Mit jedem Blick auf die WM-Tabelle der Formel 1 2024 sehen die 70 Punkte Vorsprung von Max Verstappen weniger angenehm aus. Das Rennen heute in Monza könnte in Sachen Meisterschaft für Lando Norris und McLaren ein richtungsweisendes, ja ein entscheidendes sein. Denn heute stehen Norris und Oscar Piastri in der Startaufstellung ganz vorne - und Max Verstappen nur auf dem siebten Platz.
Es ist eine riesige Chance für Norris, die vor wenigen Wochen noch utopisch groß anmutende Lücke in der Fahrer-WM in einem Satz massiv zu verkürzen. Gewinnt er heute in Italien sein zweites Rennen in Folge inklusive schnellster Runde, während Verstappen auf Platz sieben hängenbleibt, wäre die Lücke plötzlich auf 50 Punkte geschrumpft. Vor Rennen, welche Red Bull noch schlechter liegen könnten, wie etwa Singapur.
McLaren hat heute in Monza nicht nur eine große Chance, sondern alles in der Hand, was das Team zur Umsetzung braucht. Niemand hat das bislang schwierige Wochenende so souverän absolviert. Das wurde mit den ersten beiden Startplätzen belohnt. George Russell, Charles Leclerc, Carlos Sainz und Lewis Hamilton leisten dahinter obendrauf Schützenhilfe gegen Red Bull.
McLaren heute in Monza Favorit? Eine gefährliche Schlussfolgerung
Das ist hier zwar kein Zandvoort, wo der MCL38 vor einer Woche mehrere Zehntel gegenüber der Konkurrenz in der Hand hatte. Es ist ein generell schwieriges Wochenende auf der neu asphaltierten Strecke in Monza, wo niemand Erfahrungswerte hatte, wo der Grip sich von Session zu Session stark verändert. Obendrauf ist es ein Sonderfall, da alle Teams hier mit Low-Downforce-Paketen operieren.
Das bedeutet: Nach wie vor agieren McLaren, Ferrari, Mercedes und Red Bull auf dem Papier auf Augenhöhe. Ja, auch Red Bull, selbst nach der Misere im Qualifying, die in den Startplätzen sieben und acht resultierte. Das Auto kann so schnell sein wie jene der drei Kontrahenten. Man scheiterte lediglich in Q3 daran, das Arbeitsfenster zu finden.
So zeigt das Ergebnis aber auch: Kein Team schien das permanente Anpassen an die Unsicherheitsfaktoren bislang so gut im Griff zu haben wie McLaren. An diversen Punkten sahen die anderen sechs Fahrer pole- oder siegfähig aus. McLaren war die Konstante. Auch im Renntrimm war Norris am Freitag stark gewesen. Im Rennen muss McLaren jedoch die vielleicht größten Hürden meistern.
Formel 1 steht in Monza heute völlig unberechenbares Rennen bevor
Es scheint leicht zu sagen, dass McLaren einen signifikanten Vorteil für das Rennen hat. Beide Autos vorne, auf einer Strecke, wo das Überholen aufgrund der kleinen Heckflügel und dem dadurch relativ kleinen DRS-Effekt schwierig ist, und wo eine Einstopp-Strategie Tradition hat. Das Problem ist nur: Niemand weiß so recht, was strategisch diesmal rauskommt.
Der neue Asphalt entwickelte sich über das Wochenende zwar stark, aber insgesamt ist das Grip-Niveau niedrig. Das verursacht Graining - die Oberfläche der Reifen wird durch zu starkes Rutschen abgerubbelt. Das allein kostet schon Pace. Obendrauf provoziert es massiven Abbau. "Sobald es auftritt, werden wir ein bis zwei Sekunden Abbau haben, das haben wir noch nie gesehen", beschreibt Ferrari-Pilot Carlos Sainz.

