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Formel 1 Ungarn 2018: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Der Ungarn GP der Formel 1 2018 steht heute unter einem guten Stern: In der Startaufstellung nicht das schnellste Auto ganz vorne. Darauf kommt es an.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Die Startaufstellung für den Ungarn GP 2018 (heute live auf RTL, im ORF, Live-Stream F1 TV Pro und Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com) verspricht jede Menge Spannung für das Formel-1-Rennen am heutigen Sonntag. Lewis Hamilton sicherte sich in einer waschechten Regenlotterie im Qualifying die Pole Position vor Valtteri Bottas. Eine reine Mercedes-Reihe-eins also. Damit hatte niemand gerechnet: Der Mercedes war am vorherigen Wochenende zu keinem Zeitpunkt das schnellste Auto.

Ganz im Gegenteil: Ferrari hatte in den Trainings ganz klar die Hosen an, schien zudem noch über mehr Potential zu verfügen. Doch der Regen stellte alles auf den Kopf, sodass nun die auf dem Hungaroring schnellsten Autos erst in Reihe zwei stehen. Eine Situation, die immer mehr Spannung verspricht als das schnellste Paket ganz vorne, das an der Spitze dann einfach davonzieht.

Damit nicht genug. Auch die Reihenfolge bei Ferrari verleiht der Ausgangslage Würze: Kimi Räikkönen gelang es endlich mal wieder, Sebastian Vettel niederzuringen, startet von P3 neben seinem Teamkollegen. Somit stehen sowohl Ferrari als auch Mercedes einmal mehr so gut wie sicher vor kniffligen Teamorder-Fragen.

Die würde sich Red Bull sicher gerne stellen, hat viel größeren Ärger: Max Verstappen und Daniel Ricciardo schafften es trotz Regen im Qualifying gerade einmal auf P7 und P12 in der Startaufstellung. Hochstimmung dagegen bei Toro Rosso: Mit P6 und P8 im Grid waren die Jungbullen sogar konzernintern vorne. Gemischte Stimmung dagegen bei Renault: Sainz sensationell Fünfter im Grid, Nico Hülkenberg nach technischen Problemen nur auf P13.

2. - S wie Start

Auch wenn die Geraden auf dem Hungoring rar gesät sind - bis zur ersten Kurve geht es dennoch weit geradeaus. Stolze 617,8 Meter sind es heute nach dem Start des Rennens bis zum Scheitelpunkt der ersten Ecke. Davor fürchtet sich vor allem Mercedes. "Es ist hier schwierig, zu überholen. Es hängt alles vom Start ab. Es ist ein langer Weg bis Kurve eins. Jeder Vorteil bei den Starts oder der Power kann für uns deshalb eine Bedrohung sein. Und wir wissen, dass Ferrari da stark ist", mahnt der Mercedes-Teamchef.

Doch kann sich Mercedes dieses Mal gewiss sein, nicht zwingend im Reifen- und Traktionsnachteil zu sein. Weil das Q2 bereits eine nasse Session war, alle Piloten die Slicks in der Garage ließen, herrscht am Start komplett freie Reifenwahl. Mercedes kann also einfach den Ultrasoft montieren - zumindest, wenn man damit strategisch ein nicht noch größerer Risiko erwartet (vgl. 3. - S wie Strategie).

Verraten will die Wahl natürlich keiner so recht. Wolff scherzt: "Der einzige Reifen, von dem wir wissen, dass er mit unsrem Auto am besten funktioniert, ist der Regenreifen. Vielleicht nehmen wir den!" Möglicherweise ist selbst das nicht einmal ausgeschlossen. Könnte es auch am Sonntag regnen? (vgl. 4. - S wie Sommerwetter)). Hamilton lässt dann doch tief blicken: "Ich denke, es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir unsere Positionen am Start opfern wollen ..."

Die Seite des Grids spielt für die meisten Fahrer keine Rolle, auch nicht, weil der Regen auf der linken, der Pole-Seite, nun vielleicht einen potentiellen Gummi-Vorteil weggespült haben könnte. "Keine Ahnung", meint Max Verstappen nur. "Es ist sowieso kein großer Unterschied hier mehr seit es den neuen Streckenbelag gibt, wenn überhaupt einer", sagt Hamilton.

3. - S wie Strategie

Die freie Reifenwahl auch für die Top-10 liefert beim Ungarn GP nicht nur am Start, sondern eben auch in Sachen Renntaktik eine etwas andere Ausgangslage als üblich. "Die Teams haben die freie Wahl, auf welchen Slicks sie starten, deshalb besteht Potential, für unterschiedliche Strategien und ein zusätzliches Element an Unvorhersehbarkeit", hofft Pirellis F1-Chef Mario Isola auf einen endlich mal strategischen Leckerbissen.

Doch auch der Italiener weiß eigentlich natürlich genau, dass die Teams einmal mehr jeden Stein versetzen werden, einen zweiten Boxenstopp zu vermeiden. Deshalb - und wegen der überholfeindlichen Streckencharakteristik des Hungarorings (vgl. 5. - S wie Silberpfeil-Train)) - erwartet Pirelli bei regulärem Rennverlauf am ehesten noch immer Einstopp-Strategien. "Das hängt aber vom Abbau des Ultrasofts ab", so Isola.

