Die erste Kurve wird auch heute im Rennen der Formel 1 in Austin eine kritische Rollen spielen. Nicht nur, weil das Layout eben jener Kurve auf dem Circuit of the Americas wie beim Sprint-Start gestern bewiesen hohes Konfliktpotenzial aufbietet. Der gestrige Konflikt könnten für McLaren heute kostspielige Konsequenzen haben. Genau das, was Max Verstappen braucht.

Beide McLaren crashten im Sprint in der ersten Kurve bei einer für diesen Kurventypus klassischen Situation aus dem Rennen. Die Stelle ist sehr breit, erlaubt mehrere Linien und wenn mehrere Autos weit nach außen gehen, lädt das andere ein, nach innen zu ziehen. Wenn einer der äußeren, wie Oscar Piastri im Sprint, dann einen "Cutback" versucht, also wieder nach innen zieht, kracht es.

Die Startkollision im Sprintrennen von Austin
Zu viel Platz in der ersten Austin-Kurve, Foto: IMAGO/PsnewZ

Doppel-Aus im Sprint kostet McLaren essenzielle Austin-Daten

Wer aber an einem Sprint-Wochenende den Sprint nicht fährt, der verliert eine extrem wichtige Session. Weil es nur ein Training gibt und man inzwischen das Setup vor dem Qualifying erneut ändern darf, ist der Sprint der wichtigste Datensatz für das Renn-Setup. Ein Doppel-Ausfall bedeutet null Daten.

Warum ist das in Austin besonders gefährlich? Die Highspeed-Kurven im ersten Sektor bedeuten, dass man das Auto möglichst tief fahren will. Aber die vielen Bodenwellen hier machen das gefährlich. Wer zu tief fährt, sitzt zu oft auf, nutzt den Unterboden zu stark ab - und am Ende droht gar die Disqualifikation. Wie es vor zwei Jahren erst Mercedes und Ferrari hier passierte.

Da der Sprint kürzer ist und mit weniger Benzin gefahren wird, können Teams hier üblicherweise aggressivere Setups fahren, danach den Unterboden checken und den nötigen Kompromiss für den Rest des Wochenendes einstellen. "Wir haben gehofft, im Sprint über das Setup zu lernen, was gut und was schlecht ist, und dann Anpassungen für das Qualifying zu machen", ärgert sich der von Startplatz zwei losfahrende Lando Norris. "Das lief natürlich nicht nach Plan."

"Ich glaube nicht, dass ich mehr als drei Runden in Serie mit über 40 Kilo Benzin gefahren bin", unterstreicht Norris McLarens Problem. Das Team räumte am Samstagabend offen ein, dass man basierend auf dem Qualifying wohl beim dadurch entstandenen Ratespiel das Setup nicht optimiert hat. Was das im Rennen bedeutet? "Keine Ahnung, ob es sensationell oder grauenvoll wird."

Reifen-Vorteil von McLaren: Wie sehr hilft er in Austin?

Bei Max Verstappen sieht die Lage ganz anders aus. Red Bull feilt seit Freitag an der Feinabstimmung. Die ursprünglichen weicheren Einstellungen der Aufhängung kamen im Sprint bei Verstappen nicht gut an. Sein Fazit am Samstagmittag: Wäre McLaren mitgefahren, dann hätten sie ihn wohl geschlagen. Aber mit dem letzten Setup-Feinschliff vor dem Qualifying wurde der Red Bull zumindest auf eine Runde noch schneller.

Verstappen holte deutlich, mit drei Zehnteln Vorsprung, Pole vor Norris: "Schwer zu sagen, was das für morgen bedeutet, aber zumindest fühlte ich mich besser relativ zu gestern. Hoffentlich reicht das für das Rennen." In dem die Reifen eine äußerst kritische Rolle spielen werden.

Die prognostizierte Hitze hält das Grip-Niveau in Austin niedrig. Die Bodenwellen, vor allem in Bremszonen, sorgen für permanente Mikrorutscher. Alles Gift für den Reifen. Pirelli maß im Sprint beim Medium höheren Abbau als erwartet. Aber: Die Reifenpalette überspringt an diesem Wochenende eine Mischung. C1 (Hard), C3 (Medium) und C4 (Soft) sind dabei.

Wer wagt die Zweistopp-Strategie bei der Formel 1 in Austin?

Der Hard ist äußerst robust und weniger langsam als erwartet. Eine Medium-Hard-Einstopp wird sofort attraktiv. Doch zumindest in den Simulationen ist eine Zweistopp-Strategie mit einer beliebigen Kombination aus Medium und Soft genauso machbar, ja, sogar fast gleich schnell. Und da es in Austin zwei lange Geraden mit DRS gibt, sollte das Überholen für Zweistopper mit Reifenvorteil kein allzu großes Problem sein.

Gepaart mit einem starken Undercut-Effekt ergeben sich für Teams, die aggressiv agieren wollen, da zahlreiche Optionen. Start auf Soft? Früher Stopp, um den Führenden unter Druck zu setzen? Das könnte vor allem für jene gelten, die hinter Verstappen und Norris starten. Also die Außenseiter.

Crash-Fiasko für Norris & Piastri! McLaren beschuldigt Rivalen! (10:04 Min.)

Weder Charles Leclerc noch George Russell noch Lewis Hamilton - sie komplettieren die Top-5 - sehen auf dem Papier eine realistische Chance für sich, um den Sieg zu kämpfen. Ferrari liefert bislang ein verworrenes Wochenende, war in der Sprint-Konfiguration nirgendwo und Leclercs starker dritter Startplatz kam etwas aus dem Nichts.

"Ein guter Start und freie Fahrt würde wohl helfen, aber ich glaube nicht, dass wir so ganz die Pace haben", winkt Leclerc ab. Ähnlich wie Russell, der zwar bessere Renn- als Qualifying-Pace im Mercedes sieht, der mit leeren Tanks die Highspeed-Kurven nicht kann. Aber was diese Teams können - wenn sie wollen - wäre eine frühe Zweistopp-Strategie. Mit der sie dann Verstappen und/oder Norris unter Druck setzen könnten.

Was wird aus Oscar Piastri? Und was wird aus dem nächsten Start?

Solche Action an der Spitze würde Oscar Piastri sicherlich freuen. Der WM-Führende hadert das ganze Wochenende schon mit dem Vertrauen in seinen McLaren. Auf dem schwierigen Kurs fehlt dem Australier, der normalerweise seine Wochenenden eher methodisch und langsam aufbaut, die Sprint-Fahrzeit erst recht. Piastri fährt nur vom sechsten Platz los.

Auf dem Papier sollte Piastri wiederum aber im Renn-Trimm schneller können als Ferrari und Mercedes. Damit findet er sich in einer Situation wieder, in der sonst eher Norris den McLaren pilotiert: Ein Szenario, wo er eigentlich eine alternative Strategie fahren muss, um nach vorn zu kommen. Für Norris ging das diese Saison schon mehrmals auf, in Ungarn sogar mit einem Sieg.

Piastri kann also nicht völlig ignoriert werden, da noch niemand weiß, ob einer oder zwei Stopps die richtige Wahl sein werden. Tappen alle in eine Strategie-Falle, könnte das Piastri weit vor spülen. Alternativ gäbe es da aber natürlich noch die erste Kurve. Wie gestern im Sprint gesehen: Hier kann viel passieren. Pole-Mann Verstappen muss auch von außen losfahren. Und seit 2021 hat kein Fahrer im Grand Prix seinen ersten Platz in der ersten Kurve verteidigt.