Die Dürrephase im heimischen Nachwuchssport hat ein Ende: Mit der neuen F4 Germany bekommt Motorsport-Deutschland wieder eine Formel-Rennserie, in der sich junge Talente beweisen und für höhere Aufgaben empfehlen können. Ab 2027 geht die FIA-zertifizierte Deutsche Formel 4 an den Start - fünf Jahre nach dem Ende der ADAC Formel 4 mit Oliver Bearman (2021) und Kimi Antonelli (2022) als letzten Meistern, vorrangig eingestellt mangels Teilnehmerzahlen.

Die Deutsche Formel 4 trägt nächstes Jahr fünf ihrer sieben Rennwochenenden im Rahmen der DTM aus, zwei weitere zusammen mit dem ADAC Racing Weekend. Sportlicher Ausrichter ist allerdings nicht der zweitgrößte Automobilklub der Welt, sondern das Unternehmen Gedlich Racing mit Sitz in Frankfurt.

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Formelsport in Deutschland: Interesse und Skepsis zugleich

"Wir richten seit vier Jahren die Formula Winter Series aus und wurden mehrfach von Teams angesprochen, ob wir ein entsprechendes Formel-Angebot auch im Sommer auf die Beine stellen können", erklärt Robin Selbach, Geschäftsführer Gedlich Racing, im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Wir haben bereits seit zwei Jahren mit diesem Gedanken gespielt, den Markt sondiert und mit zahlreichen Interessenten Gespräche geführt. Schließlich sind wir in die konkreten Planungen für die F4 Germany eingestiegen, immer in Abstimmung mit dem DMSB und dem ADAC."

Das Interesse an einer deutschen Formel-Nachwuchsserie in den vergangenen Jahren war groß - ebenso jedoch die Skepsis. Die heutigen Kosten im internationalen Formel-4-Sport sind mit denen früherer Jahre kaum noch vergleichbar. Top-Teams in Italien sollen für ein großes Programm inklusive zahlreicher Testtage zwischen 1,25 und 1,5 Millionen Euro pro Saison aufrufen, wie wir aus unterschiedlichen Quellen hören - enorme Summen für Nachwuchsfahrer, die nicht einmal die Volljährigkeit erreicht haben.

Überraschend aus deutscher Sicht: Formel-Nachwuchssport boomt

Trotz der hohen Kosten ist der Markt vorhanden, wie ein Blick durch Europa aufzeigt: In der Spanischen Formel 4 sind aktuell 35 Fahrer fest eingeschrieben, in Frankreich 32 und in Italien 30. Hinzu kommen zahlreiche Gaststarter, wodurch die Starterfelder teilweise aus allen Nähten platzen und weit mehr als 40 Autos in den Rennen antreten. Selbst in der Zentraleuropäischen F4, die vom Tschechischen Automobilklub ausgerichtet wird und auf Strecken wie Most oder dem Slovakia Ring gastiert, stehen regelmäßig bis zu 30 Autos am Start.

Aus diesem Grund zeigt sich Selbach zuversichtlich, dass auch an der Deutschen Formel 4 ein reges Interesse herrschen wird, und gab auf Nachfrage eine erste Prognose ab: "Wir sind sehr zuversichtlich, mehr als 20 Autos im Starterfeld der F4 Germany begrüßen zu können. Das Interesse ist sogar größer als wir es angenommen hatten."

Italienische Formel 4 in Monza
Die F4-Starterfelder in Europa sind voll, wie hier in Italien, Foto: IMAGO/NurPhoto

Mücke, Motopark, US Racing und Co. planen Einstieg

Gedlich Racing, das mit der Formula Winter Series bereits eine Formel-4-Rennserie veranstaltet, hat längst Kontakt zu potenziellen Interessenten aufgenommen, die mit eigenen Teams in Deutschland an den Start gehen könnten. Darunter zahlreiche Namen, die auf eine erfolgreiche Vergangenheit im Nachwuchssport zurückblicken.

"Wir haben bereits mit Teams wie Mücke Motorsport, Motopark, US Racing, Van Amersfoort Racing, Jenzer Motorsport, Mathilda Racing oder Rennsport Rössler gesprochen, die sich einen Einstieg mit mehreren Autos gut vorstellen können", sagt Selbach. "Wir stehen mit zahlreichen weiteren Teams aus Deutschland und dem benachbarten Ausland in engem Austausch, die auch konkret interessiert sind."