Die Grip-Zunahme über das Wochenende war geringer als von Reifenausrüster Pirelli erwartet. Die Simulationen sagen voraus, dass die Zweistopp-Strategie sogar minimal schneller wäre. Das inkludiert aber keinen Verkehr, der einem Zweistopper - der am Ende Autos überholen muss - zusätzlich Zeit kostet. So geht Pirelli aktuell davon aus, dass alle Teams mit dem Hauptziel einer Medium-Hard-Einstopp ins Rennen starten werden.
Das muss nicht so bleiben. Ein paar Teams sprechen sehr wohl von einem Zweistopper. Aus Angst haben alle bis auf die Racing Bulls einen zweiten Satz Hard pro Fahrer gespart. Dadurch konnte man keinen im Training testen. So hat man keine Ahnung, wie sich der Reifen unter Rennbedingungen verhält. Tritt Graining schneller auf als angenommen, könnte das entspannte Einstopp-Rennen zur Halbzeit völlig kippen und in strategisches Chaos versinken.
Hat ein Team oder ein Fahrer in Monza einen Vorteil?
Die grundsätzliche Annahme im Paddock ist, dass das Rennen heute jener gewinnt, der das Eintreten der Graining-Phase am längsten hinauszögern kann. Am Freitag im Longrun machte Lewis Hamilton vor, wie das geht: Den Reifen äußerst sorgfältig auf den ersten Runden um den Kurs tragen. Was auf dem Papier schön klingt. Weniger, wenn man in Betracht zieht, dass Hamilton das in einem neutralen Longrun tat. Nicht in einer heißen Startphase.
"Er war zu langsam, das kannst du morgen nicht machen", winkt Charles Leclerc ab. Bei grundsätzlich ähnlicher Pace der Top-8 ist niemand davor gefeit. Erst recht, weil es hier auch ungewöhnlicherweise Vorder- und Hinterachse betrifft. Man kann also nicht per Setup eine simple Gegenmaßnahme ergreifen. Selbst Max Verstappen geriet am Freitag in die Graining-Spirale. Aus der kommt man hier nicht mehr raus. Zu viel Gummi geht verloren, der Pace-Einbruch ist unvermeidbar.
McLaren muss Start-Fluch in Monza besiegen: Die halbe Miete?
Was hilft, ist freie Fahrt. Für McLaren ist die erste Reihe unbezahlbar. In freier Luft managt sich ein Reifen viel leichter. Doch wie die Formel 1 inzwischen bestens weiß, ist bei McLaren-Starts 2024 nichts garantiert. In Monza hat man nicht nur den Start an sich zu überstehen. Der Weg zur ersten Bremszone ist für Lando Norris 476 Meter weit. Viel Zeit für Russell, Leclerc, Sainz und Hamilton, um sich im McLaren-Windschatten anzusaugen.

McLaren-Teamchef Andrea Stella versichert, dass die Start-Pleite in Zandvoort inzwischen ebenfalls auf die Liste der verstandenen Start-Pleiten gekommen ist: "Mit unserer Reifenvorbereitung waren wir nicht in Position, um den Grip zu maximieren." Ob es das letzte Problem des geplagten Teams war, sei dahingestellt. Für Norris ist es der siebte Anlauf, einen ersten Platz durch die erste Kurve zu bringen.
In der, und danach, gilt es schließlich noch die Teamorder auszusortieren. "Eine Frage für das Sonntagmorgenmeeting", so Norris. "Momentan heißt es freies Fahren." Doch in Sachen Fahrer-M ist natürlich nur mehr Norris von Relevanz. "Wir müssen sicherstellen, dass wir die Zielflagge sehen, und das Rennen in Synergie fahren, anstatt zu denken, dass der Teamkollege der Hauptgegner ist", unterstreicht Stella am Samstagabend das grundsätzliche Herangehen.
Vom Team-Standpunkt ist vor allem die Konstrukteurs-WM wichtig. Hier könnte man bei dieser Ausgangsposition sogar schon in Monza die Führung übernehmen. Wenn es so schnell geht, dann muss die Fahrer-WM in den Fokus rücken. In Ungarn durfte Piastri noch seinen ersten Sieg feiern. Einen, den Norris ihm hatte zurückgeben müssen. Eine teamkollegenfreundliche Entscheidung, die sich nun bezahlt machen könnte.



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