Weiß man bei Ferrari, was man tut? Nach fast einer Sekunde Rückstand am Freitag sind es im Qualifying der Formel 1 am Samstag plötzlich wieder nur mehr 0,297 Sekunden, die Charles Leclerc auf die Pole fehlen. Die Ferrari-Experience ist in Austin für beide Fahrer selbst bei Erfolg eine zermürbende. Lewis Hamilton bekommt wenigstens das Team in den Griff.

Leclerc hatte am Freitag noch das Wochenende mehr oder weniger abgeschrieben. "Sehr überrascht" wäre er, wenn man einen großen Sprung machen würde. Nun ist das Verkürzen des Rückstandes um gut eine halbe Sekunde und Startplatz drei statt zehn absolut ein großer Sprung. Also? "So einen Performance-Umschwung müssen wir ehrlich gesagt immer noch verstehen."

Neues Ferrari-Setup vs. Qualifying-Sprung: Verhältnis stimmt nicht?

"Wir haben ein paar Dinge verändert, aber es war jetzt nichts Großes", meint Leclerc nach dem Qualifying. "Es war alles Feintuning. Es gab etwas Spezifischeres auf meiner Seite, das ging mehr in Richtung Fahrstil, und das hat sicher geholfen." Doch nicht auf fünf Zehntel. Durch die S-Kurven ist der Ferrari plötzlich nicht mehr so schwach wie am Freitag. Er verliert lediglich drei Zehntel, nur unwesentlich mehr als McLaren.

Vor allem aber wurde der SF-25 ein abartiges Verhalten der Hinterachse in der letzten Kurve los. Auch wenn sich Leclerc in Q3 auf dem ersten Versuch einmal drehte - unter dem Strich verloren er und Hamilton dort kaum mehr Zeit. Am Freitag ließ man da mehrere Zehntel zurück. "Es gab mehr Wind, das ist eine Stärke unseres Autos, das mag geholfen haben", mutmaßt Leclerc. "Aber noch einmal, das ist ein riesiger Umschwung. Das müssen wir verstehen."

Zumindest auf Hamiltons Garagenseite wurde auch per Setup hart gegen das Übersteuern gekämpft. Sogar zu hart: "In dieser Session begann ich mit massivem Untersteuern und musste das loswerden." Hamilton will im Verlauf des Qualifyings insgesamt ganze acht Umdrehungen beim Frontflügel nach oben gegangen sein, um das Auto auszutarieren. So viel arbeitet man normalerweise in einer problemfreien Trockensession da nicht mehr.

Lange nahm er seine Vorderreifen für eine gute Runde zu hart ran. "Erst auf dem letzten Versuch hatte ich den Flügel." Er wurde Fünfter, ein knappes Zehntel hinter Leclerc. Für ihn ist die Wende von Austin aber auch eine Team-Angelegenheit. Insbesondere insofern, dass das Team keine Nerven zeigte.

Lewis Hamilton stolz auf Ferrari: Qualifying-Änderungen durchgesetzt

"Wir haben ein paar Verbesserungen gemacht in Sachen Abläufen, haben was anderes ausprobiert und es hat wirklich funktioniert", lobt Hamilton, der in seinen wiederholten schlechten Qualifyings der letzten Rennen merklich frustriert über die internen Abläufe bei Ferrari geworden war. "Einfach wie wir es umsetzen, wie wir kommunizieren, ein ruhiger Ansatz, das Timing, die Reifentemperaturen. Wir haben es hier einfach viel besser umgesetzt."

Selbst mit dem schwachen Freitag im Hinterkopf und mit dem anhaltenden Kampf gegen das Untersteuern lieferte Hamilton in Austin so endlich wieder einmal ein sauberes Qualifying ab, in dem er von Taktik-Chaos, schlechtem Timing, kalten Reifen oder Ähnlichem verschont blieb: "Ich bin stolz auf das Team, wie offen es ist, und dass es diese Änderungen vornahm." Locker kam er durch bis ins Q3 und jetzt steht Ferrari mit den Startplätzen 3 und 5 eigentlich für das Rennen in den USA gut da.

"Ich glaube nicht, dass wir wirklich die Pace dafür im Auto haben", nimmt sich Leclerc jedoch vorab aus dem Kampf um den Sieg mit Max Verstappen und Lando Norris. "Aber sag' niemals nie. Letztes Jahr hat uns unsere Pace überrascht, sobald wir freie Fahrt hatten. Ich hoffe auf eine Überraschung, auch wenn es unwahrscheinlich ist."

Im Vorjahr hatte Leclerc hier schließlich locker gewonnen. Wirklich anders fühle sich das diesjährige Auto übrigens nicht an: "Es ist nur die Performance insgesamt sehr mies. Rennpace zu Qualifying-Pace ist relativ ähnlich. Wir sind stark im Rennen, aber im Qualifying finden wir den Grip der anderen nicht ganz." Eben das lässt die Hoffnung für den Sonntag noch leben.