2013 teilten sie erstmals gemeinsam die Strecke. Und wie: Im Katar-Grand-Prix sorgten Valentino Rossi und Marc Marquez für Spektakel pur. Rundenlang bekämpften sie sich unter dem Flutlicht von Losail, duellierten sich mit Herz und Seele um den zweiten Platz. Von Kindheitsidolen, großem Respekt und Freundschaft war hinterher die Rede. Heute ist davon nichts mehr übrig. Vielmehr ist das Verhältnis der beiden MotoGP-Superstars schlechthin vollkommen zerrüttet. Warum? Wegen dem sogenannten 'Sepang-Clash' und seiner Vorgeschichte natürlich. Motorsport-Magazin.com blickt exakt zehn Jahre später auf die dramatischen Ereignisse des legendären 25. Oktobers 2015 in Malaysia zurück.
Valentino Rossi und Marc Marquez Aus Freunden werden Erzfeinde
Um zu verstehen, wie es zum womöglich einprägsamsten Moment der gesamten MotoGP-Geschichte kommen konnte, müssen wir im Frühling 2015 beginnen. Zuvor immer respektvoll miteinander umgegangen, zeichneten sich damals nämlich die ersten Risse in der Beziehung der beiden MotoGP-Rivalen ab. Im Argentinien-GP kämpften sie erstmals im direkten Duell um den Rennsieg und - zu diesem frühen Zeitpunkt in der Saison - potenziell auch um den WM-Titel. Es krachte erstmals, und zwar wortwörtlich. Zwei Runden vor Schluss donnerte Marquez beim Umlegen von Rechts nach Links in das Heck von Rossis Yamaha-M1 und kam spektakulär zu Sturz. Rossi siegte, während Marquez mit leeren Händen dastand.

Der Repsol-Honda-Pilot nahm es seinerzeit noch sportlich, doch der nächste Zwischenfall sollte nicht lange auf sich warten lassen. Kurz vor der Sommerpause kämpften Rossi und Marquez in Assen erneut um den Sieg. Diesmal fiel die Entscheidung sogar erst in der letzten Schikane - und zwar auf kontroverse Art und Weise. Rossi hatte die letzte Kurvenkombination nach leichtem Kontakt mit Marquez, der sich zuvor auf die Innenbahn gesetzt hatte, abgekürzt und war dadurch vorne geblieben. Sehr zum Ärger des Spaniers gab die Rennleitung Rossi Recht, er durfte seinen Sieg behalten.
Nun 74 Punkte im Rückstand, war der Traum vom dritten WM-Titel in Serie für Marquez damit ausgeträumt und auch die Privatfehde zwischen Rossi und ihm schien erstmal auserzählt. Doch dann kam Mitte Oktober 2015 der Australien-Grand-Prix. Marquez, Rossi, Jorge Lorenzo und Andrea Iannone kämpften in einem unfassbaren Rennen bis zum Schluss um den Sieg, warfen sich zahlreiche Überholmanöver um die Ohren. Letztlich gewann Marquez dank eines gutgetimten Angriffs in der letzten Runde vor Lorenzo und Iannone, Rossi wurde nur Vierter - und sah sich anschließend durch Marquez um ein besseres Ergebnis gebracht. Im Italiener wuchs der Verdacht, Marquez hätte das Rennen klar dominieren können und er hätte sich ganz bewusst mit ihm duelliert, um ihm das Leben möglichst schwer zu machen. Warum? Weil Marquez sauer sei, in Argentinien und in Assen jeweils den Kürzeren gezogen zu haben.

