Formel 1

Formel-1-Piloten hoffen: 2019 endlich Schluss mit dem Magerwahn

Die Formel 1 hat für 2019 in den Regeln ein Mindestgewicht für die Fahrer festgelegt. Mutieren die Piloten nun zu Kraftpaketen statt Hungerhaken?
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Winterpause heißt auch für die Formel-1-Piloten im Dezember erst einmal Urlaub und Entspannung. Völlige Narrenfreiheit genießen die Profisportler in dieser Zeit aber trotzdem nicht, schließlich müssen sie im Februar bei den Wintertestfahrten wieder in Topform sein. Die Ingenieure tadeln in der Regel jedes Gramm zu viel am Körper der Athleten.

In der Vergangenheit hatten gerade die größeren Piloten aufgrund dessen eher Körper wie Skispringer. Ab 2019 könnte dieses Bild der Vergangenheit angehören. Dank einer kleinen aber im wahrsten Sinne des Worten schwerwiegenden Änderung im Reglement dürfen die Piloten für kommendes Jahr zulegen.

Seit 1995 war der Fahrer bei dem im Reglement festgelegten Mindestgewicht der Boliden miteingerechnet. 2018 betrug dieses nach der Einführung des Halo 733 Kilogramm. Für 2019 macht die FIA eine Rolle rückwärts und trennte die beiden Größen wieder. Das Gewicht des Fahrers wird auf 80 Kilogramm festgesetzt. Wer weniger wiegt, bekommt Ballast ins Auto. Ist für die großgewachsenen Jungs der Magerwahn damit vorbei?

Kleine Piloten bisher im Vorteil: Dürfen sich alles erlauben

"Ich hoffe es", sagt Daniel Ricciardo. Der Australier ist 1.78 Meter groß und zählt in der Formel 1 damit zu den größeren Kandidaten. Mit voller Montur bringt er es laut eigenen Angaben auf 73 Kilogramm. Trocken sind es hingegen nur 69. Etwas zu wenig, wie er meint: "Wenn ich kein Rennfahrer wäre, hätte ich wahrscheinlich so 74."

Damit würde auch er bei normalem Kampfgewicht zu den Piloten zählen, die gegenüber kleiner gewachsenen Jockeys wie einem Lando Norris, die kaum über 60 Kilogramm auf die Waage bringen, einen noch größeren Nachteil hätten. "Die kleinen Typen können sich ja alles erlauben", scherzt Ricciardo.

"Es war nicht so toll, sich herunterzuhungern und nicht so essen zu können, wie man will", begrüßt Romain Grosjean die Regeländerung. Der Franzose bringt bei einer Körpergröße von 1.80 Meter ein Gewicht von 71 Kilogramm auf die Waage - und ist im Paddock als leidenschaftlicher Koch bekannt. Zusammen mit seiner Frau veröffentlichte er sogar ein Kochbuch: "Ein paar Kilogramm mehr Spielraum zu haben ist super."

Daniel Ricciardo findet, dass er durchaus etwas mehr auf den Rippen haben könnte - Foto: Red Bull

Ricciardo von Kardiotraining frustriert: Wirst nicht stärker oder fitter

Vor allem Marcus Ericsson klagte stets darüber, welch eklatanten Nachteil er in seiner gesamten F1-Zeit aufgrund des höheren Körpergewichts gegenüber seinen Teamkollegen hatte. Der Schwede wird nach seinem Aus bei Sauber zwar nicht in den Genuss des neuen Reglements kommen, doch im Gegensatz zu Ricciardo zählte er zu den Piloten, die sich auf das Level der Konkurrenz heruntertrainieren konnten.

Muskulatur abzutrainieren war für die Piloten letztendlich nie ein Spaß. "Bisher haben wir nur sehr viel grundlegendes Kardiotraining gemacht. Einfach nur um mager zu bleiben und kein Gewicht zuzulegen", erklärt Ricciardo. "Davon hast du nicht wirklich viel, außer, dass du Gewicht verlierst. Du wirst nicht stärker und es verbessert auch deine Fitness nicht."

