Der in diesem Jahr neu eingeführte Lamborghini Temerario galt als das große Sorgenkind im Reigen des GT3-Motorsports. Seit dem zurückliegenden Wochenende in Oschersleben darf sich der Huracan-Nachfolger jedoch als DTM-Siegerauto feiern lassen. Mirko Bortolotti gewann das Sonntagsrennen und schaffte damit etwas, was kurz nach dem Saisonstart wohl niemand dem italienischen Sportwagen zugetraut hätte.

"Das ist der erste Sieg für den Lamborghini Temerario GT3 weltweit und in der allerwichtigsten Meisterschaft", sagte der DTM-Champion von 2024 nach dem Coup in der Magdeburger Börde. "Und das geschafft zu haben, fühlt sich sehr gut an. Es ist schon fast wie ein kleiner zweiter Titel für mich, dieses Rennen gewonnen zu haben."

Podium und Sieg für Lamborghini in Oschersleben

Dass der Temerario in Oschersleben ein großes Potenzial aufwies, hatte am Samstag bereits Abt-Sportsline-Pilot Luca Engstler mit dem zweiten Platz unter Beweis gestellt. Dass Bortolotti einen Tag später auch noch den Sieg eintüten würde, hatte aber kaum jemand auf der Bingo-Karte.

Dabei profitiert der Temerario GT3 neben der fortschreitenden Erfahrung der Teams seit dem zweiten Rennwochenende in Zandvoort auch von einer speziellen DTM-Zusatzhomologation, durch die der Heckflügel etwas steiler gestellt werden darf, um die anfällige Aerodynamik besser in den Griff zu bekommen.

Mirko Bortolotti bei der DTM in Oschersleben
Erster Sieg für den neuen Lamborghini Temerario GT3, Foto: IMAGO/Gruppe C Photography

Bortolotti widmet Teamkollege Paul den DTM-Sieg

Im Moment des großen Triumphes zeigte Bortolotti wahre Größe und dachte an seinen verletzten GRT-Teamkollegen Maximilian Paul, der das Rennwochenende in Folge des schweren Norisring-Unfalls von der Couch verfolgen musste: "Es ist schade, was Max passiert ist. Ich möchte ihm den Sieg widmen. Wir sind gute Freunde und ich kann nicht glauben, wie viel Pech man haben kann."

Laut GRT-Teamchef Gottfried Grasser verlaufe Pauls Genesung gut und er hoffte, dass er noch in diesem Jahr wieder ins Geschehen eingreifen kann. Der am Norisring zerstörte Lamborghini benötigt ein neues Chassis und soll beim kommenden Lauf auf dem Nürburgring ins Starterfeld zurückkehren. Mit welchem Fahrer am Steuer, ist noch nicht bekannt.

Mirko Bortolotti bei der DTM in Oschersleben
Riesen-Jubel bei der GRT-Mannschaft in Oschersleben, Foto: IMAGO/Gruppe C Photography

Preining leistet Schützenhilfe: Das ist passiert

Bortolottis Triumph-Fahrt war eine Mischung aus eigener Performance und einer Portion Schützenhilfe: Wahrscheinlich wäre der Italiener 'nur' auf dem zweiten Platz gelandet, wenn Pole-Setter und Samstags-Sieger Thomas Preining kein Problem bei seinem zweiten Boxenstopp gehabt hätte. Der Grello-Pilot verlor beim Räderwechsel rund zwei Sekunden, weil sich das Sicherungssystem einer Radmutter verklemmt hatte. Bortolotti und auch der Zweitplatzierte Maro Engel überholten Preining dadurch in der Box.

"Mirko war wirklich schnell, die haben es verdient", war Preining nach seinem ansonsten perfekten Wochenende nicht allzu traurig. "Mirko ist für mich eh einer der besten Fahrer. Natürlich hätten wir lieber selbst gewonnen, aber ich will sowieso jedes Rennen gewinnen." Antwort vom Rennsieger: "Das wäre Thomas' Sieg gewesen, leider ging bei seinem Stopp etwas schief. Er wird es nach seinem Sieg am Samstag verkraften können."

Mirko Bortolotti bei der DTM in Oschersleben
Er kann mit jedem Lamborghini gewinnen: Mirko Bortolotti, Foto: IMAGO/Gruppe C Photography

Strategie: "Hätte mein ganzes Geld auf Wittmann gesetzt"

Der von P6 gestartete Bortolotti bekam den Sieg allerdings nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern musste sich die Ausgangslage selbst erarbeiten. Wichtig war zunächst, dass er nach dem Start Maro Engels Mercedes hinter sich lassen konnte und die fünfte Position übernahm. Die Vor-Vor-Entscheidung fiel schon bei den ersten Pflicht-Boxenstopps: Bortolotti bog in Runde 16 als letzter aller Fahrer ab und ergatterte dank der Overcut-Strategie drei Plätze.

"Grundsätzlich war das die Standard-Idee, einfach auch gegeben durch die Reifensituation, die wir hatten", erklärte Bortolotti gegenüber Motorsport-Magazin.com und verwies auf die zwei benutzten Reifensätze vom Samstag, die er am Sonntag erneut nutzen musste. "Wir wussten auch, dass Marco Wittmann (Ausfall am Samstag; d. Red.) zwei neue Sätze hatte. Also ich hätte mein ganzes Geld auf ihn gesetzt heute. Aber die DTM ist unberechenbar und ich glaube, dass Oschersleben wahrscheinlich eine der wenigen Strecken ist, die den Overcut manchmal befürworten kann."

Bortolotti setzte nach der ersten Boxenstopp-Phase zur Aufholjagd auf Spitzenreiter Preining an, verkürzte den Rückstand zwischenzeitlich von 2,8 auf 1,3 Sekunden, konnte aber nicht entscheidend angreifen. "Der Abstand war eigentlich konstant, dann begann es kurz zu regnen", spielte Bortolotti auf die kurze Regenphase an. "Da sind wir beide fast abgeflogen, in Turn 7 und 11. Zwei, drei Stellen waren wirklich tricky."

Bortolotti: "Wir schießen auf Dartscheiben"

Nach Engstlers Podestplatz und dem Sieg von Bortolotti in Oschersleben stellt sich nun die Frage: Können die beiden Lambo-Teams Abt Sportsline und GRT auch bei den folgenden Rennen ganz vorne mitmischen? Bortolotti: "Wir schießen auf Dartscheiben. Manchmal probieren wir radikale Dinge, die einige Elemente verbessern, gleichzeitig verursachen sie neue Probleme. Wir sind alles andere als aussortiert. Ich glaube, wir machen trotzdem das Beste daraus und wir haben wieder mal bewiesen: Sobald sich eine ganz kleine Gelegenheit ergibt, sind wir da und nehmen sie."

Die beiden werksunterstützten Teams hatten zuvor nicht in Oschersleben getestet und haben auch auf den kommenden Rennstecken am Nürburgring, Sachsenring sowie in Hockenheim noch keine Runde gedreht. Die beiden letztgenannten stehen zumindest noch Kollektiv-Testfahrten der DTM bevor. GRT-Chef Grasser mahnte deshalb zur Vorsicht: "Bei aller Euphorie bleibt zu sagen, dass mit diesem Einzelresultat natürlich nicht alle Probleme gelöst sind. Wir haben, was die Performance des Autos angeht, immer noch nicht alle Antworten gefunden."

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