Formel 1

Formel-1-Teamchefs forderten: Neue Regeln besser erst 2022

Das für 2021 geplante neue Formel-1-Reglement bereitet weiter Ärger. Ende Oktober muss alles stehen. Mercedes & Red Bull frustriert. Verschiebung auf 2022?
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Das ewige Zerren um das neue Formel-1-Reglement 2021 geht in Mexiko in eine neue Runde. Dabei dreht es sich diesmal jedoch nicht einmal mehr um exakt diesen Terminus - also Formel 1, Regeln und 2021, sondern einen abgewandelten Baustein: das Jahr. Wird die große F1-Revoltion jetzt auf 2022 verschoben? Zumindest wenn es nach manchen Teams, etwa Red Bull, geht, wäre das vielleicht nicht die schlechte Entscheidung.

Aber der Reihe nach. Wo liegt das Problem? Nach wie vor in der Unausgegorenheit des bisherigen Konzepts. Weiterhin sind die Teams nicht zufrieden, auch nicht nach dem jüngsten Regelgipfel in der Woche vor dem Mexiko GP. Doch inzwischen drängt die Zeit gewaltig. Am 31. Oktober muss alles, von Technik über Sportliches bis hin zu Finanzen und F1-Regierung, final stehen. Also in weniger als einer Woche.

Formel-1-Regeln 2021: Deadline in einer Woche

Eine weitere Verschiebung der Deadline, eigentlich sollte schon Mitte dieses Jahres alles fix gewesen sein, erscheint jedenfalls kritisch. Den Teams ist bereits die Oktober-Deadline zu spät, um sich ideal auf 2021 vorzubereiten. Deshalb wagt nun Red Bulls Teamchef Christian Horner einen Vorstoß. Der Brite möchte komplett Verschieben, auf 2022. Doch nicht nur deshalb. Es gibt noch einen zweiten Grund. Die geplante Budgetgrenze, die für Horner anders getimt gehört.

"Ich denke, dass wir bei dem Meeting in der vergangenen Woche eine Chance verpasst haben", klagt Horner in der obligatorischen Teamchef-Pressekonferenz am Freitag vor dem Mexiko GP. "Wir haben diesen Budget Cap, der im Grunde ja vereinbart ist [175 Millionen US-Dollar p.a., Anm. d. Red.]. Der wird für die größeren Teams schmerzhaft, denn er wird sie davon abhalten mehr auszugeben als sie würden und können", sagt Horner.

Ärger um Budgetgrenze: Top-Teams durch vorgezogene Investionen doch im Vorteil?

So weit, so klar. Genau das ist der Sinn. Doch Horner geht es um etwas anderes. Das Timing eben. Sein Ansatz: Kommt der Cap parallel zu den neuen Regeln - wie aktuell geplant 2021 - dann schustert das den Top-Teams weiterhin einen großen Vorteil zu, der eigentlich Ansatz - mehr Chancengleichheit - wäre ad absurdum geführt.

Formel 1 Zukunft: Viel Frust um das neue Reglement ab 2021: (31:44 Min.)

Doch warum sollte das so sein? Weil dann in 2020, also bevor die Restriktionen greifen, massiv investiert würde. Zumindest bei jenen Teams, die das finanziell stemmen können. Also den Top-Teams von heute. "Rückblickend wäre es besser gewesen, erst für 2021 den Cap zu bringen, sich mehr Zeit zu nehmen und diese Regeln zu entwickeln und die dann 2022 zu bringen" schildert Horner seine Idee. "Dann wäre alle Entwicklungen der großen Teams unter dem Schirm des Caps."

Horner schlägt vor: Budgetgrenze ab 2021, neue Reglen ab 2022

Dasselbe mit 2020 und 2021 zu versuchen, also nächstes Jahr schon die Budgetgrenze, 2021 dann wie geplant das Reglement, sei nicht zu stemmen. "Das ist unmöglich. Dafür gäbe es jetzt niemals noch eine Übereinkunft", sagt Horner.

Die zeitliche Trennung von Budgetgrenze und Regeln möchte Horner allerdings unbedingt. Deshalb lieber verschieben. "Der Cap ist wichtig für die Formel 1, aber wenn man bei unlimitierten Ausgabe 2020 die gegenwärtigen Regeln hat während sich die Teams parallel auf 2021 vorbereiten, dann wird das ein sehr teures Jahr werden und eine größere Lücke zwischen den Teams aufmachen, weil manche Teams, die mit mehr Ressourcen, in der Entwicklungsphase mehr ausgeben können", erklärt Horner.

Racing Point könnte 2020 nicht mehr investieren

Doch all das fand im jüngsten Meeting offenbar keinen Anklang. "Es war eine verpasste Gelegenheit, diesen Prozess besser unter Kontrolle zu halten, um unter dem Cap diese Regeln zu verschieben und zu entwickeln. Da passieren ja gute Dinge, aber das Konzept ist gerade noch unterentwickelt", kritisiert Horner. "Deshalb sollte man noch warten."

