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Formel 1, Red Bull: Boxenstopp-Änderung kommt von Mercedes

Ab dem Ungarn-GP gelten in der Formel 1 verschärfte Regeln für Boxenstopps. Weltrekordhalter Red Bull wittert den nächsten Einbremsversuch durch Mercedes.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Wie Motorsport-Magazin.com am Donnerstagabend vor dem Großen Preis der Steiermark erfuhr, gelten ab dem Ungarn-GP neue Regeln für die Boxenstopps in der Formel 1. Aus Sicherheitsgründen sollen mit einer Technischen Direktive verschiedene Abläufe verlangsamt werden. So dürfen die Sensoren an den Schlagschraubern erst dann ein Signal aussenden, wenn die Radmutter auch wirklich angezogen ist - das geschah in der Vergangenheit bei manchen Teams schon früher.

Formel 1 Boxenstopps bald langsamer! Steckt Mercedes dahinter?: (09:58 Min.)

Noch dazu werden Mindestzeitspannen eingeführt, die zwischen Abgabe des Signals und Bestätigung durch den Mechaniker liegen müssen. Diese entsprechen etwa der menschlichen Reaktionszeit (0,15). Auch für das Schalten der Boxenampel auf Grün nach Fixierung aller Räder gilt eine Reaktionszeit (0,2 Sek.).

Red Bull: Niemand ist beim Reifenwechsel so gut wie wir ...

Nach der Berichterstattung am späten Donnerstagabend ist die Änderung am Freitag das große Thema im Fahrerlager. Besonders brisant ging es in der Teamchef-Pressekonferenz mit Christian Horner und Toto Wolff zu. Der Brite zeigt sich als Vertreter jenes Teams, das seit Jahren die schnellsten Boxenstopps der Formel 1 liefert, wenig begeistert von den Änderungen - und verdächtigt Mercedes, die FIA angestiftet zu haben.

"Wir waren da sehr konkurrenzfähig, wir halten den Weltrekord bei Boxenstopps und wir hatten die Mehrheit der schnellsten Stopps", sagt Horner. Soll heißen: Niemand hat mehr zu verlieren als Red Bull. Noch dazu gebe es für die Anpassung keinen Grund. Red Bulls Geschwindigkeit - und Zuverlässigkeit! - beim Reifenwechsel sei nämlich kein Zufall, so Horner.

Horner versteht neue Regel nicht: Patzer viel zu kostspielig

"Ich finde es ein bisschen enttäuschend", sagt Red Bulls Teamchef deshalb. Generell habe ohnehin kein Team etwas davon, zu viel zu riskieren. "Es ist die Pflicht des Wettbewerbers, sicherzustellen, dass das Auto sicher ist, und die Strafe für ein nicht festgezogenes Rad ist, dass du das Auto sofort anhalten musst. Das ist eine brutale Strafe, wenn du nicht alle vier Räder sicher fest hast", betont Horner.

Formel 1 Brasilien 2019: Neuer Boxenstopp-Rekord durch Red Bull: (00:44 Min.)

Den Sinn der Technischen Direktive kann Horner deshalb nicht nachvollziehen. Die neuen Vorgaben würden alles sogar komplizierter machen. "Wenn du das Auto zwei Zehntelsekunden halten musst, könntest du fast sagen, dass es gefährlich ist, weil du deine Abstände einschätzt. Derjenige, der das Auto freigibt, muss diese Einschätzung vornehmen und ich denke, dass das nicht gut durchdacht ist", kritisiert Horner und redet sich regelrecht in Rage.

Horner enttäuscht: Formel 1 ist Wettbewerb & Innovation!

Horner: "In der F1 geht es um Innovation und Wettbewerb. Boxenstopps unter zwei Sekunden zu sehen ist eine bemerkenswerte Leistung und das sollten wir unterstützen, nicht zu kontrollieren versuchen. Denn wo hört das dann auf? Uns wird wohl noch gesagt, auf welchem Weg wir in die Garage gehen sollen, wie wir an der Boxenmauer sitzen sollen und welche Knöpfe wir drücken sollen."

Die Verstimmung des Briten fußt jedoch nicht allein auf den in seinen Augen nicht ausreichend durchdachten Änderungen und dem Nackenschlag für den Wettbewerb, sondern auch einer Vermutung, wie das Thema überhaupt aufgekommen ist. Geht es nach Horner, hat die Konkurrenz - also Mercedes - die FIA auf das Thema aufmerksam gemacht, um Red Bull einzubremsen.

