Unter den zahlreichen Herstellern in der Welt des GT3-Motorsports herrscht selten Einigkeit. Und doch gibt es Gelegenheiten, bei denen - fast - alle Marken an einem Strang ziehen. Solch ein Vorfall ereignete sich tatsächlich in diesem Jahr. Wie Motorsport-Magazin.com erfahren hat, wandte sich ein Großteil der GT3-Hersteller mit einem gemeinsamen Brief an den Automobilweltverband FIA. So etwas kommt höchst selten vor.
Inhalt des Schreibens, den mindestens zehn unterschiedliche Hersteller unterschrieben haben: Die Beteiligten stören sich an den diversen Zusatz-Homologationen der unterschiedlichen GT3-Serien-Promotoren, die über die weltweit geltende FIA-GT3-Homologation hinausgehen. Derartige Ausnahmegenehmigungen und Nacharbeiten würden viel Geld kosten und nicht im Sinne der Sache sein.
Auslöser für Hersteller-Brief an FIA: Neuer Lamborghini Temerario GT3
Den Auslöser für das Schreiben bildete wohl die jüngste Zusatz-Homologation für den neuen Lamborghini Temerario GT3, der in der DTM, GT World Challenge und IMSA fährt. Lamborghini soll den Brief an die FIA jedenfalls nicht unterschrieben haben. Wichtig zu erwähnen: Der Temerario ist bei Weitem nicht das erste Auto, das eine Zusatz-Homologation durch einen Serienveranstalter erhalten hat.
Nachdem die Lambo-Kundenteams zum Saisonbeginn mit dem Huracan-Nachfolger heillos hinterherfuhren, hatten die Verantwortlichen der DTM (ADAC) und der GT World Challenge (SRO) im gemeinsamen Austausch technische Zugeständnisse für den Temerario GT3 eingeräumt.
Das betrifft unter anderem die Möglichkeit, den Heckflügel über die geltende FIA-Homologation hinaus steiler einstellen zu können, um den Abtrieb auf der Hinterachse zu erhöhen. Die Aerodynamik und die Bremsen gelten als größte Schwachstellen des Temerario. Diese per Zusatz-Homologation durchgesetzte Maßnahme zeigte Wirkung: Das DTM-Team GRT und Mirko Bortolotti führten den Lamborghini Temerario GT3 beim Rennwochenende in Oschersleben zum weltweit ersten Sieg im Motorsport.
Zusatz-Homologationen: FIA schlägt sich auf Seite der Hersteller
Welcher Hersteller bei diesem kollektiven Appell an die FIA die Initiative ergriffen hat, ist uns nicht bekannt. Die Idee soll im Rahmen eines turnusmäßigen Zusammentreffens der Technical Working Group für den GT-Sport entstanden sein.
Die FIA hat sich in dieser Sache auf die Seite der Hersteller geschlagen und den relevantesten Serien-Veranstaltern ihrerseits ein Schreiben zukommen lassen. Darin soll sich der Weltverband für die Zukunft weniger Zusatz-Homologationen seitens der Promotoren wünschen, damit die Entwicklungskosten nicht ausufern.

ADAC-Motorsportchef Voss: "Das ist keine Lex DTM"
"Das ist eine Aussage, die ich aus Herstellersicht völlig verstehen kann", sagt ADAC-Motorsportchef und DTM-Geschäftsführer Thomas Voss zu Motorsport-Magazin.com. "Die Hersteller möchten nicht so viele Abweichungen von der eigentlichen FIA-Homologation haben. Das ist keine Lex DTM, sondern mit anderen Rennserien abgestimmt. Jeder Promoter hat mittlerweile seine Eigenheiten, was sein Reglement angeht."
Die Crux am weltweit boomenden GT3-Motorsport: Die einst für den Amateurbereich vorgesehenen Fahrzeuge müssen heute als 'eierlegende Wollmilchsäue' herhalten und den unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Rennserien nachkommen. Von Sprint-Rennen in der DTM bis hin zu 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, in Le Mans oder Spa.
Dabei unterscheiden sich häufig der vorgegebene Kraftstoff, die Reifen, Fahrzeugmindesthöhen, Geräuschpegel, Software, verpflichtende Drehzahlmesssensoren, die Art der Boxenstopps und nicht zuletzt das Niveau der Fahrer. Außerdem treffen Fahrzeuge unterschiedlicher Generationen aufeinander: beispielsweise der mehr als zehn Jahre alte Mercedes-AMG GT3 gegen einen Ford Mustang GT3, der fast schon als Prototyp entwickelt wurde und 2026 ein Evo-Update erhalten hat.

