Eines sei gleich einmal vorausgeschickt: Bei normalem trockenen Rennverlauf ist es heute schwer vorstellbar, dass in Zandvoort kein McLaren das Rennen gewinnt. Die aus der ersten Reihe startenden Oscar Piastri und Lando Norris haben die Formel 1 in den Niederlanden bisweilen dominiert. Doch das Team spürt nach dem Strategie-Stress vom letzten Rennen immer mehr den Teamorder-Druck.

Zur Erinnerung: Piastri kämpfte in Ungarn vom Start weg mit der erwarteten Optimal-Strategie um den Sieg. Norris, nach dem Start abgeschlagen, schwenkte auf eine alternative Einstopp um, die sich im weiteren Rennverlauf als massiver Vorteil herausstellte. Zu groß für Piastri, der dadurch plötzlich nur mehr hinter Norris Zweiter wurde.

Die Frage in Zandvoort stellt sich da nur noch deutlicher: Was dürfen die Garagenhälften bei McLaren? Das Team spricht seit Tagen davon, dass das Ungarn-Szenario keine Änderungen hervorrufen würde. Beide Fahrer dürfen frei gegeneinander fahren, und beide Fahrer dürfen alternative Strategien einsetzen. Doch irgendwo muss eine Grenze her. Wie das aussieht? Teamchef Andrea Stella gibt am Samstag Einblicke.

Das Ungarn-Szenario entstand, weil Norris ursprünglich nicht im Kampf um den Sieg war. "Beide Fahrer, auch Oscar, akzeptierten eine gewisse Unvorhersehbarkeit, die man nicht unbedingt unter Kontrolle hat", stellt Stella fest. Basierend auf den bisherigen Daten dieses Wochenendes kann das Duell in Zandvoort aber richtig brenzlig werden.

Schwache Piastri-Pace in Zandvoort: Hat er sie auch für das Rennen gelöst?

Piastri steht zwar auf Pole, doch er brauchte bis zum Qualifying, um schneller als Norris zu sein. Der hatte davor das Wochenende kontrolliert, hatte Bestzeiten in allen drei Trainings gefahren, und - wichtiger für das Rennen heute - er hatte in FP1 und FP2 jeweils mächtige Longruns abgeliefert. Mit vollen Tanks im Renn-Trimm war sein Vorsprung auf Piastri sogar größer als im Shortrun.

Piastris Problem in Zandvoort ist, dass er mit den langsamen langgezogenen Kurven hadert. Bis zum Qualifying besserte sich das im Shortrun teilweise, aber Norris' Vorteil bestand an mehreren Stellen immer noch. Wer das Auto in langen Kurven nicht stabil halten kann, der rutscht im Rennen üblicherweise auch mehr. Was die Reifen stärker abbauen lässt.

Pirelli hat für 2025 eine um eine Stufe weichere Reifenpalette gebracht. Thermaler Abbau der Hinterreifen - eben durch Rutscher verschlimmert - ist der limitierende Faktor. Strategisch wandeln alle hart an der Grenze. Eine Einstopp-Strategie mit Medium-Hard sollte möglich sein. In der Theorie ist eine Zweistopp schneller. Nur will die keiner fahren, weil Überholen hier so schwer und Verkehr daher ein immenses Risiko ist.

Dem sehr guten Reifen-Manager Norris spielt das in die Karten. Das Risiko eines Szenarios, in dem Piastri führt, aber Norris dabei aufhält, ist durchaus gegeben. Und dann stellt sich eben wieder die strategische Gretchenfrage: Dem langsamen Fahrer die bessere Strategie geben?

Norris vs. Piastri - Danner: Müssen mit Crash rechnen! (06:21 Min.)

McLaren schreibt Red Bull in Zandvoort nicht ab: Was wird aus Max Verstappen?

