Szenen wie jene beim Start am Sonntag in Austin hatte die MotoGP noch nicht erlebt. Dass der Startabbruch nach der Flucht von zehn Fahrern aus dem Grid für Aufregung sorgte, ist nicht verwunderlich. Besonders erzürnt zeigte sich schon kurz nach den chaotischen Szenen Trackhouse-Racing-Teamchef Davide Brivio im Live-Interview. Kein Wunder, war sein Schützling Ai Ogura doch einer von nur drei Fahrern, die bereits mit der richtigen Reifenwahl - Slicks auf der trocknenden Strecke - in der Startaufstellung gestanden waren und so durch den Abbruch eines großen Vorteils beraubt wurden.

Trackhouse-Boss sauer auf MotoGP-Rennleitung

"Ich bin ehrlich gesagt sehr wütend. So kann man einen Start nicht managen", ärgerte sich Brivio. "Wir sind ein Risiko eingegangen und haben die richtige Entscheidung getroffen. Die Fahrer, die die Startaufstellung verlassen haben, haben sich falsch entschieden. Warum hat man uns nicht auf der richtigen Reifenwahl starten lassen? Jetzt ist alles zunichte gemacht."

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Brivio suchte sofort das Gespräch mit der Rennleitung, beschwerte sich bei Mike Webb und seinem Team. Mehr als eine Entschuldigung erhielt MotoGP-Veteran Brivio aber nicht. Ein offizieller Protest, wie er in anderen Rennserie absolut üblich wäre, blieb von Trackhouse-Seite aber aus. Auch das KTM-Werksteam und die Tech3-Mannschaft, die mit ihren Fahrern Brad Binder und Enea Bastianini in derselben Situation wie Trackhouse mit Ogura waren, protestierten nicht.

Warum gab es keinen MotoGP-Protest?

Der Grund dafür ist ebenso einfach wie überraschend: Proteste gegen Entscheidungen der Rennleitung - wie in diesem Fall den Startabbruch - sind im Regelwerk der MotoGP nicht vorgesehen. Protestiert werden kann lediglich gegen Entscheidungen der FIM MotoGP Stewards, die nach Beauftragung durch die Rennleitung Fahrer oder Teams für Vergehen bestrafen können. Und so blieb es bei deutlichen Worten Brivios gegenüber den MotoGP-Machthabern. Verflogen ist der Ärger über das Handeln der Rennleitung aber nicht. "Ich denke, dass alle Regelungen vorhanden gewesen wären, um dass das Startprozedere abschließen zu können. Nur das Durcheinander versetzte alle in Panik und sorgte für Verwirrung", erklärt Davide Brivio in einem Statement gegenüber Motorsport-Magazin.com .

Davide Brivio: So hätte gestartet werden müssen

"Es wurde beschlossen, einen neuen Start zu machen. Das war der Punkt. 20 Sekunden vor der Grünen Flagge standen zwölf Motorräder in der Startaufstellung, bereit zum Start. Vinales versuchte noch, das Motorrad zurückzubekommen, stand aber trotzdem außerhalb der Startaufstellung. 12 Sekunden vor der geplanten Grünen Flagge wurde die Rote Flagge geschwenkt und die Rennleitung verkündete 'Start Delayed', aber keinen neuen Start. Wenn man so eine Startverzögerung ankündigt, muss man die Fahrer eigentlich in der Startaufstellung lassen und das Verfahren mit der Drei-Minuten-Tafel neu beginnen. Das hätten sie also tun müssen. Nachdem sie 'Start Delayed' verkündet hatten, um die zwölf Motorräder in der Startaufstellung zu halten, hätte man das Verfahren an der Drei-Minuten-Tafel neu starten und die Aufwärmrunde beginnen müssen. Die anderen Fahrer, die in der Boxengasse waren, um ihre Motorräder vorzubereiten, waren nicht alle bereit. Nur vier Fahrer - Marquez, Bagnaia, Di Giannantonio und Mir - waren bereit, aus der Boxengasse zu starten, als 26 Sekunden vor der geplanten Grünen Flagge die Rote Flagge gezeigt wurde."

Brivios Ansicht deckt sich tatsächlich mit dem im Sportlichen Reglement der MotoGP festgeschriebenem Ablauf im Fall einer Startverzögerung. Paragraph 1.18.18. besagt - in hier gekürzter Form - Folgendes: "Sollte es ein Problem geben, das die Sicherheit beim Start beeinträchtigen könnte, wird der Starter die Startverzögerung wie folgt auslösen: Eine Rote Flagge wird vom Starterpult aus geschwenkt und das Rote Licht bleibt an. Die Fahrer bleiben mit aufgesetzten Helmen in ihrer Startposition, die Motoren können abgestellt werden. Die Maschine(n), die die Startverzögerung verursacht hat/haben, wird/werden in die Boxengasse gebracht. Nach dem Aushang der 'Start Delayed'-Tafel sind maximal 3 Mechaniker pro Fahrer in der Startaufstellung mit der notwendigen Ausrüstung einschließlich Reifenwärmer, Generatoren, Ständer, Anlasser und Werkzeug erlaubt. Nur wichtige Offizielle sind in der Startaufstellung erlaubt - keine Medien, Gäste oder anderes Teampersonal, mit Ausnahme von Kamerateams, die von den Organisatoren der Meisterschaft genehmigt wurden. Die Startprozedur wird mit der 3-Minuten-Tafel wieder aufgenommen, die auf Anweisung des Starters so schnell wie möglich angezeigt wird (normalerweise sobald alle Fahrer in der Startaufstellung von ihrem Team betreut wurden). Nach der 1-Minuten- und 30-Sekunden-Tafel absolvieren die Fahrer eine zusätzliche Aufwärmrunde. Die Bedingungen bezüglich wetterbedingter Reifenwechsel in der MotoGP-Klasse gelten auch für die Startverzögerung. Jede Person, die aufgrund ihres Verhaltens in der Startaufstellung für eine Startverzögerung verantwortlich ist, kann zusätzlich bestraft werden."

Keine Strafen, MotoGP-Rennleitung lässt Reifenwechsel zu

Derartige Bestrafungen blieben aber völlig aus. Die in der Startaufstellung verbliebenen Fahrer wurden nicht dort gehalten. Alle Piloten, also jene in der Startaufstellung und jene in der Boxengasse, kehrten in ihre Garagen zurück, wo auch jene bislang mit Regenreifen bestückten Fahrer auf die bei trocknender Strecke klar zu bevorzugenden Slicks wechselten.

Schon vor dem Startchaos ging es in Austin drunter und drüber. Den Grund dafür lest ihr hier: