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Formel 1

Renaults Kopier-Krieg vs. Racing Point: Alle Punkte müssen weg

Die Formel 1 streitet sich in mit Racing Points Bremsbelüftungen in die nächste Instanz. Renault kämpft verbissen, will alle WM-Punkte aberkannt sehen.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Ein seltsames Schauspiel kann 2020 seit dem zweiten Silverstone-Rennen am Sonntagnachmittag in der Formel 1 beobachtet werden. Zuerst verwarnen die FIA-Stewards Racing Point für illegal entwickelte Bremsbelüftungen. Wenige Minuten später folgt ein weiteres Dokument: Renault hat gegen Racing Point Protest eingelegt, den aber nach der Stewards-Entscheidung sofort wieder zurückgenommen.

Der Grund: Renault akzeptiert den Status quo im Kopier-Streit mit Racing Point nicht. Die wurden für ihre illegal entwickelten, aber technisch legalen Bremsbelüftungen mit 400.000 Euro und 15 Punkten abgestraft. Verboten wurden die Teile nicht. Nur Verwarnungen wird es für den Rest des Jahres bei jedem Rennen geben, bei denen die Bremsbelüftungen eingesetzt werden.

Renault wittert Ungleichheit: Für uns gab es keinen Rabatt

Renault hat, zusammen mit Ferrari, bereits ein Berufungsverfahren vor dem Court of Appeal der FIA angestrengt. Das Ziel ist für Teamchef Cyril Abiteboul klar: "Es gab keinen Rabatt für Renault, also verstehe ich nicht, warum es einen Rabatt für Racing Point geben sollte. Sie sollten alle Punkte von jenen Events verlieren, die protestiert wurden."

Abiteboul spielt auf eine Strafe des Vorjahres an. In Japan war Renault für eine automatische Bremsbalance-Verstellung disqualifiziert worden. Damals wie heute ging es um Verstöße gegen das Sportliche Reglement, nicht gegen das Technische Reglement.

"Ich sage nicht unbedingt, dass sie von der Saison ausgeschlossen werden sollen", so Abiteboul. "Aber ich denke von einem Kommunikationsstandpunkt zum Fan, zur Öffentlichkeit - es braucht eine Erklärung, warum das Auto noch immer insofern illegal ist, dass es eine Verwarnung dafür gibt, aber es ist okay, Teil der WM zu sein und daher Punkte zu holen. Das ist für uns etwas heikel."

Renault fordert endlich kristallklare Kopier-Regeln

Für Renault geht es aber um mehr als nur um Bremsbelüftungen und WM-Punkte. Sie wollen den Fall als Absprungpunkt nutzen, um das Reglement zu ändern: "Wir erwarten, dass die Formel 1 bestätigt, dass sie weiter ein Sport für Konstrukteure ist. Nicht nur für OEMs [Autohersteller, Anm.], sondern für Konstrukteure, die das ganze Auto designen. Die das ganze aerodynamische Konzept gestalten, wodurch jedes Auto sein eigenes Aero-Konzept hat."

Diesbezüglich hat die FIA vor einer Woche bereits Andeutungen gemacht. Kopien anhand von Fotos sollen verboten werden. Erledigt ist diese Änderung noch nicht, wie Abiteboul weiß: "Wir wollen sicherstellen, dass wir diesen Prozess anführen, bis es ein kristallklares Ergebnis gibt, das nicht mehr umgedreht werden kann." Ferrari unterstützt - sie wollen, dass das geistige Eigentum von Teams besser geschützt wird.

McLaren springt ab: FIA hat unser Vertrauen erreicht

McLaren ist nach anfänglichen Beistandsbekundungen abgesprungen. "Es gab widersprüchliche Statements von Racing Point, zum Design, zum geistigen Eigentum und so weiter, über die Bremsbelüftungen", sagt Motorsportchef Zak Brown. "Die FIA-Entscheidung hatte ein paar widersprüchliche Statements. Also wollten wir uns Zeit nehmen, um das zu verstehen, und hatten im Laufe des Wochenendes mehrere Meetings und viele Diskussionen mit der FIA."

In diesem Rahmen scheint die FIA McLaren davon überzeugt zu haben, dass die Anti-Kopier-Maßnahmen weit oben auf der Tagesordnung stehen, wie Brown sagt: "Ich habe einfach viel Vertrauen, dass die FIA das Problem letztendlich adressieren wird." Daher spart man sich weiteres Vorgehen. Auch Williams hatte sich ursprünglich den Racing-Point-Gegnern angeschlossen, scherte dann aber wieder aus.

Die Beklagten lässt das alles kalt. "Wir glauben, dass unsere Strafe für eine unklare und mehrdeutige Regel, gegen die wir nicht absichtlich verstoßen haben, ein bisschen übertrieben ist", wiederholt Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer. "Deshalb beeinspruchen wir, und wir sind zuversichtlich, dass wir den Einspruch gewinnen werden." Das Datum für das Berufungs-Verfahren soll demnächst fixiert werden.


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