Auch Hamilton, der nicht gerade zu den Leichtgewichten zählt und wie auf dem Podium in Abu Dhabi gerne mal die Muskeln spielen lässt, war kein Fan davon: "Wir mussten immer sehr hart daran arbeiten, kein Übergewicht zu haben. Ich denke, wir können jetzt mehr Pfannkuchen essen. Wir werden nächstes Jahr etwas mehr machen und ein bisschen stärker sein können." Etwas, das viel mehr eine Frage des Lifestyles als der sportlichen Anforderungen ist.

Kraft ist im Automobilrennsport mittlerweile kein entscheidender Faktor mehr. Gerade in der Formel 1, wo die Autos über Servolenkung verfügen, sind dicke Arme seit Jahren kein Muss mehr. Der Begriff Kraft muss dabei natürlich differenziert betrachtet werden. Maximalkraft wie bei einem Gewichtheber oder Schnellkraft wie bei einem Sprinter sind im Cockpit schlichtweg nicht notwendig. Kraftausdauer ist hingegen eher gefragt. Doch ein darauf ausgelegtes Training führt nicht zu Muskelaufbau.

Ricciardo freut sich auf ordentliches Training: Mehr Power

Für Ricciardo wird der Spaß an der Fitness im Vordergrund stehen: "Die Hauptsache ist, dass wir einfach ordentlich trainieren können. Einfach ein bisschen mehr Krafttraining, etwas für die Power. " Ein paar Kilogramm mehr Muskelmasse soll sich dann auch bei der Arbeit am Lenkrad positiv bemerkbar machen.

"Später in der Saison sind wir fit für die Rennen, all die Muskeln haben sich dann entwickelt. Aber bei den Wintertestfahrten ist es ziemlich hart", erklärt der 29-Jährige. "Wenn wir in dieser Phase ordentlich trainieren, wären wir da auch viel besser dran, wie auch den Rest des Jahres. Aber ich bin mir sicher, dass das Team einen Weg finden wir, uns in die Pfanne zu hauen."

"Für die Teams wird es eine Herausforderung, denn das Mindestgewicht mit den 80 Kilogramm für Sitz und Fahrer zusammen wird schwierig", glaubt auch Grosjean, dass es den Ingenieuren wohl nicht egal sein wird, wenn einer ihrer Fahrer im Winter im Kraftraum Vollgas gibt und am Ende das Limit von 80 Kilogramm erreicht.

Die Nackenmuskulatur wird in der Formel 1 am meisten beansprucht - Foto: Red Bull

Mindestgewicht für Fahrer ändert Spielraum für Konstrukteure

Beim neuen Gesamtgewicht der Fahrzeuge von 743 Kilogramm inklusive den 80 Kilogramm für den Fahrer, müssen die Konstrukteure beim Auto nach Möglichkeit eine Punktlandung auf 663 Kilogramm hinlegen. Früher konnte bei einem leichten Fahrer der zum Erreichen des Mindestgewichts benötigte Ballast im Sinne eines optimalen Schwerpunkts sowie einer optimalen Gewichtsverteilung platziert werden.

2019 ändert sich das. Denn die Nachteile der schweren Fahrer verschwinden nur, indem der Ballast für die leichteren Fahrer im Bereich des Sitzes platziert wird und die 80 Kilogramm somit bei jedem Piloten denselben Effekt auf die Balance haben. Unter dem Strich werden aber die größten Piloten wie zum Beispiel Nico Hülkenberg, der 1.84 Meter misst, von dem neuen Reglement ohnehin nicht allzu viel haben.

"Ich denke, wir können alle etwas kräftiger werden. Aber ich schätze, für die die jetzt schon damit kämpfen unter 80 Kilogramm zu kommen, wird es keinen Unterschied machen", glaubt Hamilton.


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