Alleine steht Horner damit nicht. "Es wird nächstes Jahr einen Trend gebe, dass wegen 2021 mehr ausgegeben wird", bestätigt Racing Points Otmar Szafnauer. Also ein Vertreter aus jener Garde von Teams, die durch den Cap eigentlich näher herankommen sollen. Doch mit nötigen Mehrinvestitionen 2020 geht das offenbar nicht. Racing Point jedenfalls werde 2020 nicht mehr ausgeben.

McLaren-Teamchef Seidl: Gewisse Restriktionen 2020 schon vorhanden

Szafnauer: "Wir haben die Ressourcen dafür gar nicht. Wir sind ja schon dieses Jahr weit unter dem geplanten Cap, nächstes Jahr genauso und darüber hinaus. Deshalb sollte man es vielleicht verschieben, wie Christian vorgeschlagen hat. Das wäre vielleicht eine vernünftige Sache."

Etwas anders sieht es McLaren-Teamchef Andreas Seidl. "Ja, die großen Teams werden mit den neuen Regeln 2021 noch immer vorne sein. Aber das liegt nicht nur am Budget, sondern auch daran, weil sie einfach einen besseren Job machen und besser in Form sind", sagt der Deutsche. Nicht zum ersten Mal. Schon jüngst hatte Seidl angesichts des jüngsten McLaren-Aufschwungs betont, die Top-Teams würden alleine aufgrund ihrer geschaffenen Basis noch auf Jahre einen gewissen Vorteil generieren, Kostengrenze hin oder her.

Das Thema hohe Investitionen 2020 sieht Seidl ebenfalls entspannter. Es gebe ja bereits eine Form von Restriktion. "Es ist ja schon nächstes Jahr begrenzt, wie viel CFD du machen kannst und wie viele Stunden du im Windtunnel verbringen darfst", erinnert Seidl. "Da muss dann jeder entscheiden, wie viel er davon für 2020 und wie viel für 2021 aufwenden will." Da es auch 2021 vor allem um die Aerodynamik als Trenner von Spreu und Weizen gehe, hält Seidl diese Begrenzung für wirksam.

Toto Wolff widerspricht: Ohne Limit investieren ist nicht

Und Mercedes? Sieht gar keinen allzu großen Vorteil. "Die Wahrheit ist, dass wir alle in derselben finanziellen Realität leben", sagt Toto Wolff. "Niemand hat unbegrenzte Ressourcen und kann einfach Geld ins System gießen. Es geht noch immer um Effizienz, in der Autoindustrie laufen die Dinge momentan ja auch nicht ganz so easy", erinnert der Motorsportchef der Silberpfeile. Tatsächlich: Mehrinvestitionen müsste gerade bei Herstellen wie Mercedes und Renault erst einmal der Vorstand goutieren.

Damit nicht genug. 2020 werde laut Wolff bei Teams wie Mercedes ohne nicht deshalb mehr ausgegeben, um das letzte Jahr ohne Begrenzung voll zu nutzen, sondern aus purem Zwang des systematischen Schrumpfens. "Die großen Teams werden 2021 sehr beschränkt. Deshalb müssen wir unsere Strukturen ansehen, Prozesse verändern und die ganze Organisation an diese Herausforderung anpassen", erklärt Wolff.

Wolff: Kostentreiber 2020 vor allem wegen Umorganisation

Wolff weiter: "Und das wird und hart treffen. Denn 2021 werden wir die Dinge anders angehen müssen als heute. Deshalb müssen wir das 2020 anpassen. Und all diese Veränderungen werden teuer und müssen 2020 passieren. Es wird ein Jahr großer finanzieller Ausgaben, um dann 2021 bereit zu sein."

Deshalb stimmt Wolff seinem Teamchef-Pendant bei Red Bull zu. "Christian hat das sehr richtig gesagt. Die Formel 1 ist sehr aktionistisch. 'Die Dinge müssen sofort passieren und alles ist so schlecht und so können wir nicht weitermachen'", klagt Wolff in Richtung der F1-Bosse. Liberty Media will sich die Schmach, die Regeln für 2021 nach all dem bisherigen Bremborium verschieben zu müssen, kaum geben.

Das ist neu: Das Formel-1-Reglement 2021 im Überblick: (20:48 Min.)

Doch ein strategischer Blick für das, was langfristig funktioniere wäre auch für Wolff wichtiger. "Warum denn den Budget Cap nicht ein Jahr vorher und dann erst die Regeln bringen?", fragt Wolff, bestätigt damit Horners Idee. "Und wie Christian schon gesagt hat, es ist nicht sehr reif, auch die Regeln brauchen noch Input", klagt der Österreicher einmal mehr. Das wichtigste sei jedoch eine ordentlich wirksame Budgetgrenze.

Wolff stimmt Horner zu, Kritik an Formel-1-Chefs

Damit meint Wolff vor allem die Kontrolle. "Und das steht für 2021 noch nicht. Wenn du es dann nicht kontrollieren kannst, dann macht die Regel auch keinen Sinn", kritisiert Wolff. "Das müssen wir erst einmal hinbekommen. Deshalb denke ich, dass die Idee, es um ein Jahr zu verschieben, logisch erscheint und strategisch gut durchdacht ist. Aber das trifft eben nicht auf Gegenliebe bei denen, die entscheiden …"


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