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Formel 1, Abu-Dhabi-Trainingsanalyse: Puzzeln mit Pirelli

Der Freitag in Abu Dhabi war unspektakulär und lieferte doch kein klares Bild. Track-Limits, fragmentierten Longruns und verwirrenden Delta-Zeiten sei Dank.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 brachte an diesem Freitag in Abu Dhabi ihren letzten Trainingstag der Saison 2020 über die Bühne - und der war trotz der unspektakulären Mercedes-Doppelspitze zum Abschluss irgendwie verwirrend. Im 2. Freien Training wurden die Shortruns von Track-Limits und empfindlichen Soft-Reifenmischung beeinträchtigt. Bei den Longruns war der Name nach der Unterbrechung durch Kimi Räikkönens Motorschaden nicht mehr Programm. Wir versuchen das Pirelli-Puzzle in der Analyse zusammenzusetzen.

Der Blick auf die Spitze der Rundenzeiten offenbart scheinbar klare Verhältnisse. Valtteri Bottas fuhr am Abend mit einer Rundenzeit von 1:36.276 Minuten die schnellste Zeit des Freitags. Der Finne war dabei auf dem Medium-Reifen unterwegs, denn auf dem Soft-Compound gelang ihm schlichtweg keine Verbesserung. Der von Pirelli an den Yas Marina Circuit gebrachte C5-Reifen kann sein Potential nur auf der ersten schnellen Runde entfalten, und die nutzte an der Spitze schlussendlich niemand.

Hamilton gelang auf dem Soft-Reifen zwar eine Rundenzeit von 1:36.097 Minuten, diese wurde ihm aufgrund einer Missachtung der Track-Limits jedoch aberkannt. Die Kombination seiner besten Sektorzeiten weist für ihn dennoch eine sehr ähnliche Zeit auf. Bei Bottas hingegen decken sich reale und theoretische Bestzeit. Er klagte auf dem Soft-Reifen trotz der Session bei Nacht über Temperaturprobleme.

"Der Soft-Reifen sollte eigentlich keine Probleme mit dem Aufwärmen haben. Es geht mehr darum, die Hinterachse vor dem Überhitzen zu schützen", erklärt Pirelli-Sportchef Mario Isola gegenüber Motorsport-Magazin.com, weshalb die Piloten solche Schwierigkeiten hatten, auf dem schnellsten Reifen ihre schnellste Runde zu fahren. Verstappen fuhr als Dritter seine persönliche Bestzeit auf dem Soft, doch diese wurde ihm aberkannt. Letztendlich war sie sowieso nur anderthalb Hundertstelsekunden schneller als seine Bestzeit auf Medium.

Verstappen will Track-Limit-Frage klären

"Ich habe auf dem Soft-Reifen keine Runde hinbekommen", erklärt der Niederländer. Seine drei besten Sektorzeiten, inklusive der absoluten Bestzeit im ersten Streckenabschnitt, führen ihn ebenfalls auf Platz drei auf. "Wir müssen mal schauen, was die anderen Fahrer in der Besprechung über die Track-Limits sagen", sagt er. "Am Freitag geht es immer darum, sie auszuloten und ein Verständnis davon zu erlangen, wie weit du gehen kannst. Im Qualifying wissen wir es besser und da werde ich besser aufpassen."

Der Rückstand ist mit fünfeinhalb Zehntelsekunden etwas geringer als im Ergebnis des zweiten Trainings. Unter dem Strich rechnet er sich gegen Hamilton und Bottas nicht allzu große Chancen aus. "Wir haben noch etwas Arbeit vor uns, um den Rückstand zu Mercedes aufzuholen. Sie scheinen hier wieder sehr stark zu sein", so Verstappen, der auf Red-Bull-Teamkollege Alexander Albon wie üblich Luft hat. Hinter dem Thailänder auf Platz vier der Zeitenliste geht es in Abu Dhabi dafür extrem eng zu.