Am Donnerstag vor dem Malaysia-GP hielt Rossi dann eine Pressekonferenz für die Geschichtsbücher ab. Er beschuldigte Marquez öffentlich, in seinem WM-Duell mit Lorenzo Partei zu ergreifen. "Seit Australien ist klar, dass Jorge in Marc einen neuen Unterstützer hat. Marc will, dass Jorge gewinnt, weil er sauer auf mich ist. Das ist eine persönliche Angelegenheit seit Argentinien. Marc hat das nie offen zugegeben, aber er denkt, dass ich ihn mit Absicht zu Sturz gebracht habe. Dann kam auch noch Assen. Seiner Meinung nach wollte ich damals nur verhindern, dass er gewinnt. Seitdem steckt das in seinem Kopf und er denkt wie ein Kind: 'Ich werde zwar nicht Weltmeister, aber du sollst es auch nicht werden.' Jorge ist für ihn also das geringere Übel", lautete der schwere Vorwurf der Nummer 46. Und weiter: "Was er in Australien gemacht hat war nicht fair, so wie ich das von einem professionellen Piloten in so einer Situation erwarte. Das war sehr enttäuschend für mich. Ich habe schon länger erwartet, dass sich Marc auf Jorges Seite schlägt, aber nicht, dass er etwas so Offensichtliches macht."

Sepang-Clash 2015: Valentino Rossi tritt Marc Marquez vom Motorrad
Der ohnehin schon hochspannende WM-Zweikampf zwischen Rossi und Lorenzo - das Duo trennte vor dem Malaysia-GP nur elf Punkte - hatte damit nochmal an Dramatik gewonnen. Wie würde Marquez auf die üble Kritik seines einstigen Kindheitsidols reagieren? Die MotoGP-Welt wartete gespannt und sollte schon in Runde vier des Rennens am Sonntagmorgen ihre Antwort erhalten. Pedrosa führte vor Lorenzo, der nach einem Fehler von Marquez am Ausgang von Kurve vier soeben am Honda-Piloten vorbeigegangen war. Rossi folgte auf Platz vier und wollte nun ebenfalls an Marquez vorbei. In Kurve vier griff der 'Doktor' erstmals an und übernahm auch direkt Rang drei von Marquez, lange konnte er sich dort allerdings nicht halten.
Bereits auf Start-Ziel folgte der Gegenangriff von des jungen Spaniers. Der Beginn eines beinharten und rundenlangen Schlagabtauschs zweier Fahrer, für die eine Niederlage im direkten Duell offenbar keine Option war. Immer wieder versuchte es Rossi, doch Marquez konterte stets mit aggressiven Manövern. Längst war klar: Hier geht es nicht um P3, sondern einzig um den persönlichen Stolz. Schon deutlich hinter Pedrosa und Lorenzo zurückgefallen, gab kein Fahrer nach. So auch in Runde sieben: Dank eines Angriffs in Kurve elf schien Rossi zunächst die Oberhand gewonnen zu haben, doch Marquez konterte mit einem sensationellen Manöver außen herum in Turn 13. Daraufhin hatte der 'Doktor' dann wohl genug gesehen. Er setzte sich in Kurve 14 auf der Innenbahn neben Marquez, drängte seinen Rivalen nach außen und blickte zweimal in seine Richtung. Es kam zur Berührung, woraufhin Marquez zu Boden ging.

