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Formel 1

Renault erwartet keinen Red-Bull-Anruf: Sind nicht mal Plan B

Honda steigt aus: Red Bull braucht für 2022 einen neuen Formel-1-Motor. Rückkehr zum Ex-Partner? Renault sieht sich auf dem Wunschzettel selbst weit unten.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Hondas Ankündigung, der Formel 1 nach der Saison 2021 den Rücken zu kehren, war ein Schock für die gesamte Königsklasse. Bei insgesamt nur vier Herstellern dieses unfassbar komplizierten Stücks Technik namens Power Unit, stürzt nur ein einziger Ausstieg die ganze Szene in gewisse Zukunftssorgen. Um die Ängste zumindest auf ein erträgliches Maß zu dämpfen, integrierten die Regelmacher zumindest einen Passus in das Sportliche Reglement, der - nach einer komplizierten Formel - immer einen der aktiven Motorenhersteller zu Lieferung an Teams verpflichtet.

Letztlich handelt es sich dabei schlicht um jenen Hersteller mit den wenigsten Bestandskunden. Nach aktuellem Stand wäre das Renault. Kommt die Regel zum Tragen, wären die Franzosen verpflichtet, Red Bull Racing zu beliefern. Ausgerechnet Red Bull Racing. Jenes Team, mit dem Renault von 2010 bis 2013 zwar vier WM-Titel in Serie feierte, von dem sich Ende 2018 allerdings alles andere als harmonisch trennte. Eine neuerliche Partnerschaft klingt deshalb nach Zwangsehe.

Red Bulls Plan A: Motoren-Freeze, weiter Honda

Soweit kommen muss es allerdings gar nicht erst. Red Bull verfügt zuvor noch über mindestens zwei Optionen. Mercedes befindet sich nicht darunter. Toto Wolff erteilte bereits eine Absage. Mit Racing Point, Williams, McLaren und dem eigenen Werksteam stattete Brixworth bereits acht Boliden aus, argumentierte der Wiener. Dass Mercedes dem mutmaßlich größten Konkurrenten nicht unter die Arme greifen möchte, kommt hinzu, ist ein wenig überraschendes, offenes Geheimnis.

Ferrari gab sich bis dato diplomatisch. Aus Maranello bezog Red Bull schon einmal seine Triebwerke - 2006 im zweiten Formel-1-Jahr der Österreicher, Schwesterteam Toro Rosso sogar von 2007 bis 2013 und 2016. Priorität genießt bei Red Bull allerdings eine andere Variante: Die Bullen möchten die Motoren in der Formel 1 nach 2021 vollständig einfrieren, um so mit in Eigenregie eingesetzten Honda-Motoren weiterfahren zu können. „Der eigene Motor ist die Priorität“, sagte Motorsportberater Dr. Helmut Marko jüngst im Interview mit Motorsport-Magazin.com.

Renault: Red Bull hat wegen Motoren noch nicht angefragt

Das erklärt, warum Red Bull seine Fühler bis dato nicht nach Viry-Châtillon austreckte. Dort residiert die Motorensparte von Renault. „Ich kann bestätigen, dass ich von Red Bull wegen einer Motorenbelieferung nicht kontaktiert worden bin“, erklärte Renault-Teamchef Cyril Abiteboul zunächst am vergangenen Freitag vor dem Eifel GP.

Nach dem Rennen auf dem Nürburgring hatte sich daran nichts geändert. „Dietrich Mateschitz [Red-Bull-Eigner] und Luca de Meo [seit 2020 neuer Renault-CEO] kennen sich, vielleicht gibt es da Gespräche. Bisher gab es keine. Ich denke, Red Bull ist noch im Schock der Bekanntgabe von Honda und versucht seine Optionen zu verstehen“, vermutete der Franzose.

Renault: Stehen auf Red-Bull-Wunschzettel weit unten

Freiwillig, nicht nur gegen die im Notfall im Reglement verankerte Pflicht, könnten sich Milton Keynes und Viry jedenfalls auch wiedervereinen. Abiteboul geht allerdings nicht einmal davon aus, dass Renault auch nur ansatzweise der erste Ansprechpartner wäre. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie [Red Bull] keinen Plan A oder Plan B haben - und ich denke, dass wir in der Reihenfolge des Alphabets da, sehr weit hinten kommen, bis sie uns wieder anrufen“, sagte der Franzose.

Honda-Schock! Steigt auch Red Bull aus der Formel 1 aus?: (16:16 Min.)

Als Grund führt der Franzose weniger den Ärger der Trennung als die Vorstellungen Red Bulls an. Mit Honda genossen die Bullen in den vergangenen beiden Jahren de facto Werkstatus - erstmals überhaupt. Das möchte Red Bull nicht mehr missen. „Ein Team wie Red Bull ist kein Standard-Kundenteam“, betonte Teamchef Christian Horner erst am Freitag vor dem Eifel GP.

Christian Horner hält Renault-Option offen

Also kein Zurück zu jenem Modell, mit dem Red Bull zuvor so lange Jahre mit den Franzosen zusammengearbeitet hatte. Abiteboul gibt sich genauso wenig angetan von der Vorstellung. „Lasst uns doch ehrlich sein: Wir haben das versucht, wir sind gescheitert“, sagte der Franzose. Auch der Werbewert nur als Motorenlieferant sei nicht ausreichend gewesen. Abiteboul: „Deshalb hatten wir keine Wahl, als das zu tun, was wir jetzt tun, nämlich selbst unser Werksteam zu unterhalten.“

Zumindest nicht vollständig ins Schloss wirft Horner die Tür. „Cyril war immer auf meiner Liste für Weihnachtskarten“, scherzte der Brite zunächst auf eine konkrete Nachfrage dazu. „Renault muss als möglicher Ausrüster berücksichtigt werden“, ergänzte Horner. „Und ich denke, dass Renault jetzt ein anderes Unternehmen als zu jenem Zeitpunkt ist, zu dem sie uns das letzte Mal beliefert haben.“ Der neue Chef Luca de Meo sei ein Beispiel.

Passus im Formel-1-Reglement: Kommt die Zwangsehe?

Bis Ende des Jahres will Red Bull nun seine Zukunftspläne klären, so Horner. Laut Marko soll eine Entscheidung mit Blick auf Honda nach Möglichkeit bis Ende November erfolgen. Sollte das nicht fruchten, bliebe noch immer Zeit. Spätestens im Mai 2021 würde es Planungssicherheit geben. Wurde Red Bull bis dahin nicht fündig, greift die im Reglement verankerte Lieferpflicht für Renault - dann als Zwangsehe.


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