte, wurde kurzerhand umformuliert. Der nächste Grand Prix, an dem Marquez teilnahm, stand nun da. Doch mit der ersten Formulierung war Marquez bereits Tür und Tor geöffnet. Eine nachträgliche Änderung eines Schiedsspruchs ist laut Reglement nicht erlaubt.

Natürlich erhob Honda Einspruch. Nur das erste Urteil gelte und damit gelte auch die Strafe nur für den Argentinien Grand Prix, zu dem Marquez nicht einmal anreiste. Zwar mussten der Fahrer und seine Anwälte sich durch ein paar Instanzen kämpfen, aber am Ende bekamen sie natürlich recht. Ein Formfehler, eine ungenaue Formulierung, rettete ihn vor einer wohlverdienten Strafe. Solche Fehler dürfen den Regelhütern eigentlich nicht passieren, aber sie lassen sich leider immer wieder vorführen, auch im technischen Bereich.

Das Open-Class-Desaster: Wie Ducati die MotoGP düpierte

Was Marc Marquez auf Seiten der Fahrer ist, das ist im Ingenieurs-Büro derzeit ohne Zweifel Gigi Dall'Igna. Der Italiener hat Ducati mit zahlreichen Innovationen zur dominanten Macht des Sports erhoben. Er kennt die Regeln bis ins letzte Detail. Sein 'Meisterstück' lieferte er in dieser Hinsicht allerdings noch in der Zeit vor der aktuellen Dominanz ab. 2014 düpierte der findige Ziegenbart mit einem überraschenden Coup die MotoGP. Um das Feld in der Breite zu stärken, führte die Königklasse die sogenannte 'Open-Class' ein, mit Zugeständnissen an finanzschwächere Mannschaften. Kleine 'Bastler-Teams' wie Avintia oder PBM traten bereits seit 2012 mit Superbike-Motoren unter der 'Claiming-Rule' an und sollten mit der Einführung der Open-Class nun weiter unterstützt werden, da sie zu weit hinterherfuhren.

Im Winter vor der neuen Saison staunte die MotoGP-Welt aber nicht schlecht beim Blick auf die Starterliste. Kurzerhand hatte Dall'Igna auch das Ducati-Werksteam unter der Open-Regel eingeschrieben. Nirgendwo war festgehalten worden, dass er das nicht dürfe. Und die einzige Voraussetzung für einen Start in der Kategorie war die Nutzung einer Einheitselektronik von Magneti Marelli. Angesichts der Vorteile der neuen Klasse nahm der Technik-Guru das gerne in Kauf. Es standen ihm nun vor allem beim Motor große Freiheiten zu. Stückzahl, Benzinmenge und Entwicklung: All das wurde bei den anderen Werksteams deutlich stärker reguliert.

Ducati fuhr ab 2014 mit Zugeständnissen, die nicht für sie gedacht waren, Foto: Ducati
Ducati fuhr ab 2014 mit Zugeständnissen, die nicht für sie gedacht waren, Foto: Ducati

Mit seinem Schachzug hatte Dall'Igna die Offiziellen komplett unvorbereitet getroffen. Dorna, IRTA und FIM konnten diese Peinlichkeit natürlich nicht auf sich sitzen lassen - und machten es damit nur noch schlimmer. Es wurde unter Zeitdruck ein Kompromiss mit sogenannten 'Concessions' geschlossen. Ducati durfte mit den Vorteilen der Open-Class starten, doch Erfolge wie Siege und Podestplätze würden ihnen das Privileg ab einer festgelegten Anzahl wieder nehmen. Außerdem konnte nun doch die eigene Elektronik verwendet werden. Die schnell zusammengeschusterte Antwort der Verantwortlichen auf ihre Bloßstellung belohnte Dall'Igna nur umso mehr. Die erlangten Vorteile machten die Ducatis zu absoluten Raketen auf den Geraden. Nachteile gab es keine. Honda und Yamaha waren 'not amused', aber das änderte nichts. Eine konsequente Antwort auf das Desaster kam nicht. Es dauerte bis 2016, als sich Ducati selbst durch Siege und Podien die Vorteile nahm. Die Regelhüter hatten sie bis dahin einfach weiter mit Zugeständnissen fahren lassen, die überhaupt nicht für sie gedacht waren.