Harte Strafe: Valentino Rossi verliert MotoGP-Titel 2015
Der Sepang-Clash war geboren. Aufschrei auf den Tribünen, im Paddock machte sich Entsetzen breit. War das gerade wirklich passiert? Keiner konnte es so richtig glauben, und doch war es Realität. Rossi hatte Marquez offensichtlich zu Fall gebracht - und nun dicke Konsequenzen zu fürchten. Schon eine Runde später kündigte die Rennleitung eine Untersuchung des Zwischenfalls an, welche nach dem Rennende stattfinden sollte. Die Medienberichte überschlugen sich, die MotoGP kannte kein anderes Thema mehr. Pedrosas zweiter Saisonsieg vor Lorenzo? Das verkam zur Randnotiz.
Stattdessen wollten natürlich alle wissen, wie es jetzt mit Rossi weitergehen würde. Würde er bestraft werden? Wenn ja, wie hart? Fragen über Fragen und viele Stunden der Unklarheit. Zunächst einmal stand Aussage gegen Aussage. "Er hat sein Bein ausgefahren. Damit hat er meinen Lenker und meine Vorderradbremse berührt, weshalb mein Vorderrad blockiert hat und ich gestürzt bin", schilderte Marquez seine Sicht der Dinge, während sich Rossi keiner Schuld bewusst zeigte. "Ich wollte nicht, dass Marquez stürzt, und ich habe ihn auch nicht getreten. Aus der Heli-Perspektive sieht man mehr, denn von der Seite sieht es so aus, als hätte ich ihn getreten. Ich wollte an ihn ranfahren, die Linie zumachen, abbremsen und schauen, dass er Zeit verliert. Als ich immer langsamer wurde und seine Linie schneiden wollte, hat er mich mit dem Lenker an meinem linken Bein berührt und deshalb ist er gestürzt", argumentierte er.
Die Rennleitung um den damaligen Rennleiter und Chefsteward Mike Webb gab schließlich Marquez Recht. Nach rund einer Stunde gespannter Wartezeit belegte sie Rossi mit drei Strafpunkten für sein Vergehen. Der 'Doktor' durfte seinen dritten Platz im Malaysia-GP damit behalten und würde somit als WM-Führender mit sieben Punkten Vorsprung auf Lorenzo zum Saisonfinale nach Valencia reisen, doch dort würde dann eine große Bürde auf ihn warten. In Misano bereits mit einem Strafpunkt belegt, stand der Yamaha-Pilot nun bei insgesamt vier Strafpunkten und musste in Valencia somit vom letzten Startplatz ins Rennen gehen. Ein massiver Nachteil im WM-Zweikampf, weshalb die Rossi-Seite auch direkt Protest gegen das Urteil einlegte. Doch das Internationale Sportgericht (CAS) bestätigte die Strafe schließlich.

Nachwehen bis heute: MotoGP noch immer vom Sepang-Clash gezeichnet
Rückblickend das Todesurteil für Rossis Titelträume, denn zwei Wochen später kam dann in Valencia alles wie befürchtet. Während die Nummer 46 viel Zeit im Verkehr verlor und letztlich nicht mehr über Platz vier hinauskam, siegte Lorenzo vor dem zurückhaltend agierenden Repsol-Duo um Marquez und Pedrosa. Lorenzo übertrumpfte Rossi in der Fahrer-WM damit um fünf Punkte und entriss dem italienischen Fanliebling damit in letzter Sekunde noch den Titel. Die Saison 2015 war vorbei, doch ad acta gelegt wurde der 'Sepang-Clash' noch lange nicht. Im Gegenteil: Der persönliche Krieg zwischen VR46 und MM93 sollte noch viele Jahre weitergehen. In Folge einer vermeintlichen Versöhnung im Jahr 2016 kochten die Differenzen beim Argentinien-GP 2018 wieder hoch, einige Monate später verweigerte Rossi in Misano das Händeschütteln mit Marquez.
Während der Spanier die Ereignisse aus Sepang 2015 seit geraumer Zeit gerne hinter sich lassen würde, lässt speziell Rossi bis heute kaum eine Gelegenheit zum Rundumschlag gegen Marquez aus. Erst im Vorjahr kritisierte er beispielsweise, dass Ex-Arbeitgeber Ducati den 32-Jährigen verpflichtet hatte und bezeichnete ihn wenig später als den schmutzigsten Fahrer, gegen den er je angetreten sei. Die Folge ist, dass auch die Tifosi die Schuld für den verlorenen zehnten WM-Titel noch immer bei Marquez suchen und ihn ihre Abneigung bei jedem Rennen auf italienischem Boden spüren lassen. Ducati-Teammanager Davide Tardozzi erklärte erst vor einigen Monaten infolge der unschönen Ereignisse rund um die Podiumszeremonie zum Italien-GP 2025, dass es endlich an der Zeit wäre, sich die Hände zu reichen und die Privatfehde endlich zu begraben. Doch auch auf den Tag genau zehn Jahre nach dem 'Sepang-Clash' ist das noch in weiter Ferne.
Richtig unschön wurde es zuletzt Mitte September nach dem Misano-Sprint, als Marc Marquez stürzte und daraufhin Jubel unter den Tifosi ausbrach. Warum dem endlich ein Ende gesetzt werden muss, erfahrt ihr hier:



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