"Aber zuerst haben wir Lando, Oscar und Max Verstappen", warnt Stella. McLaren ist der Red Bull nicht geheuer. Verstappen absolvierte seine übliche Samstags-Routine: Setup bis zum Qualifying umbauen und dann eine Wahnsinns-Runde raushauen. Allerdings war die in Zandvoort immer noch über zwei Zehntel langsamer, was ihm keine Hoffnung für das Rennen macht: "Ich hoffe, dass wir die Jungs hinter uns dort halten können. Was vor mir passiert? Kann ich nicht kontrollieren."

Stella schreibt Verstappen nicht so bereitwillig ab: "Zuerst ist es im Interesse von Team, von Lando und von Oscar, dass wir garantiert Max schlagen. Er ist nur zwei Zehntel weg. Mit den Herausforderungen beim Überholen und möglichem Wetter müssen wir zuerst sicherstellen, dass wir das beste Ergebnis mit Lando und Oscar holen." Das Team ist nicht bereit, die Fahrer völlig von der Leine zu lassen. Wenn die beiden Garagenhälften nur Strategien auf sich selbst ausrichten, exponiert man sich womöglich gegen eigentlich langsamere Autos von hinten.

Die Fahrer sind ja eigentlich schon an einem Punkt, wo ihnen das - 10 Rennen vor Schluss - so langsam egal ist. Leicht festzustellen an Piastris Norris-zentrierten Funksprüchen in Ungarn. Am Donnerstag darauf angesprochen bestätigte er freiheraus, dass seine Priorität in einem Dreikampf mit beispielsweise Verstappen nicht der Sieg wäre, sondern vor Norris zu bleiben: "Ultimativ? Ja."

McLaren ermahnt vor Zandvoort: Piastri & Norris dürfen nicht alles

Stella und das Team haben da auch bei 299 Punkten Vorsprung in der Konstrukteurs-WM eine andere Vorstellung: "Selbst wenn wir die Konstrukteurs-WM gewinnen. Das heißt zwar nicht, dass die Fahrer nicht frei fahren dürfen. Aber das kann nicht völlig unreguliert ablaufen. Das ist auch in ihrem Interesse, nicht bloß im Interesse des Teams."

"Alles muss im Rahmen der Team-Interessen ablaufen, und das kann je nach Situation unterschiedliche Bedeutungen haben", so Stella. In Zandvoort ist er da unmissverständlich. McLaren hat das schnellste Auto. Und daher erwarten er und das Team von Piastri und Norris, dass sie heute einen Doppelsieg nach Hause fahren.

Ein starker Start von Verstappen, und ein McLaren, der dabei Plätze verliert, könnte wie in Ungarn dann wieder eine strategische Abweichung provozieren, um dieses Doppelsieg-Ziel zu erfüllen. Verstappen ist hier insofern gefährlich, als dass er noch einen neuen Soft-Reifen übrighat. Der könnte zum einen beim Start helfen, wenn er ihn dafür wählt. Aber nicht nur das.

Red Bull zeigte schon in Spanien: Man kann den Reifen-Nachteil des RB21 etwas reduzieren, indem man eine aggressive Vollgas-Strategie mit einem zusätzlichen Stopp fährt. Da die Zweistopp-Strategie auf dem Papier bis zu acht Sekunden schneller sein kann, könnte ein Soft-Hard-Medium fahrender Verstappen McLaren tatsächlich nervös machen. Und dann dreht sich die Frage zurück auf die eingangs angesprochene Rennpace: Was tun, wenn Piastri wirklich Norris aufhält? Die Lage ist WM-bedingt dann bei weitem nicht so einfach, wie es Stella und seine Mannschaft wohl gerne hätten.

Völlig ignorieren darf man den von P5 startenden George Russell auch nicht. Zumindest im Podiums-Kampf. Er ist seinerseits die größte Gefahr für Verstappen und sollte ähnlich schnell sein, auch wenn er sich nach magerem Qualifying erst einmal an einem starken Isack Hadjar vorbeikämpfen muss. Und das Wetter? Bei allen Regen-Prognosen fuhr die Formel 1 bisher nur im Trockenen. Bei 40 Prozent Regenwahrscheinlichkeit tendiert es auch im Rennen dazu.