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Formel 1 Abu Dhabi 2020: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Das Formel-1-Rennen in Abu Dhabi startet heute in ungewohnter Ausgangslage. Max Verstappen vor Mercedes! Geht da was? Die Schlüsselfaktoren zum Finale.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Zufall oder nicht: Kaum fährt die Formel 1 eine Saison bis kurz vor Weihnachten, da geschieht in der Königsklasse tatsächlich ein kleines Weihnachtswunder. Im Qualifying zum letzten Rennen der F1-Saison 2020 sicherte sich in Abu Dhabi mal kein Mercedes die Pole Position. Stattdessen ergatterte Max Verstappen den ersten Platz in der Startaufstellung auf dem Yas Marina Circuit (Start in Abu Dhabi heute um 14:10 MEZ, live auf Sky und letztmals auch auf RTL).

Hinter der ersten Red-Bull-Pole in Abu Dhabi seit 2013 folgen die Mercedes, mit dem angezählten Valtteri Bottas vor dem angeschlagenen Lewis Hamilton. Überraschend neben dem Briten aus der zweiten Startreihe startet Landsmann Lando Norris im extrem starken McLaren. Eine tadellose Runde und heruntergedrehte Mercedes-Motoren aus Zuverlässigkeitssorgen um die MGU-K sorgten für nur zwei Zehntel Rückstand.

Auf dem fünften Rang folgt der zweite Red Bull von Alexander Albon, neben dem Briten steht schon der zweite McLaren von Carlos Sainz. Daniil Kvyat, Lance Stroll, Pierre Gasly und Esteban Ocon komplettieren die Top-10. Knapp dahinter legen Daniel Ricciardo, der wegen seines Bahrain-Startunfalls um drei Ränge strafversetzte Charles Leclerc und Sebastian Vettel in seinem letzten Ferrari-Rennen los. Sakhir-Sieger Sergio Perez nimmt das Rennen nach einem Motorwechsel aus der letzten Startreihe in Angriff.

2. - S wie Start

So kurz wie in Abu Dhabi ist der Weg bis zur ersten Bremszone fast nirgendwo. Lediglich 201 Meter sind auf dem Yas Marina Circuit zurückzulegen. Windschatten-Duelle kommen also frühestens auf der Gegengeraden nach Kurve sieben ins Spiel. Am Start selbst zählen dagegen einzig und allein Reaktion und Traktion.

In den Top-3 verfügen in Sachen Reifen alle über die gleichen Karten. Verstappen, Bottas und Hamilton zogen allesamt mit dem Medium-Pneu in das finale Q3-Segment ein. Neben diesem Trio gelang das auch Sainz und Leclerc. Das heißt im Umkehrschluss: Vor allem auf Norris und Albon ist in der Spitzengruppe am Start zu achten. Sie starten auf dem weicheren Soft. "Er wird am Start schnell sein. Wenn er einen guten Start erwischt, kann er im Rennen ein Wörtchen mitreden", hofft Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

In Abu Dhabi fällt der Startsprint extrem kurz aus - Foto: Red Bull

3. - S wie Strategie

Der Vorteil Albons, Norris’ und der anderen Soft-Starter hinter Sainz am Start, könnte sich dann schnell in einen Nachteil verwandeln. Wenn uns das bisherige Wochenende etwas lehrte, dann, dass der weiche Reifen sehr schnell zum Überhitzen neigt. „Der Reifen hat zu Beginn eine ähnliche Pace wie der Medium, er hält nur nicht so lange“, weiß Horner.

Deshalb kommt dieser Pneu in der laut Pirelli schnellsten Strategie, um das 55 Runden lange Rennen zu bewältigen, nicht einmal vor. Die Italiener raten zu einem Start auf Medium. Nach 18 Runden soll dann auf harte Reifen gewechselt werden. Ein Start auf Soft für 14 Runden, gefolgt von 41 auf Hard nennt Pirelli erst als zweitschnellste Option. Eine Zweistopp-Variante mit Soft, Hard, Soft folgt erst an dritter Stelle.

