Die bizarre Teamorder von McLaren am Ende des Italien-GPs beschäftigt die Formel 1. Wie aber konnte dieses Szenario überhaupt eintreten? McLaren-Teamchef Andrea Stella rechtfertigt es mit einer aggressiven Strategie, und die ist einen genaueren Check wert. Um festzustellen: McLaren hat bei der Jagd auf Max Verstappen das Glück aufs Äußerste strapaziert.

Mathematisch scheint für den Zuseher die Rechnung nach dem Rennen weniger dramatisch. Man hätte einfach Lando Norris zuerst gestoppt. Dann wäre dieses ungelenke Stallorder-Szenario, bei dem Oscar Piastri ihn nach dem langsamen Stopp wieder durchlassen musste, nie aufgetreten. Doch der Faktor Boxenstopp ist im Zusammenspiel mit dem Faktor Sieg und dem Faktor Charles Leclerc ein extrem wichtiger, und wie die Statistik zeigt, manövrierte sich McLaren mit viel Risiko in eine Lage, in der ein vorgezogener Norris-Stopp brandgefährlich gewesen wäre.

Formel 1: McLaren-Skandal?! Piastri muss Norris Platz machen (09:54 Min.)

Hintergrund: McLaren hat 2025 ein Boxenstopp-Problem

Ein besorgniserregender Boxenstopp-Trend spielt in die Monza-Sequenz mit hinein. Die McLaren-Stopps wurden im Verlauf von 2025 nämlich schneller - aber zugleich schlechter. Moment, was bedeutet das? Gute Boxenstopps sind nicht schnell, sie sind konstant schnell. Ein McLaren steht im besten Fall auch unter 2 Sekunden. Aber das erkauft man sich mit zu vielen Fehlern. Ein Problem, das McLaren seit Jahren hat. Viel zu oft geht ein Handgriff daneben und kostet mindestens eine Sekunde.

2025 ist die Fehlerquote in den letzten Rennen besorgniserregend angewachsen. Ein Teil davon mag auf Doppelstopps in Silverstone und Zandvoort zurückgehen, aber selbst bei diesen war eigentlich genügend Puffer für saubere Reifenwechsel vorhanden gewesen. So bleiben nur die nackten Zahlen: 23 Prozent der McLaren-Stopps liegen über der Fehlergrenze von 3,5 Sekunden. Das ist aktuell der schlechteste Wert im Feld. Zum Vergleich: Ferrari, die Benchmark, hat erst einen einzigen von 53 regulären Stopps in diesem Jahr so langsam absolviert.

Stopps über 3,5 SekundenQuote
McLaren1223 %
Alpine920 %
Haas920 %
Aston Martin817 %
Williams716 %
Red Bull714 %
Sauber613 %
Mercedes611 %
Racing Bulls24 %
Ferrari12 %

Selbst wenn man McLaren die Doppelstopps also anrechnet, heißt das immer noch: Jeder fünfte Reifenwechsel enthält einen falschen Handgriff. Das ist natürlich auch dem Team bewusst, und jede Strategie-Abteilung bezieht in einem Rennen das Fehler-Risiko bei ihren Taktik-Entscheidungen mit ein. Vor diesem Hintergrund wird das Bild von Monza jetzt schnell klarer.

Boxenstopp bei McLaren-Pilot Lando Norris
Fehlerlose Boxenstopps sind bei McLaren bei weitem nicht garantiert, Foto: IMAGO/PanoramiC

McLaren pokert in Monza maximal auf Sieg per Renn-Unterbrechung

McLaren hatte in Monza von Beginn an die Pace von Max Verstappen nicht, räumt Teamchef Andrea Stella ein: "Wir dachten, wir würden potenziell immer noch so schnell wie die Konkurrenz sein, aber jetzt müssen wir zugeben, dass Red Bull gestern ein, zwei Zehntel schneller war, und heute wohl noch ein bisschen mehr, nachdem Verstappen überholen und davonfahren konnte."

Warum aber war McLaren in Monza so schwach? Die technischen Hintergründe dazu erklärte Stella schon am Samstag nach dem Qualifying. Alles dazu gibt es hier:

McLaren hatte trotzdem immer noch einen Vorteil, je länger sich der Stint zog. Bei Verstappen ließ im letzten Stint-Viertel der Start-Medium merklich nach. Daraufhin holte ihn Red Bull in Runde 37 zu einem konservativen Stopp auf Hard. Weil Norris und Piastri sich nie ganz hatten abschütteln lassen, spülte sie das in Führung. Ihre bessere Pace am Stint-Ende ermöglichte es ihnen nun, hier auszuharren. Und zuzuwarten.

Jetzt zu stoppen hätte die Plätze 2 und 3 mit 6 bis 10 Sekunden Rückstand einzementiert. "Wir wollten einen Weg finden, ein größeres Ergebnis zu jagen", rechtfertigt Stella. "Mit einer roten Flagge aber wären wir mit zwei McLaren in Führung stark dagestanden. Auch bei einem Safety Car bis zu einem gewissen Punkt. Und wir wollten spät genug stoppen, um Soft zu nehmen. Bei einem späten Safety Car wären wir dann mit Soft gegen Verstappen auf Hard gefahren."