Im FP2 lagen zwischen Lando Norris auf Rang fünf und dem zwölfplatzierten Carlos Sainz lediglich zwei Zehntelsekunden. Die Auswertung der besten Sektorzeiten bestätigt die hohe Leistungsdichte. Für Racing Point sind das keine allzu guten Nachrichten. Sakhir-Sieger Sergio Perez muss diesen Sonntag aufgrund eines Motorwechsels ganz hinten starten, was für das Team im Kampf um Platz drei der Konstrukteurswertung eine denkbar schlechte Ausgangslage darstellt.

Formel 1 Abu Dhabi, Training: Theoretische schnellste Runden im FP2

Platz Fahrer Rundenzeit Rückstand Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3
1 Hamilton 1:36.082 17.272 41.206 37.604
2 Bottas 1:36.276 + 0.194 17.289 41.279 37.708
3 Verstappen 1:36.651 + 0.569 17.173 41.42 38.058
4 Albon 1:36.963 + 0.881 17.316 41.345 38.302
5 Sainz 1:37.300 + 1.218 17.368 41.449 38.483
6 Norris 1:37.438 + 1.356 17.385 41.587 38.466
7 Ocon 1:37.479 + 1.397 17.382 41.744 38.353
8 Perez 1:37.506 + 1.424 17.283 41.68 38.543
9 Leclerc 1:37.508 + 1.426 17.311 41.529 38.668
10 Ricciardo 1:37.508 + 1.426 17.422 41.802 38.284
11 Stroll 1:37.560 + 1.478 17.401 41.616 38.543
12 Kvyat 1:37.732 + 1.650 17.507 41.653 38.572
13 Gasly 1:37.888 + 1.806 17.507 41.662 38.719
14 Räikkönen 1:38.068 + 1.986 17.425 41.828 38.815
15 Vettel 1:38.198 + 2.116 17.438 41.858 38.902
16 Magnussen 1:38.404 + 2.322 17.435 41.937 39.032
17 Giovinazzi 1:38.509 + 2.427 17.502 41.935 39.072
18 Russell 1:38.678 + 2.596 17.373 42.045 39.26
19 Latifi 1:38.936 + 2.854 17.548 42.16 39.228
20 Fittipaldi 1:39.027 + 2.945 17.635 42.194 39.198

Red Bull auf Soft und Medium vorne

Der Mexikaner beschäftigte sich in Vorbereitung auf die nächste ihm bevorstehende Aufholjagd dementsprechend mit intensiven Longruns auf Hard und Medium. Beim weichen Reifen gab Verstappen mit einem Durchschnittswert von 1:41.936 Minuten den Ton an. Der Red-Bull-Teamleader fuhr allerdings nur zwei ungültige Runden auf der Reifenmischung, bevor der Motorschaden von Räikkönen seinen Longrun sowie die der Konkurrenz etwa 20 Minuten vor Ende des FP2 stoppte.

Nachdem der Iceman seinen brennenden Alfa Romeo abgestellt hatte, musste die Session für rund eine Viertelstunde unterbrochen werden. Sämtliche Longrun-Daten setzen sich also auf den wenigen vor und nach der roten Flagge abgespulten Runden zusammen. Räikkönen selbst war auf dem Soft-Reifen bis dahin gut unterwegs und liegt mit seinem Mittelwert auf Position zwei hinter Verstappen.

Der Rückstand fällt mit acht Zehntelsekunden wie zwischen Red Bull und Alfa Romeo üblich beträchtlich aus. Hamiltons zwei Nicht-Qualifying-Runs auf dem Soft-Compound können mit einem Durchschnitt von 1:43.022 Minuten kaum als ernsthafter Longrun betrachtet werden. Unter dem Strich fuhren nur sieben Piloten verwertbare Rundenzeiten auf dem weichen Reifen, der sich in Abu Dhabi keiner großen Beliebtheit erfreut.

"Wir konnten aus den Soft-Reifen nicht das Optimum herausholen, da sie sich nur sehr schwer optimieren lassen. Daran werden wir morgen vor dem Qualifying noch etwas arbeiten", sagt Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin, der am Freitagabend mit seiner Crew ohnehin kaum Daten auswerten kann.

