Es kommt Bewegung in den Streit um das Verdichtungsverhältnis der Motoren. Seit Monaten zoffen sich die Hersteller in der Formel 1 darüber, ob ein Trick, den Mercedes gefunden haben soll, legal ist oder nicht. Lange Zeit schien es, als würde Mercedes zumindest für die Saison 2026 mit der Regelauslegung durchkommen. Doch nach dem letzten Meeting der Motorenhersteller hat sich das Blatt offenbar gewendet.
Die italienische Publikation Autosprint hatte zuerst darüber berichtet, nun verdichten sich nicht nur die Motoren, sondern auch die Anzeichen, dass es eine Last-Minute-Regeländerung geben könnte.
Konkret geht es bei den zuletzt diskutierten Maßnahmen nicht direkt um das Verbot des möglichen Mercedes-Tricks, sondern um ein verändertes Messverfahren. In einem nicht öffentlichen Zusatz des Technischen Reglements ist das Prozedere, wie das Verdichtungsverhältnis der Motoren gemessen wird, genau definiert.
Neues Messverfahren, neuer Mercedes-Motor?
Ein verändertes Messverfahren könnte zur Folge haben, dass Mercedes den Motor adaptieren muss, um dem F1-Reglement zu entsprechen. Derzeit wird das geometrische Verdichtungsverhältnis bei Umgebungstemperatur gemessen.
"Die FIA überprüft solche Fragen kontinuierlich, um Fairness und Klarheit zu gewährleisten. Anpassungen der Vorschriften oder Messverfahren können für die Zukunft in Betracht gezogen werden", gab ein Sprecher des Automobilweltverbandes zu Protokoll, als Motorsport-Magazin.com den Streit im Dezember 2025 aufgedeckt hatte.
Doch seither drehte man sich im Kreis. Bis jetzt. Denn Ferrari, Honda und Audi wollten die Sache nicht auf sich beruhen lassen und probierten andere Messverfahren. Der aktuelle Vorschlag sieht vor, die Motoren vor dem Test auf Betriebstemperatur zu erhitzen.
Die Gegner vermuten, dass sich das Verdichtungsverhältnis bei Betriebstemperatur im Mercedes-V6 erhöht. Das würde einen enormen Vorteil bringen, weil das Verdichtungsverhältnis beim neuen Motorenreglement von zuvor 18:1 auf 16:1 limitiert wurde. Weil der Benzinfluss limitiert ist, ist eine effizientere Verbrennung gleichbedeutend mit mehr Leistung.
Red Bull Powertrains mit Sinneswandel?
Red Bull Powertrains soll einen ähnlichen Trick gefunden haben. Allerdings scheinen die Ingenieure in Milton Keynes keinen so großen Profit daraus gezogen haben wie ihre Kollegen in Brixworth.
Weil Mercedes beim Shakedown in Barcelona für Insider einen überlegenen Eindruck machte, dürfte auch Red Bull nun großes Interesse daran haben, Mercedes einzubremsen. Zuvor war die Position der Bullen nicht ganz klar.
Red Bull könnte aber Zünglein an der Waage sein. Die FIA kann das Messprotokoll nicht einfach so abändern. So knapp vor dem Saisonstart müsste eine Regeländerung mit einer sogenannten Super-Mehrheit beschlossen werden. Dafür sind bei Motoren-Entscheidungen sechs der sieben Stimmen nötig.
Die Motorenhersteller Mercedes, Ferrari, Audi, Red Bull Powertrains und Honda haben dabei jeweils eine Stimme, die zwei verbleibenden liegen bei FIA und Formel 1. Weil Mercedes sicher gegen eine Regeländerung ist, müssten alle anderen dafür stimmen. Red Bulls Stimme wäre unbedingt nötig.
FIA und Formel 1 entscheiden über Mercedes-Schicksal
Fraglich ist aber, was FIA und Formel 1 dazu bewegt, die Regeln zu ändern. Mit der FIA befand sich Mercedes während der Entwicklung des Motors eigentlich im Dialog. Mercedes-Teamchef Toto Wolff lobte zuletzt die Arbeit mit der FIA hier ausdrücklich.
Die Aussagen von Toto Wolff findet Ihr im O-Ton auch in diesem Video:
Politische Spiele im Hintergrund erschweren einen Konsens. Dazu will die FIA auf keinen Fall einen Protest beim Saisonstart. Audi, Ferrari und Honda wissen allerdings nicht genau, was Mercedes macht. Ein Protest beim ersten Rennen wäre schon deshalb sehr schwer. Gleichzeitig wäre es für die Formel 1 der Super-GAU, weil neben Mercedes noch drei Kundenteams betroffen sind.
Die Motoren können aber vor Ort nicht einfach überprüft werden. Möglicherweise würde sich der Streit bis zum Saisonende hinziehen, wenn die Motoren normalerweise im Detail überprüft werden.
Deshalb wäre auch eine Technische Direktive nicht zielführend. Die kann die FIA als Interpretationshilfe ohne formellen Regeländerungsprozess ausgeben. Bindend ist sie aber nicht. Man würde die Entscheidung im Zweifel auf die Stewards abschieben.
Protest wäre Super-GAU
Die FIA muss die Angelegenheit unbedingt vor dem Saisonauftakt am 8. März in Melbourne regeln. Doch dafür ist es eigentlich viel zu spät. Änderungen am Motor bedürfen einer besonders langen Vorlaufzeit.
Trotzdem sind sich die Gegner sicher, dass Mercedes entsprechende Anpassungen bis zum Saisonstart vornehmen könnte. Selbst dann wäre eine Entscheidung aber binnen kürzester Zeit nötig. Mercedes muss für das Werksteam und die Kunden McLaren, Williams und Alpine in Melbourne insgesamt acht Einsatz-Motoren plus Ersatz haben.
Sollte die Änderung tatsächlich kommen, dürfte die nächste Diskussion nur eine Frage der Zeit sein. Auch für die Motorenhersteller gilt eine Budgetobergrenze. Wären Änderungen, die in Folge der Regeländerung vorgenommen würden, von der Budgetobergrenze ausgenommen? Die gleiche Diskussion kann für die reglementierten Prüfstandsstunden geführt werden.
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