4. - S wie Sergio

Besonders interessant wird die Strategie des bis dato letzten Formel-1-Siegers. Sergio Perez muss den Abu Dhabi GP wegen einer Motorenstrafe vom vorletzten Platz in Angriff nehmen. Gelingt dem Mexikaner die nächste große Aufholjagd? Perez zweifelt. "Ich denke, hier wird es etwas anders, aber du weißt nie", sagt der Mexikaner. Wichtig wäre es für Racing Point (vgl. 5. - S wie Showdown um P3).

Aber wie? „Wir müssen irgendetwas anders machen“, sagt Perez. „Wir müssen die Pace des Autos morgen nutzen, und versuchen so viel freie Fahrt wie möglich zu bekommen. Dann schauen wir, wo wir landen.“ Das Qualifying nutzte Perez bereits, um sich einzig vor den ebenfalls strafversetzen Kevin Magnussen zu bringen - und sich selbst in kleinsten Details für das Rennen vorzubereiten.

Nicht nur, dass der RP20 natürlich kompromisslos auf das Rennen abgestimmt ist, noch dazu fuhr ‚Checo’ im Zeittraining ganz in Ruhe einen Soft für das Rennen an. Das verbessert die Haltbarkeit des Pneus. Fraglich nur, ob Perez gleich darauf startet, um sofort durch das Feld zu gehen oder, ob er den weichen Pneu für einen Schlussspurt reserviert.

5. - S wie Showdown um P3

Bis zuletzt bleibt es spannend im engen Dreikampf um Platz drei der Konstrukteurswertung. Mit seinem Sieg in Sakhir hatte Sergio Perez Racing Point ein eigentlich solides Polster von zehn Punkten Vorsprung auf McLaren und sogar 22 auf Renault eingefahren. Doch nun hat sich das Blatt gewendet. Hält McLaren im Rennen sein starkes Qualifying-Ergenis und kann sich Racing Point nicht signifikant verbessern, zieht Woking tatsächlich wieder vorbei.

„Es ist eine gute Ausgangslage für uns“, weiß Lando Norris. Gebannt sieht der Brite die pinke Gefahr allerdings noch längst nicht. Stroll - immerhin noch Achter im Grid - hält Norris dabei noch für das kleinere Problem. „Sergio war um Einiges schneller als Lance, wenn also einer kommt dann wird es Sergio sein“, sagt Norris. „Und Sergio war letztes Wochenende nach Kurve vier Letzter und hat das Rennen gewonnen. Sie werden kommen und sehr schnell sein!“

Verstecken müsse sich McLaren allerdings auch selbst nicht. „Wir haben einen guten Rhythmus und das Auto funktioniert gut“, sagt Norris. Schauen wir, was wir ausrichten können. Noch ist nichts bestätigt“, mahnt der Brite.

Das sieht Perez - den aktuellen WM-Stand im Visier - nicht anders. "Wir haben morgen viel zu verlieren. Das ist für uns ein sehr wichtiges Rennen in der Meisterschaft. Es steht viel auf dem Spiel", sagt Perez. Racing Point habe es aber noch selbst in der Hand - trotz P19. Perez: "Es kommt auf ein sehr gutes Rennen von uns an. Wir müssen sicherstellen, dass wir ziemlich weit in die Punkte kommen."

Und Renault? War in Abu Dhabi eigentlich extrem stark drauf - zumindest bis zum Qualifying. Von den Positionen zehn und elf müssen sich Esteban Ocon und Daniel Ricciardo nun Raketen-gleich nach vorne katapultieren und sind gleichzeitig auf Probleme der Konkurrenz angewiesen, um Renaults Rückstand noch wettmachen zu können. Immerhin die freie Reifenwahl kann helfen. Dennoch eine fast unmögliche Aufgabe.

