Das Abkürzen in der ersten Kurve von Mexiko beschäftigt die Formel 1 auch eineinhalb Wochen später immer noch, als sie in Brasilien erneut zusammentritt. Kritik am Streckenlayout und an den fehlenden Strafen gibt es von mehreren Fahrern. Auch Lewis Hamilton übt Kritik - seine fällt aber ganz anders aus. Ihm geht es weniger um das tatsächliche Problem des Abkürzens. Sondern darüber, wie solche Straf-Streitereien gehandhabt werden.
Das Abkürzen selbst hatten am Donnerstag vor dem Brasilien-GP schon unter anderem George Russell und Fernando Alonso aufs Korn genommen. Beide hatten sich in Mexiko benachteiligt gefühlt, weil Fahrer vor ihnen am Start beziehungsweise später im Rennen einfach geradeaus über das Gras gefahren waren, um die Position zu halten. Russell fordert nun gar einen Umbau:
Hamilton war in diesem ganzen Getümmel der einzige Fahrer gewesen, der tatsächlich auch bestraft wurde. Der Einzige, der abkürzte, war er bei weitem nicht gewesen. Max Verstappen und Charles Leclerc in der ersten Runde, Verstappen später im Duell mit Hamilton, Carlos Sainz ebenfalls am Start.
Straf-Einzelfall Hamilton nimmt Mexiko-Stewards ins Visier
Nichts, was seit Mexiko geschehen ist, hat für Hamilton die Sache verständlicher gemacht: "Nicht wirklich. Es gibt keine Klarheit. Das ist aber Teil eines größeren Problems." Es spornt ihn nun an, doch heftige Kritik an den Stewards, den unabhängigen Schiedsrichtern der Formel 1, zu üben.
"Transparenz, Verantwortung, und das Treffen von Entscheidungen im Geheimen, im Hintergrund", regt sich Hamilton auf. Es scheint geradezu Erinnerungen an das berühmt-berüchtigte Saisonfinale 2021 in Abu Dhabi zu wecken, als sich die FIA-Rennleitung damals unter dem Druck eines WM-Finales zu einer kapitalen Fehlentscheidung hinreißen ließ, was Hamilton damals den achten Titel kostete.
"Ich weiß nicht, ob sie sich der Schwere ihrer Entscheidungen bewusst sind", ermahnt Hamilton die Offiziellen. "Letztendlich lenken sie Karrieren ... und sie entscheiden sogar die Ergebnisse von Meisterschaften, wie wir in der Vergangenheit gesehen haben. Irgendwas muss auf jeden Fall passieren."
Wie ist es um Transparenz von FIA-Entscheidungen in der Formel 1 bestellt?
"Das ist etwas, das wahrscheinlich im Hintergrund angegangen werden muss", schließt Hamilton. Wenngleich angemerkt werden muss, dass die FIA in den letzten Jahren, oder eher Jahrzehnten, sich bereits redlich um Transparenz bei Ermittlungen der Stewards bemüht hat. Selbst vor 20 Jahren gab es die Entscheidungs-Dokumente nach Ermittlungen lediglich im Fahrerlager. Urteils-Begründungen gingen oft nicht über "Fahrer X ist schuld an Kollision mit Fahrer Y, Strafe" hinaus.
Heute werden alle Urteile in ausführlichen Dokumenten protokolliert. Diese sind öffentlich auch auf der FIA-Website einsehbar. Urteilsbegründungen umfassen regelmäßig mehrere Absätze. Auch die Straf- und Racing-Richtlinien, welche als Grundlagen für viele Entscheidungen dienen, sind mittlerweile öffentlich. Man mag über die Argumentation der Stewards bei Hamiltons 10-Sekunden-Strafe in Mexiko also streiten, aber über das reine Vorhandensein der Begründung kann man das nicht.
Muss die FIA noch mehr für Transparenz in der Formel 1 tun?
Wobei das nicht ganz stimmen mag. Wer die Regie-Einblendungen während des Rennens genau verfolgt, dem ist sicher schon ein wesentlicher Unterschied aufgefallen: Ein Zwischenfall wird stets erst notiert ("noted") - das bedeutet von der Rennleitung an die Stewards zur ersten Begutachtung weitergegeben. Die Stewards können dann entscheiden, eine Ermittlung einzuleiten ("under investigation"), oder aber sie legen ihn sofort unverrichteter Dinge zu den Akten.
Genauer gesagt - sie lassen ihn verschwinden. Wird ein Zwischenfall nur notiert, ohne es je in das Stadium der tatsächlichen Ermittlung zu schaffen, so wird die Entscheidung ("no further investigation") nicht öffentlich begründet. Der Start in Mexiko war genau so ein Fall. Nur notiert, nie ermittelt, daher gibt es keine einsehbaren Begründungen, warum die Stewards auf Strafen verzichteten.
Dazu kommt, dass Stewards von Rennen zu Rennen rotieren, daher für die Fahrer für etwaige Rücksprachen oft schwer fassbar sind. Ein ewiges Reizthema unter den F1-Piloten. Und das Thema "Aufarbeiten von Fehlentscheidungen" ist in der öffentlichen Wahrnehmung in der Formel 1 quasi nicht präsent. Williams erzwang mittels eines "Right of Review" nach Zandvoort in diesem Jahr zuletzt ein so ein seltenes Eingeständnis. Ob das auch interne Folgen hatte? Unklar.
So mag es aus Fahrersicht auch durchaus verständlich sein, wenn man sich einen engeren Austausch mit der FIA beim Thema Stewards und Strafen erhofft. Schiedsrichter sein ist schwer, auch in der Formel 1.
Neben den Strafen galt es ein anderes Thema nach Mexiko für die FIA aufzuarbeiten. Als Streckenposten während des Rennens auf die Strecke liefen, und beinahe in der Fahrbahn von Liam Lawson landeten. Lawson gibt vor dem Brasilien-GP ein Update, was er seitdem von der FIA gehört hat.



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