Kimi Antonelli 2022
Letzter Champion der ADAC Formel 4 im Jahr 2022: Kimi Antonelli, Foto: ADAC Motorsport

Rumpfkeil: "Zeit für Formel 4 in Deutschland besser denn je"

Angesichts des - aus deutscher Sicht überraschenden - anhaltenden Formel-4-Booms verwundert es nicht, wenn Motopark-Chef Timo Rumpfkeil zu Motorsport-Magazin.com sagt: "Die Zeit für eine Formel-4-Serie in Deutschland ist besser denn je, jetzt ist der richtige Moment dafür. Wir sehen, dass die Formel-4-Starterfelder in anderen europäischen Ländern voll sind."

Das in Oschersleben beheimatete Team Motopark ist seit 1998 im Nachwuchs-Formelsport aktiv und hatte Piloten wie Max Verstappen, Valtteri Bottas, Kevin Magnussen, Bruno Senna oder Sebastien Buemi in seinen Cockpits sitzen, die später zu Weltstars aufstiegen. Rumpfkeil: "Wir arbeiten aktuell am Einstieg in die neue F4 Germany und können uns vorstellen, mit vier Autos an den Start zu gehen. Diese Größenordnung macht aus vielen Gründen Sinn und reduziert das Budget für die einzelnen Fahrer."

Der frühere Rennfahrer hob dabei die deutschen Austragungsorte auf Strecken wie in Hockenheim, dem Heimspiel in Oschersleben, dem Nürburgring oder auch dem Sachsenring hervor: "Die DTM-Plattform bietet viele gute und moderne Rennstrecken in Deutschland - da brauchen wir uns vor dem Angebot anderer nationaler Formel-4-Serien überhaupt nicht zu verstecken."

ADAC Formel Masters Champion 2011 mit Motopark: Der heutige McLaren-Werksfahrer Marvin Kirchhöfer, Foto: ADAC Formel Masters
ADAC Formel Masters Champion 2011 mit Motopark: Der heutige McLaren-Werksfahrer Marvin Kirchhöfer, Foto: ADAC Formel Masters

Mücke-Teamchef: "Ziehen Einstieg ernsthaft in Betracht"

Sollte sich Motopark für die Deutsche Formel 4 entscheiden, könnte es zu einem Wiedersehen mit einem Altbekannten aus früheren Zeiten kommen: Auch das Team Mücke Motorsport erwägt einen Einstieg und damit seine Rückkehr in den Singleseater-Sport. Der Berliner Rennstall bildete über Jahrzehnte hinweg Formel-Nachwuchsfahrer aus, darunter spätere F1-Piloten wie Sebastian Vettel, Robert Kubica, Sergio Perez oder den amtierenden Weltmeister Lando Norris.

"Die neue F4 Germany klingt für uns sehr interessant", sagt Ex-Rennfahrer und Teamchef Stefan Mücke zu Motorsport-Magazin.com. "Eine nationale Formel-4-Serie auf der DTM-Plattform hat dem deutschen Motorsport in den vergangenen Jahren ganz klar gefehlt. Sie gehört aus meiner Sicht einfach zur Nachwuchslandschaft in Deutschland und hat in der Vergangenheit viele Talente hervorgebracht. Deshalb verfolgen wir die Entwicklung sehr aufmerksam und ziehen einen Einstieg mit Mücke Motorsport ernsthaft in Betracht - wir gehen aktuell davon aus, dass wir dabei sein werden."

Mücke Motorsport konzentrierte sich zuletzt auf den Nachwuchs im GT- und LMP3-Prototypen-Bereich und sieht hier Synergien mit dem Formelsport, wie Stefan Mücke erklärt: "Wir sehen eine gute Nachfrage nach Formel-Nachwuchsprogrammen, die vollen Formel-4-Starterfelder in anderen Ländern zeigen das. Wir brauchen nicht eine 100. GT-Serie. Eine Formel-Serie bietet zudem eine gute Ergänzung zu unserem Nachwuchsprogramm im LMP3-Sport. Es ist kein Geheimnis, dass der Formelsport teuer und der Weg nach ganz oben für viele schwierig ist. Deshalb könnte nach der Formel 4 auch der Wechsel in den Prototypen-Sport sehr interessant sein."

Lando Norris fuhr 2015 für Mücke Motorsport in der ADAC Formel 4, Foto: ADAC Formel 4
Lando Norris fuhr 2015 für Mücke Motorsport in der ADAC Formel 4, Foto: ADAC Formel 4

Wie viel Geld kostet eine Saison in der Deutschen Formel 4?

