Am Samstagabend hatte McLaren-Teamchef Andrea Stella bereits angekündigt: Zwei McLaren gegen Max Verstappen allein werde am Sonntag ein Vorteil sein. Und als es im Rennen dann strategisch zur Sache ging, rehabilitierte sich die eine Woche zuvor noch desolate Strategie-Abteilung von McLaren mit einem perfekten Rennen, und tatsächlich auch mit taktischer Schützenhilfe von Oscar Piastri, wie die Renn-Analyse von Motorsport-Magazin.com erklärt.

Das strategische Unheil für Max Verstappen nahm fünf Minuten vor dem Rennstart seinen Lauf. Als die Startreifen aller Autos bestätigt wurden. Bei fast allen an der Spitze war es wie so oft der Medium. Doch der hinter Verstappen und Norris von P3 losfahrende Oscar Piastri überraschte mit Hard. Auch Red Bull, gesteht Teamchef Laurent Mekies: "Waren wir, das war sehr clever von ihrer Seite und hat ihnen viele Optionen gegeben."

Lando Norris, Max Verstappen und Oscar Piastri beim Start in Abu Dhabi
Der Start in Abu Dhabi war entscheidend, Foto: IMAGO / PsnewZ

Hatte sich McLaren eine Woche zuvor in Katar noch mit Festhalten an wertloser "Flexibilität" blamiert, so hatte sie in Abu Dhabi einen klugen Schachzug abgeliefert. Angetrieben davon, dass es in diesem Rennen unklar war, ob es aufgrund von starkem Graining auf den Vorderreifen einen oder zwei Stopps brauchen würde. "Klar war, dass der Hard ein guter Reifen war", so Andrea Stella. "Wenn jemand auf dem Hard jemand auf dem Medium jagt, muss der auf Medium pushen."

Norris winkt Piastri am Start durch - um die McLaren-Taktik wirken zu lassen

McLaren hatte nur ein Problem. Natürlich ist die alternative Strategie riskant, also muss man sie dem WM-Außenseiter Piastri mit seinen 16 Punkten Rückstand zuteilen. Nicht dem Favoriten Lando Norris, der mit einem Podium den Titel sicher hat. Wenn aber Piastri als Dritter hinter Verstappen und Norris aus der ersten Runde zurückkehrt, dann bringt die Strategie-Zange nichts.

Also kam im Strategiemeeting ein kühner Vorschlag auf den Tisch: Norris solle sich nicht wehren, wenn Piastri ihn in der ersten Runde attackiert. "Eine strategische Option, die Lando unterstützt hat", verrät Stella nach dem Rennen. "Es war ein gutes, faires Manöver von Oscar, aber als Szenario haben wir es diskutiert, und es war nicht der härteste aller Kämpfe. Es gab generelles Interesse daran."

Letztendlich offerierte die Idee nämlich für beide Vorteile. Norris musste nur P3 halten. Und ging sowieso davon aus, dass McLaren im absoluten Notfall kurz vor Rennende einen de facto durch seine Rennposition eliminierten Piastri per Teamorder rausnehmen würde, um den Norris-Titel vor Verstappen zu retten.

Und Piastri dürfte erst recht nicht schwer zu überzeugen gewesen sein. Zum einen garantierte es ihm, einfach vor Norris zu kommen. Wo er für seine kleine WM-Restchance unbedingt sein musste. Und der Hard garantierte ihm weiter, dass er ewig lang auf der Strecke ausharren und auf eine Neutralisierung des Rennens hoffen konnte, die ihm potenziell dann den Sieg geschenkt hätte.

Oscar Piastri stellt Max Verstappen ins taktische Abseits

Mit dem Hard war Piastri hinter Verstappen von Beginn an nun ein massives Problem für den Red Bull. Auf dem robusteren Reifen konnte er deutlich unbesorgter pushen und in der verwirbelten Luft dranbleiben. Das machte Verstappens letzte Hoffnung auf eine Blockade-Taktik zunichte, mit der er Norris in die Fänge des viertplatzierten Ferrari von Charles Leclerc hätte treiben können: "Ich wusste, sobald ich die Reifen bei Oscar sah, dass es ziemlich schwierig werden würde."

Anders als 2016, als Lewis Hamiton diese Taktik erfolgreich als Führender exekutierte, gehen Verstappen und Red Bull nicht davon aus, dass auf dem seither umgebauten Yas Marina Circuit das noch so einfach sein würde. Von Kurve 1 bis zur Haarnadel von Kurve 5 geht es Vollgas, und dann folgt direkt nach der Haarnadel die erste DRS-Zone, die Schikane, und die zweite DRS-Zone. Das sind die einzigen beiden Überhol-Spots.