Red Bull sieht nächsten Einbremsversuch: Ist offensichtlich

"Wenn du in einer Wettbewerbs-Situation bist und nicht geschlagen werden kannst, dann ist es für deine Wettbewerber natürlich logisch zu versuchen, dich einzubremsen. Und das passiert hier offensichtlich", sagt Horner. Zuletzt sah sich Red Bull bereits von den Direktiven zu neuen Kontrollen für Reifendrücke und -temperaturen als auch strengeren Biegetests der Heckflügel adressiert.

"Du kannst sehen, das gerade unfassbar viel auf uns gezeigt wird. Das kommt eben, wenn du konkurrenzfähig bist. Da fließt dann unfassbar viel Energie hinein, zu versuchen, das Auto auszubremsen. Das passiert immer in einem Wettbewerbsumfeld. Daran sind wir gewöhnt", sagt Horner trotz seiner nicht zu verbergenden Verstimmung. Im Gegenzug machte Red Bull die FIA jüngst auf Mercedes' Frontflügel aufmerksam, auch der soll sich zu sehr verbiegen. Red Bull hofft nun auch dort auf eine Reaktion.

Mercedes stand tatsächlich in Kontakt mit FIA

Toto Wolff reagiert auf die Anschuldigung Horners mit einer interessanten Aussage. Der Mercedes-Teamchef gibt an, Mercedes habe die FIA zwar nicht zu einer Anpassung angestiftet, sei aber sehr wohl in Sachen Boxenstopps aktiv geworden - in eigener Sache. "Wir haben bei der FIA wegen eines Sicherheitsmechanismus' angefragt, der mit einem System, das wir verwenden, zusammenhängt und ob es optimiert werden kann", berichtet Wolff. "Das passierte, schätze ich, vor drei oder vier Wochen und war eine Technologie-Frage. Hat das etwas anderes ausgelöst? Vielleicht. Ich weiß nicht."

Warum die Technische Direktive entstanden sei, wisse er also nicht, behauptet Wolff. Generell hält der Mercedes-Teamchef das Thema ohnehin für kleiner als Red Bull es macht. "Wir hatten eine Vorgabe, damit das [ein loses Rad oder ein mitgerissener Mechaniker] nicht passiert", sagt Wolff. "Aber das hatte mit niemandem etwas zu tun. Schnelle Boxenstopps sind toll, sie sehen cool aus, aber ich bin nicht sicher, ob sie in Sachen Performance einen so großen Unterschied machen. Denn wir sprechen im Schnitt von einer oder zwei Zehntel Unterschied."

In einem Punkt stimmt Wolff seinem Gegenspieler bei Red Bull allerdings zu. "Ich und alle in unserem Team sind für Wettbewerb, denn es ist ein Wettbewerbsumfeld. Aber es gibt auch das Sicherheitsargument. Christian hat es schon erwähnt. Du wirst immer alles geben, damit du bei deinen Boxenstopps vermeidest, dass sich ein Rad löst, denn die Strafen sind enorm", sagt Wolff.

McLaren lobt FIA: Muss nicht erst etwas passieren

Mercedes zählte in der vergangenen Saison - etwa auf Augenhöhe mit Williams - zu den ersten Verfolgern der Boxenstoppkönige von Red Bull, auch 2021 bislang wieder Nummer eins. Ausschließlich Unterstützung erfährt die FIA für ihren Vorstoß von einem der schwächeren Teams beim Reifenservice: McLaren. "In zu einem kompetitiven Schlachtfeld wie der F1 ist es gut, dass weiter klarstellt wird, was für die FIA innerhalb der Regeln liegt", sagt Teamchef Andreas Seidl. "Für uns ist die Sicherheit der Boxencrew eines der wichtigsten Dinge."

Generell habe McLaren deshalb ohnehin schon immer einen konservativeren Ansatz gewählt. Deshalb erwartet Seidl keinerlei Auswirkungen für sein Team. Bei anderen Teams dürfte das anders aussehen. Für Seidl ist die neue Direktive daher elementar. "Wir begrüßen diese Initiative von der FIA, denn es ist auch wichtig, dass du Probleme oder Sicherheitsbelange antizipierst und nicht immer wartest, bis etwas passiert und dann reagierst."

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