Wie viel Budget die Fahrer für eine Saison in der Deutschen Formel 4 mitbringen müssen, dazu wollten die Teams noch keine öffentlichen Aussagen treffen. Hinter vorgehaltener Hand hören wir aus unterschiedlichen Quellen Summen zwischen mindestens 400.000 und eher 600.000 Euro, "wahrscheinlich auch einiges darüber hinaus", wie ein Teamchef meinte, der namentlich nicht genannt werden wollte. Klar ist zum aktuellen Zeitpunkt nur: Das Nenngeld für eine Saison beträgt 35.000 Euro. Die Teilnahme soll zudem mit einem Preistopf in Höhe von 500.000 Euro für die erfolgreichsten Fahrer schmackhaft gemacht werden.

Offen ist ebenso, wie viele Nachwuchstalente aus Deutschland in der Deutschen F4 an den Start gehen werden. Schaut man in die diversen europäischen Formelserien, sind in den Starterlisten nur wenige Piloten mit der schwarz-rot-goldenen Fahne auf dem Auto zu sehen. Deutsche Nachwuchspiloten wechselten in der Vergangenheit aus Kostengründen und mangels heimischer Unterstützung lieber vom Kart in den GT-Sport. "Wir werden da erst mal nur sehr wenige deutsche Fahrer am Start sehen", vermutete ein Motorsport-Insider, der anonym bleiben wollte.

Ob sich das ändert, wenn die Deutsche F4 hierzulande auf sich aufmerksam machen kann und Formelsport in 'DE' trotz fehlendem Formel-1-Rennen und mit Nico Hülkenberg als letztem verbliebenen Aushängeschild wieder attraktiver wird? Mit einer 'Wunderheilung' ist angesichts der deutschen Automobilkrise wohl nicht so schnell zu rechnen, eher werden derzeit Budgets für den Motorsport gekürzt.

Die DTM bietet aber immerhin eine attraktive Plattform vor großer Zuschauerschaft. "Die DTM bietet die größte Motorsport-Bühne in Europa und ist für Nachwuchstalente perfekt geeignet, um in Kontakt mit Teams und Herstellern zu treten", ist Gedlich-Racing-CEO Selbach überzeugt. "Die Piloten können ihr Talent unter Beweis stellen und ihren Sponsoren dank der großen medialen Reichweite der DTM-Plattform ein tolles Paket anbieten."

ADAC Formel 4
Knüpft die F4 Germany an erfolgreiche Formelzeiten in Deutschland an?, Foto: IMAGO/HochZwei

F4 Germany: DTM-Teams beobachten Entwicklung mit Vorsicht

Laut Selbach hätten sich bereits in der DTM engagierte Teams gemeldet und ihr Interesse an einem Einstieg in die F4 Germany bekundet, um "mögliche Synergien auf der Plattform nutzen zu können". Nach unseren ersten Eindrücken sind einige DTM-Rennställe zurückhaltend und wollen sich erst einmal einen Überblick zu den anfallenden Kosten verschaffen.

So sagte etwa Uli Fritz, Geschäftsführer des Ford-Werksteams HRT, zu Motorsport-Magazin.com: "HRT engagiert sich seit jeher stark in der Nachwuchsförderung. Wir halten es für unabdingbar, junge Talente gezielt zu unterstützen und damit den Motorsport in Deutschland insgesamt zu stärken. Vor diesem Hintergrund ist eine Initiative wie die "F4 German Championship certified by FIA" grundsätzlich sehr begrüßenswert."

Fritz weiter mit Blick auf die Ausgaben: "Wenn es gelingt, eine dauerhaft tragfähige Lösung für Fahrer und Teams zu etablieren, kann eine deutsche Formel-4-Meisterschaft einen wichtigen Beitrag zur Nachwuchsförderung leisten. Unter den aktuell bekannten Rahmenbedingungen sehen wir für HRT jedoch noch keine Grundlage für ein Engagement in der Serie. Wir wünschen den Verantwortlichen dennoch viel Erfolg und sind gespannt auf die weitere Ausarbeitung des Konzepts."

Alle Meister des ADAC Formel Masters (2008-2014) und der ADAC Formel 4 (2015-2022)

JahrMeister
2008Armando Parente (URD Rennsport)
2009Daniel Abt (Abt Sportsline)
2010Richie Stanaway (ma-con Motorsport)
2011Pascal Wehrlein (Mücke Motorsport)
2012Marvin Kirchhöfer (Motopark)
2013Alessio Picariello (Mücke Motorsport)
2014Mikkel Jensen (Neuhauser Racing)
2015Marvin Dienst (HTP Junior Team, später: US Racing)
2016Joey Mawson (Van Amersfoort Racing)
2017Jüri Vips (Prema)
2018Lirim Zendeli (US Racing)
2019Theo Pourchaire (US Racing)
2020Johnny Edgar (Van Amersfoort Racing)
2021Oliver Bearman (Van Amersfoort Racing)
2022Kimi Antonelli (Prema)

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