Woche zwei nach dem Monaco-GP hat begonnen, und ein viertes Formel-1-Team springt auf den Protest-Zug wegen der falsch gemessenen Tempolimits in der Boxengasse auf. Mercedes-Teamchef Toto Wolff verkündet am Sonntagabend in Barcelona, dass sein Team das Zusprechen des Podiums an Alpine neu beurteilt sehen will.

Ursprünglich hatte Alpine am Sonntagabend nach Monaco ein sogenanntes Right of Review, also ein Recht auf Neubeurteilung gegen die zwei 5-Sekunden-Strafen für Tempolimit-Verstöße von Pierre Gasly in Monaco eingereicht. Bei der Verhandlung kam ans Licht, dass die offizielle Formel-1-Zeitnahme die Boxengasse falsch vermessen hatte.

Die Monaco-Stewards erklärten infolgedessen die Gasly-Strafen für nichtig und sprachen ihm am Freitag am grünen Tisch den dritten Platz zu. Das löste eine Schockwelle im F1-Fahrerlager aus. Ferrari, McLaren und Mercedes waren nämlich ebenfalls betroffen gewesen, hatten aber ihre Strafen schon während des Rennens abgesessen.

Red Bull und McLaren teilten sofort ihre Absicht mit, gegen die Entscheidung vom Freitag mit Einsprüchen potenziell in die nächste Instanz vor das zuständige FIA-Gericht ziehen zu wollen. Ihre Logik - die viele im Fahrerlager teilen - ist klar: Ja, es wurde hier ein Fehler begangen. Aber er betraf alle Wettbewerber zu gleichen Teilen. 61-mal wurde die Boxengasse während des Rennens in Monaco durchfahren. 55-mal wurde trotz der falsch vermessenen Timing-Schleife kein Verstoß gemeldet.

Mercedes springt auf den Monaco-Chaos-Zug auf

Unklarer war am Freitag die Position von Mercedes. Toto Wolff sagte gegenüber Motorsport-Magazin.com, dass er sich zumindest bereits mit seinen Anwälten besprochen hatte. Hier ist man in einer Zwickmühle. George Russell war ebenfalls über dem Limit gemessen worden. Seine Strafe wurde dadurch verschlimmert, dass er und das Team das korrekte Absitzen bei einem Boxenstopp verpfuschten.

Russell bekam daraufhin eine Durchfahrtsstrafe. Alles in allem holte er keine Punkte. Hätte die Timing-Schleife richtig funktioniert, wäre er ohne Strafen Dritter geworden. Eine Rücknahme von einer tatsächlich abgesessenen Durchfahrtsstrafe durch nachträgliches Herumdoktern am Ergebnis mit fiktiven Zeitabzügen im Ergebnis ist nun wirklich unvorstellbar. Doch irgendwas will Mercedes offenbar trotzdem unbedingt wissen.

"Ja, wir haben ein Right of Review erbeten, weil wir einfach mit am Tisch sitzen wollen, wenn die Entscheidungen getroffen werden", bestätigt Wolff bei Nachfrage am Sonntagabend in Barcelona. Mercedes nutzt ein kleines Kuriosum im Internationalen Sport-Kodex. Ein Right of Review kann nicht nur innerhalb von 96 Stunden gegen eine Stewards-Entscheidung eingereicht werden. Es kann auch bis zu 96 Stunden nach einer Entscheidung eines außertourlich einberufenen Stewards-Panels deponiert werden.

Was will Mercedes jetzt mit dem nächsten Right of Review?

Genau so eine ist die am Freitag veröffentlichte Gasly-Entscheidung. Mercedes reagiert also mit einem Right of Review auf ein bereits erfolgreiches Right of Review. Was genau kann dabei rauskommen? Da Wolff nicht weiter ins Detail geht, sind die genauen Umstände nebulös. Ein Right of Review benötigt schließlich relevante, neue, signifikante und zum Zeitpunkt der Entscheidung den Stewards nicht zugängliche Beweise. Interessanterweise verweist die Stewards-Entscheidung nur schon auf "Telemetrie-Daten von Mercedes und Ferrari", die man im Prozess gesichtet hatte.

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Was will Mercedes also noch Neues finden? Wolffs Verweis von wegen "mit am Tisch sitzen" könnte implizieren, dass man tatsächlich nur erst einmal ein substanzielles Gespräch mit den Stewards über die eigenen Daten und die eigene Meinung führen möchte. Ein Right of Review beginnt schließlich zuerst einmal mit einer Anhörung, bei der lediglich die eingereichten Beweise auf ihre Zulässigkeit evaluiert werden. Wolff hatte am Freitag auch zugegeben, dass man realistisch keine Chance sieht, Russells dritten Platz zurückzuerhalten.

Was genau Mercedes beabsichtigt, sollte spätestens am 16. Juni um 11:30 Uhr klar werden. Dann endet die 96-Stunden-Deadline. Zum gleichen Zeitpunkt sollte auch Klarheit kommen, ob Red Bull und McLaren mit ihren Einsprüchen weitermachen wollen, auch die Einspruch-Deadline endet hier.

"Es ist mehr eine Frage des Prinzips, für den Sport, um Klarheit zu haben, wie wir mit nicht beeinspruchbaren Strafen während des Rennens umgehen", kommentierte Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies am Sonntag. Für Red Bull und McLaren ist die Absicht unmissverständlich. Beide verloren je einen Platz im Rennergebnis, weil Gasly rückwirkend auf Platz drei gewertet wurde. Sie wollen also Platz drei von Isack Hadjar und Platz vier von Oscar Piastri zurück.