6. - S wie Sieger

Für Max Verstappen steht der Sieger schon fest. Die Pole allein war Befriedigung genug. "Das war schon der Wahnsinn. Es ist egal, ob wir morgen gewinnen", sagte der Niederländer nach seinem überraschenden Coup im Qualifying. Da wusste er allerdings noch nicht, dass Mercedes die Motoren herunter gedreht hat - Zuverlässigkeitsprobleme. Gut für Verstappen: Im Rennen einfach wieder hochdrehen darf Mercedes nicht. Verschiedene Modi sind seit Saisonmitte immerhin verboten.

Noch besser für Verstappen: Sonderlich aussagekräftig waren die Longruns am Freitag wegen einer roten Flagge im entscheidenden Moment zwar nicht, doch was die Daten hergaben, ließ Red Bull gut aussehen. "Wir sind wegen der roten Flagge kaum richtige Longruns gefahren. Aber zumindest ist unser Topspeed dieses Wochenende nicht so schlecht“, sagt Verstappen dennoch mit einer gewissen Vorsicht.

Erstmals schon in der Startaufstellung vorbei, erwartet der Niederländer dennoch große Gegenwehr von Mercedes. „Sie werden mir sehr viel Druck machen. Vielleicht versuchen sie auch eine andere Strategie“, sagt Verstappen.

Mit Teamkollege Alex Albon auf P5 verfügt Verstappen diesmal zumindest potenziell ebenfalls über Unterstützung, seht nicht unbedingt allein gegen die Mercedes da. Genau diese Unterstützung als Störfeuer für die Weltmeister hofft der Brite Verstappen auch bieten zu können. Albon: "Unser Fokus liegt darauf, gut wegzukommen. Dann können wir versuchen, die Mercedes-Strategie zu stören."

Sein erster Gegner Bottas plant gleich im ersten Stint den Konter. „Unser Auto hat sich auf dem Medium komfortabler angefühlt, also können wir im Rennen hoffentlich eine gute Pace zeigen“, sagt der Finne. Probleme, den Soft zum Arbeiten zu bekommen, hatte Mercedes bereits im Training beklagt, im Qualifying nicht lösen können.

Und Lewis Hamilton? Könnte in Abu Dhabi tatsächlich mal nicht der schnellere Mercedes sein. Tatsächlich graut dem Weltmeister wegen Spätfolgen seiner Corona-Infektion durchaus etwas vor einer ganzen Renndistanz.

„Dieses Virus ist ekelhaft. Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, ich fühle es noch immer in meiner Lunge", sagt der Weltmeister. „Es wird physisch nicht das einfachste Rennen, aber ich werde es hinbekommen, denn ich gebe alles, was ich habe."

7. - S wie Sayonara

Keine direkte sportliche Relevanz für das Rennen, aber das Geschehen am heuten Sonntag in Abu Dhabi insgesamt haben diverse Momente des Abschiednehmens. „Es wird emotional. Vor allem mit den Mechanikern und den Jungs in der Garage“, sagt etwa Vettel vor seinem letzten Rennen für Ferrari. Das dürfte auch vielen anderen Stellen gelten, ganz besonders aber für RTL. Der Kölner Sender überträgt heute zum letzten Mal die Formel 1. 2021 endet nach 30 Jahren das Kapitel Königsklasse bei Florian König & Co., die F1 wandert exklusiv ins Bezahlfernsehen zu Sky.

Weitere Abschiedsmomente heute: Kevin Magnussen, der sein letztes Haas- und damit vermutlich auch Formel-1-Rennen fährt. Dasselbe dürfte für Kvyat bei AlphaTauri gelten, ähnliches für Albon (Red-Bull-Aus? F1-Aus?) und Perez (F1-Aus?). Bei diesen Piloten sind Comebacks 2022 allerdings alles andere als auszuschließen. Fixe Abschied gibt es aber auch noch mehr, zum Beispiel für Formel-1-Boss Chase Carey himself. 2021 beerbt Stefano Domenicali den Amerikaner. Bei den Fahrern sagen zudem Sainz und Ricciardo ihren Teams Adios. Der Spanier wechselt von McLaren zu Racing Point, der australische Renault-Pilot ersetzt ihn.


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