Neue GT3-Autos: Waiver als Lösung bei Problemen?
"Es gibt unterschiedliche Einsatzzwecke für diese Autos", sagt Voss. "Deshalb muss es erlaubt sein, in gewissem Rahmen von dieser Homologation (der FIA; d. Red.) abzuweichen." Man müsse darüber nachdenken, ob die Forderung der Hersteller an die Promotoren überhaupt die richtige sei. Vorschlag von Voss: "Oder ob man nicht festlegt: Bei einer neuen Homologation gibt es im ersten Jahr ein oder zwei Waiver (Ausnahmegenehmigung; d. Red.), und erst danach wird das Auto festgeschrieben. Vielleicht wäre das für alle Beteiligten besser."
Tatsache ist: Nicht alle Hersteller waren begeistert von den früh in der Saison eingeräumten Zugeständnissen für den neuen Lamborghini Temerario GT3. Das wurde uns aus unterschiedlichen Kreisen bestätigt. Bestätigte auch Voss auf Nachfrage: "Natürlich waren einige kritisch. Die haben nicht alle 'Juhu' gerufen und gesagt: 'Endlich dürfen wir dem Lamborghini etwas Gutes tun.' Das ist doch klar."

Hersteller haben kein Veto-Recht bei Zusatz-Homologationen
Tatsache ist aber auch: Ein direktes Veto- oder Mitspracherecht haben die Autobauer bei solchen Angelegenheiten nicht. "Das entscheidet der Promoter am Ende des Tages", bestätigte Voss. "Wenn alle dagegen gewesen wären und vielleicht mit einem Ausstieg oder anderen Dingen gedroht hätten, müsste man über so etwas sicherlich noch einmal nachdenken." Derartige Drohungen seien allerdings nicht ausgesprochen worden.
Der ADAC als DTM-Ausrichter habe sich in der Causa Lamborghini laut Voss "vorher das Einverständnis aller Hersteller eingeholt" und alle hätten dem Vorschlag zugestimmt. "Das zeigt mir, dass sich niemand davor gefeit fühlt, dass ihm das beim nächsten Auto oder bei der nächsten Homologation nicht auch passieren kann."
Ein ranghoher Vertreter eines deutschen Autoherstellers, der namentlich nicht genannt werden wollte, hätte sich dennoch mehr Transparenz bei diesem Prozess rund um den Lamborghini gewünscht: "Wenn wir ein Veto hätten einlegen können, dann hätten wir das natürlich erst mal gemacht. Einfach, um im Detail zu verstehen, was bei anderen Autos nachhomologiert werden soll."

Warum gibt es überhaupt Ausnahmeregelungen?
Bleibt die Frage, warum Rennserien überhaupt derartige Zusatz-Homologationen durchführen, wo doch eigentlich die Hersteller für die Entwicklung ihrer Fahrzeuge verantwortlich sind. Der Lamborghini Temerario GT3 soll angeblich noch nicht ausentwickelt gewesen sein, als er final von der FIA für den Renneinsatz homologiert wurde. Hauptproblem beim Huracan-Nachfolger: Die Aero-Balance passt nicht, weil angeblich Schwierigkeiten bei der Entwicklung im Windkanal auftraten.
In der internationalen GT3-Szene machten schon Befürchtungen die Runde, dass Lamborghini sein neues GT3-Modell zurückziehen muss, wenn die Probleme anhalten, sich potenzielle Kunden abwenden und stattdessen zu anderen Herstellerfabrikaten wechseln.
DTM-Chef Voss: "Das Ziel muss sein, möglichst viele Hersteller in dieser GT3-Szene zu halten. Es ist traurig genug, dass wir Audi verloren haben. Ich finde es toll, dass Hersteller dazukommen wollen, neue Autos bauen und sich zum GT3-Sport bekennen. Nichts wäre schlimmer, als wenn wir durch festgefahrene Meinungen auf Dauer Hersteller verlieren würden. Da würde ich an die Flexibilität aller appellieren."
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