Charles Leclerc bestimmt den Boxenstopp von McLaren in Monza

Der treibende Faktor war nun der viertplatzierte Charles Leclerc. McLaren konnte so lange draußen bleiben, wie Piastri außerhalb von Leclercs Undercut-Fenster blieb. Ferrari hatte bereits in Runde 34 auf Hard gewechselt, war aber mit einem extremen Low-Downforce-Setup im Rennen nicht konkurrenzfähig. Piastri, der Mann mit dem besten Reifenbild der Spitzengruppe, demonstrierte das. Sechs Runden lang fuhr er auf alten Medium immer noch ähnlich wie Leclerc auf neuen Hard.

Ewig konnten die McLaren-Reifen aber nicht halten. Norris, der zu Rennbeginn noch versucht hatte Verstappen zu bekämpfen, bezahlte jetzt einen höheren Preis. Ab Runde 40 wurden Balance und Zeiten zunehmend erratisch. Dadurch schloss Piastri langsam die Lücke. Aber auch er schlitterte ab Runde 41 schon ab, bloß weniger dramatisch. Der Vorsprung auf Leclerc schrumpfte. Jetzt kommen die Stopp-Probleme ins Spiel.

In Runde 44 hatte Piastri noch 28,5 Sekunden Vorsprung und verlor eine halbe Sekunde pro Runde auf Leclerc, Tendenz fallend. Im Optimalfall dauert ein Stopp in Monza 24 Sekunden. Heißt jetzt: Mit jeder zusätzlichen Runde wurde Piastri im Falle eines schlechten Stopps - und vergessen wir nicht, 1 in 5! - immer weiter (und unnötig) der Gefahr Leclerc ausgesetzt.

Der Worst Case tritt in Monza ein - zum Glück bei Lando Norris?

"Es gab Gründe aus einem Racing-Gesichtspunkt, und gesamtheitlich, um draußen zu bleiben", rechtfertigt Stella das Zocken. Zu lang? "Wir blieben bis zu dem Punkt draußen, als wir die Boxenstopps in einer anderen Reihenfolge machen mussten als die auf der Strecke." Die strategische Gefahrenzone war schon halb betreten. Piastri bei dieser Fehler-Quote jetzt noch länger draußenzulassen war fahrlässig. Also stoppte er zuerst.

Mit dem Vorteil, dass wir wissen, was passiert, können wir tatsächlich das alternative Szenario ganz leicht hochrechnen. Der erste Stopp - in der Realität Piastri, im Alternativ-Szenario Norris - war das eine Ende der McLaren-Skala. 1,91 Sekunden, schnellster Stopp des Jahres. Zeitverlust auf Leclerc? 24,4 Sekunden. Der zweite Stopp? 5,87 Sekunden. Wohl ein Fehler auf Team-Seite, entweder menschlich und technisch, oder nur menschlich.

Der Mechaniker setzte zweimal an, danach übersah er, dass der Schlagschrauber noch intermittierend blinkte und eine nicht fixierte Mutter signalisierte. Erst nach Hinweis eines zweiten Mechanikers setzte er ein drittes Mal an. Gesamter Verlust auf Leclerc: 28,5 Sekunden. Noch einmal: Piastri lag in Runde 44 schon nur mehr 28,5 Sekunden vor dem Ferrari. Tendenz fallend. Er hätte bei seinem Stopp eine Runde später voraussichtlich unter 28 Sekunden Puffer gehabt. Das hätte nicht mehr gereicht, wenn der Fehler nun bei ihm passiert wäre. Er hätte Platz 3 an Leclerc verloren.

Natürlich hätte man das umgehen können, indem man beide in der richtigen Reihenfolge einfach noch eine Runde früher mit noch mehr Puffer gestoppt hätte. Dass man sich im Wissen der hohen Stopp-Fehlerquote trotzdem zu einer zusätzlichen Runde hinreißen hat lassen, macht auch den Rücktausch gewissermaßen nachvollziehbarer. Man hatte sich durch das lange Zocken in eine Lage gebracht, in der jeder Fehler auf irgendeine Weise bestraft werden würde.

Stella verteidigt bis zuletzt das Pokern, so unrealistisch eine Unterbrechung auch war: "Wir verfolgten zuerst die Team-Interessen, um alles so gut wie möglich zu maximieren." Diese Chancen-Maximierung und das Pokern auf den Sieg bei gleichzeitiger Risiko-Minimierung zwang dann einmal mehr einem Fahrer eine Teamorder auf - weil das Team wie keine andere Mannschaft im Feld absolutes Vertrauen hat, dass Norris und Piastri es beide auch tun. Und solange die beiden diese Plätze dann auch immer wieder tatsächlich tauschen, werden die Strategen weiter so handeln...