Das wiederum heißt: Pirelli erwartet, dass sich kaum einer am Start die Blöße gibt, in die Gefahr begibt, einen härteren Gummi zu wählen. Doch mit einem Start auf Ultrasoft könnte der Faktor Wetter dann doch wieder für ein strategisches Problem sorgen. Es soll heiß werden im Rennen, richtig heiß (vgl. 3. - S wie Sommerwetter)). Geht der Ultrasoft dann schon nach wenigen Runden ein, erscheint es fraglich, ob selbst der Medium dann 60 Runden oder mehr durchhält.

4. - S wie Sommerwetter oder Schauerwetter

Vorsicht, Wetterbericht! Die Prognosen für das Ungarn-Wochenende änderten sich im Lauf der Tage im Stunden-, gefühlt Minutentakt. Mit einem derartigen Gewitter rund um das Qualifying war in dieser Form etwa gar nicht gerechnet worden. Allerdings waren zumindest Schauer prognostiziert. Entsprechend darf man den Meterorlogen für den Sonntag doch noch ein klein wenig trauen.

Ihr Bericht: extrem gut. Die Regenwahrscheinlichkeit am Hungaroring beläuft sich den ganzen Tag über auf nie mehr als fünf Prozent, insbesondere rund um die Startzeit des Formel-1-Rennens ist sie extrem gering - bei null Prozent. Dafür droht der heißeste Tag des ganzen Wochenendes überhaupt. 33 Grad sollen erreicht werden. Bleibt dann auch der Himmel blau, sind Asphalttemperaturen jenseits der 60 Grad so gut wie sicher, was vor allem den Strategie-Gourmets schmecken sollte (vgl. 3. - S wie Strategie).

5. - S wie Silberpfeil-Train

Monaco ohne Mauern. So wird der Hungaroring gerne mal bezeichnet. Tatsächlich ist die Strecke vor den Toren Budapests jedoch durchaus anders als Monte Carlo, weist sehr viel mehr schnelle Kurven auf, ist flüssiger. Doch in Sachen Überholen geht in Ungarn tatsächlich ähnlich wenig. Mit Monaco, Singapur und vielleicht noch Melbourne und Barcelona gibt es keinen schlimmeren Ort, sich am Gegner vorbeizudrücken.

Man denke nur zurück an 2017 - als Sebastian Vettel sich das halbe Rennen mit ziemlich angeschlagenem Ferrari dennoch ins Ziel und zum Sieg zu retten wusste. Insbesondere die ewig lange letzte Rechtskurve auf Start/Ziel verwirbelt die Luft extrem, sodass dem Vordermann nur schwer gefolgt werden kann, um am einzigen wirklich harten Bremspunkt Ende der Geraden ein Manöver zu lancieren.

Genau aus diesen Gründen scheint das F1-Rennen in Ungarn in Sachen Spannung ein zweischneidiges Schwert. Ja, das schnellste Auto steht nicht ganz vorne in der Startaufstellung, wie eingangs beschrieben. Doch eben wegen des Streckenlayouts könnte sich dieser eigentliche Garant für ein actionreiches Rennen auch ins Gegenteil verkehren. Zum ersten Mal seit Jahren droht womöglich ein Kuriosum: ein Silberpfeil-Train! Zumindest angesichts der Performances im Training durchaus gut denkbar.

6. - S wie Safety Car

Der Ungarn GP zählt zu den Rennen mit einer größeren Safety-Car-Wahrscheinlichkeit. 60 Prozent beträgt diese auf dem Hungaroring bezogen auf die vergangenen fünf Jahre. In einem Fall rückte Bernd Mayländer sogar gleich zwei Mal aus. Für das Rennen heute ein nicht zu verachtender Faktor, könnte ein Safety Car alle oben angestellten Prognosen zu Strategie und Wetter sofort doch völlig auf den Kopf stellen.

7. - S wie Sieger

Bleibt die wichtigste aller Fragen: Wer hat die beste Pace? Ausgerechnet die mit der besten Ausgangslage auf dem Papier eher nicht. "Laut unseren Rechnungen waren wir im Longrun nur das drittschnellste Team", mahnt Mercedes-Pilot Valtteri Bottas schon selbst. Teamkollege Hamilton wirft ein: "Der Schlüssel wird sein, durch den Stint zu kommen, ohne über die Temperaturlimits zu kommen."

Damit zielt der Brite auf ein gewaltiges Mercedes-Problem. In den Longruns am Freitag kämpften die Silberpfeile weitaus mehr mit Blistering und Überhitzung als die Konkurrenz von Ferrari und Red Bull. Gesetzt, dass es heute im Rennen wie erwartet tatsächlich noch heißer wird als am Freitag, würde sich dieser Effekt nur noch vergrößern, Mercedes (in Relation zur Konkurrenz) nur noch mehr leiden lassen.

Doch kann sich der Spieß eben auch sehr schnell umdrehen. Hält Mercedes am Start die Spitze fahren die Ferrari in Dirty Air. Das frisst Reifen, könnte ein Patt, vielleicht sogar Vorteil in Nachteil verwandeln …


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