Who watches the Watchmen? MotoGP-Regelmacher können frei walten

Nun kann stets argumentiert werden, dass es vermutlich in jedem Regelbuch stets Schlupflöcher geben wird. Das wollen wir auch nicht in Abrede stellen. Zum Beispiel die Umsetzung der Ride-Height-Devices im Rahmen der Regeln ist nichts anderes als eine technische Meisterleistung. Doch es geht hier vielmehr um die offensichtlichen Fälle von völlig unnötigen Versäumnissen. Warum ist die Rennleitung in Austin nicht in der Lage, einen Regelverstoß von zehn (!) Fahrern bei den Stewards zu melden? Zeitmangel konnte keine Ausrede sein. Zwischen dem Abbruch der ersten Startprozedur und dem tatsächlichen Beginn des Rennens vergingen knappe zehn Minuten. Und dieser Zeitplan wurde von der Rennleitung selbst bestimmt.

Die nächste kritische Frage dürfen wir bei der ausgebliebenen Longlap-Strafe gegen Marc Marquez stellen. Die Fahrer sind ständig in Gefahr, ein Rennen zu verpassen. Verletzungen sind im Motorradsport Gang und Gäbe, auch abseits der Rennwochenenden. Knochenbrüche im Motocross-Training gehören leider fast monatlich zu den Meldungen. Für keinen Piloten im Feld kann eine hundertprozentige Startgarantie beim nächsten Rennen angenommen werden, warum wird also dieses dezidiert in ein Strafurteil geschrieben und nicht der nächste Grand Prix des Fahrers? Andere Rennserien machten es doch vor. Jenson Button fuhr 2017 beispielsweise als Ersatz von Fernando Alonso bei McLaren das Formel-1-Rennen in Monaco. Dabei schoss er Pascal Wehrlein ab und erhielt für den nächsten Grand Prix in der Saison, an dem er teilnimmt, eine Strafe von drei Startplätzen. Nur blieb es das letzte Rennen in Buttons Karriere und daher wurde diese Strafe von Medien und Fans als Kuriosum wahrgenommen. Doch dieser Eindruck ist falsch, denn die Entscheidung war einfach nur konsequent. Es war ja nicht auszuschließen, dass McLaren doch noch einmal auf die Dienste von Button als Ersatzfahrer zurückgreifen würde. Die Eventualität wurde mitgedacht, die Formulierung war wasserdicht.

Die MotoGP-Oberen waren beim Erstellen der Open-Class bei Weitem nicht so konsequent, für die Eventualitäten mitzudenken. Es wurde schlichtweg nicht einmal als Option in Betracht gezogen, dass sich ein Hersteller einschreiben könnte. Beim Verteilen von Geschenken an die Armen könnte einem doch zumindest einfallen, dass sich da auch einer anstellt, der vielleicht gar nicht bedürftig ist? Es sind diese einfacheren Fälle, an denen die MotoGP unerklärlich oft scheitert. Alle Beispiele hätten den Rahmen dieses Artikels bei Weitem gesprengt. Dabei wirkt etwas mehr Konsequenz gleich einmal Wunder. Der neue Chefsteward Simon Crafar macht das seit Saisonbeginn 2025 in bemerkenswerter Klarheit vor. Doch wenn die Rennleitung ihm keinen Auftrag zur Untersuchung gibt, dann kann auch er nichts machen. Dabei fällt einem ein: Wer untersucht eigentlich die Rennleitung oder die Dorna? Bisher niemand. Ihr Reich, ihre Regeln. Doch das könnte sich ändern. Liberty Media erwirbt 86 Prozent der Dorna und ist hoffentlich daran interessiert, dass in ihrem neuen Produkt Recht und Ordnung herrscht. Es sind längst keine Bagatellen mehr, es geht um die Integrität der selbsternannten Königsklasse.

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