Bildmontage Abu Dhabi Streckenänderung
Das alte Streckenlayout von Abu Dhabi war wegen Schikanen deutlich undankbarer, Foto: Motorsport-Magazin.com/IMAGO

Rausnehmen kann man hier nicht. Sonst wird man überholt. Erst recht, wenn man einen McLaren mit Reifenvorteil im Heck hat. Das Feld kann man nur im kurvigen letzten Sektor blocken. Dann muss man aber jede Runde in den Sektoren 1 und 2 wieder pushen. Das hätte Leclerc in Red Bulls Augen kaum in eine realistische Angriffsposition gegen Norris gebracht. "Wir hätten eigentlich nichts erreicht, außer dass wir den Sieg gefährdet hätten", meint Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko. "Auf den Punkt gebracht waren Mercedes und Ferrari zu langsam."

Norris von Leclerc & Co. getrieben - aber nie wirklich in Gefahr

Jetzt griff McLarens Strategie-Zange. Bei Norris konnten sich die Strategen völlig auf das Absichern des dritten Platzes gegen Leclerc fokussieren. Ohne Not reagierte Norris daher auf eine frühe Undercut-Welle, die weit hinten ab Runde 7 durch Nico Hülkenberg und Lewis Hamilton losgetreten wurde. Hamiltons hohe Schlagzahl auf neuen Reifen zwang in Runde 14 George Russell an die Box, worauf Norris und Leclerc dann in Runde 16 reagieren mussten.

Die Reifen-Strategien aller Fahrer in Abu Dhabi
Die Reifen-Strategien aller Fahrer in Abu Dhabi, Foto: Pirelli Sport

Red Bull setzte nun sehr wohl die Hoffnung in eine Blockade. Allerdings durch Yuki Tsunoda, der auf harten Reifen noch draußenblieb und dadurch jetzt vor Norris lag. Doch Tsunodas Bemühungen gingen katastrophal schief. Norris erwischte ihn im perfekten Fenster, musste bloß in Runde 23 DRS öffnen und sich nicht in die Leitplanke drängen lassen. Er verlor keine einzige Zehntel.

PerezHamiltonVerlust
1801:30,601:27,9-
1901:31,001:28,200,343
2001:33,401:33,405,554
21BOX01:30,502,596
22-01:28,0-
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TsunodaNorrisVerlust
2001:30,101:29,5-
2101:30,301:29,1-00:00,4
2201:30,001:29,0-00:00,5
2301:31,401:28,3-

Nun hatte Norris erstmals im Rennen freie Fahrt, keine verwirbelte Luft, und damit begann der davor den ganzen ersten Stint hinter ihm klebende Leclerc endgültig abzufallen. Langsam fuhr der McLaren weg. Die lange bei ein bis zwei Sekunden stagnierende Lücke wuchs bis Runde 39 auf über acht Sekunden. Ferrari blieb die letzte Red-Bull-Hoffnung, indem man Leclerc dann zu einem zweiten Stopp holte und Norris erneut zum Abdecken zwang.

Kein Gamble von Max Verstappen auf eine letzte Straßensperre

Das sorgte in Runde 41 für eine plötzliche Konvergenz der unterschiedlichen Strategien. Auf Leclerc folgte Norris und schließlich Piastri. Der hatte bis Runde 41 auf seinen harten Reifen draußen ausgeharrt. Zum einen war das ein Dienst an Norris: Es zwang Verstappen, im Mittelstint Tempo zu machen und wieder zu Piastri aufzuschließen. Ansonsten lief er Gefahr, bei einem Safety Car den Sieg zu verlieren.

Piastri hatte seinerseits natürlich nichts zu verlieren, indem er bis zu dem Moment, als Verstappen ihn ein- und überholte, weiterfuhr und auf ein Safety Car, VSC, eine rote Flagge, einfach auf irgendetwas hoffte. Als nichts geschah, rief ihn McLaren in Runde 41 zum Stopp. Damit waren Piastri, Norris und Leclerc wieder recht eng beieinander und auf ähnlichen Reifen.

Für Verstappen öffnete sich ein letztes Fenster. Bis Runde 45 hätte er theoretisch ebenfalls stoppen können. Und doch noch eine verzweifelte letzte Blockade versuchen. "Es war möglich", räumt Laurent Mekies ein. "Wir dachten, es sei nicht die richtige Option für uns. Wir hätten einen großen Vorteil dafür hergegeben. Heute hatten wir nicht das Gefühl, dass Taktik-Spielchen was gebracht hätten."

Wie schon vorhin erwähnt sieht Red Bull einfach nicht, wie ein Verlangsamen Verstappen wirklich geholfen hätte. Eben weil er in den ersten zwei Sektoren hätte pushen müssen, um nicht selbst überholt zu werden, hätte er höchstwahrscheinlich nicht mehr als einen DRS-Zug erzeugt, in dem Leclerc genauso nicht hätte überholen können. Am Ende blieb Verstappen fairer Sieger im Rennen, und fairer Verlierer in der Weltmeisterschaft.