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Soft

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Max Verstappen 1:41.936 8
Kimi Räikkönen 1:42.772 + 0.836 9
Lewis Hamilton 1:43.022 + 1.086 7
Charles Leclerc 1:43.595 + 1.659 15
Daniil Kvyat 1:43.812 + 1.876 17
Daniel Ricciardo 1:43.935 + 1.999 7
Nicholas Latifi 1:44.494 + 2.558 11
Kevin Magnussen 1:44.540 + 2.604 13

Pirelli wundert sich über Delta-Zeiten

"Wegen der roten Flagge gegen Trainingsende konnten wir keinen Longrun auf den Medium-Reifen absolvieren", so Shovlin. Bottas fuhr zwar auswertbare Runden auf diesem Compound, ähnlich wie bei Hamiltons Soft-Run lassen diese jedoch an Aussagekraft vermissen. Auf Medium gab einmal mehr Verstappen den Ton an, der im Mittelwert auf 1:41.936 Minuten kam. Dies entspricht bis auf zwei Hundertstelsekunden seinen auf Soft gefahrenen Zeiten.

Pirelli wunderte sich nach dem Freitag allerdings noch mehr über das kleine Delta zwischen Hard und Medium. "Es ist kleiner als erwartet. Wir haben etwas im Bereich von 0,3 Sekunden errechnet, aber unsere Vorhersage belief sich auf 0,7 Sekunden", so Isola. "Es ist wichtig für uns, zu verstehen, ob diese Werte real sind oder ob wir uns verschätzt haben. Das könnte die Strategie für den Sonntag natürlich beeinflussen."

Die schnellste Rundenzeit auf dem Hard-Compound war eine 1:37.618 Minuten von Sainz, der damit im deutlich langsameren McLaren 1,3 Sekunden hinter Bottas' Bestzeit auf Medium zurücklag. Das Delta zwischen Letzterem und Soft soll laut Pirelli etwa eine halbe Sekunde betragen. Die schnellste Soft-Zeit von Verstappen bestätigt dies mit 1:37.029 Minuten. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass Mercedes ohnehin schon bis zu fünf Zehntelsekunden vor Red Bull zu liegen scheint.

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Medium

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Max Verstappen 1:41.913 11
Daniel Ricciardo 1:42.669 + 0.756 11
Alexander Albon 1:42.682 + 0.770 11
Valtteri Bottas 1:43.376 + 1.463 11
Sergio Perez 1:43.747 + 1.835 12
Antonio Giovinazzi 1:44.031 + 2.119 15
Lance Stroll 1:44.056 + 2.143 16

Perez führt Hard-Longruns an

Der am Sonntag beliebteste Reifen wird wohl der Hard-Compound sein, der in Kombination mit dem Medium die von Pirelli vor dem Wochenende prognostizierte Einstopp-Strategie am besten erfüllen dürfte. Dementsprechend dürfte der Großteil der Teams am Samstag im Q2 auf den Medium-Compound setzen, um sich mit diesem für die Top-10 zu qualifizieren und folglich auch damit in den Grand Prix zu gehen.

Wer es nicht ins Q3 schafft, wird sich den Hard möglicherweise schon für den ersten Stint aussuchen. Allen voran kümmerte sich Perez am Freitag um das Sammeln von Daten auf diesem Compound und schaffte es in der Longrun-Auswertung mit einem Durchschnitt von 1:42.740 Minuten prompt an die Spitze.

"Ich glaube, die Richtung stimmt", so der Racing-Point-Pilot. "Wir verstehen die Reifen gut. Ich kann auch ein bisschen entspannter ins Bett gehen, weil in meinem Qualifying morgen nicht viel passieren wird. Mal schauen, was wir am Sonntag machen können."

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Hard

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Sergio Perez 1:42.740 13
Pierre Gasly 1:42.959 + 0.219 15
Esteban Ocon 1:43.093 + 0.353 13
Carlos Sainz 1:43.575 + 0.834 11
Lando Norris 1:43.595 + 0.855 10
George Russell 1:44.374 + 1.634 7
Sebastian Vettel 1:44.488 + 1.478 15

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