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Formel 1 Baku 2018: Die 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Der Aserbaidschan GP, vierter Lauf der F1-Saison 2018, bietet Sprengstoff pur. Heute im Fokus: Start, Strategie, Slipstream-Action & steife Baku-Brise.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Sebastian Vettel startet auch den Aserbaidschan GP in Baku (heute live auf RTL, im ORF, SRF und Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com) von der Pole Position. Damit geht der Ferrari-Pilot zum 53. Mal in seiner Karriere - und 2018 jetzt schon zum dritten Mal in Folge - aus der besten Ausgangsposition ins Rennen.

Rein rot ist die erste Startreihe jedoch nicht erneut - Kimi Räikkönen schaffte es im Qualifying nach einem Fahrfehler nicht über P6 hinaus. Deshalb steht direkt neben Sebastian Vettel Erzrivale Lewis Hamilton, der erstmals seit Australien wieder das Mercedes-Duell gegen Valtteri Bottas gewann. Der Finne bildet gemeinsam mit Red Bulls Daniel Ricciardo die zweite Reihe, erst dahinter folgt Max Verstappen.

Hinter Räikkönen machen Esteban Ocon, Sergio Perez, Carlos Sainz und - Überraschung - Williams-Pilot Lance Stroll, im Vorjahr in Baku auf dem Podium, die Top-10 perfekt. Stroll profitierte allerdings von einer Strafversetzung Nico Hülkenbergs. Wegen eines vorzeitigen Getriebewechsels am Renault fällt Hülkenberg - im Quali noch Neunter und drei Zehntel vor Sainz - in der Startaufstellung auf P14 zurück.

2. - S wie Start

Das größte Potential für haarige Momente bietet jedes Formel-1-Rennen direkt am Start. Das gilt auch in Baku, wenngleich der Aserbaidschan GP im weiteren Verlauf seiner 51 Runden in seiner noch jungen Geschichte schon jede Menge prickelnde Szenen bot, im Vorjahr sogar zum überholfreundlichsten Rennen der Saison avancierte.

Doch wenn es um 14.10 Uhr mitteleuropäischer Zeit, also um 16.10 Uhr in Baku, heißt "Lights out" schießt das Adrenalin auch im Land des Feuers besonders durch die Decke. Vor allem sicherlich bei Kimi Räikkönen, der gleich am Start sein verpatztes Qualifying wettmachen will. "Du versuchst immer anzugreifen!", so der Ferrari-Star.

Dafür verfügt Räikkönen am Start über die besten Waffen aller Topfahrer. Weil er bereits im Q2 Probleme hatte, reichte es für den Iceman nur mit Ultrasoft zum Q3-Einzug. Deshalb startet Räikkönen als einziger in den Top-6 nicht mit dem härteren Supersoft. Heißt: Grip-Vorteil. "Ich denke aber, dass es ein recht kurzer Weg zur ersten Kurve ist. Sollte schon okay sein", wiegelt Daniel Ricciardo angesichts der nur 280 Meter bis Turn eins ab, vor dem Finnen schlottern zu müssen. "Außerdem wird der Start hier nicht der Ende deines Rennens sein. Es ist nicht Monaco."

3. - S wie Strategie

Neben der Startphase bildet die Strategie den nächsten entscheidenden Schlüsselfaktor für das Rennen in Baku. Die theoretisch schnellste Variante, den Aserbaidschan GP zu bewältigen, besteht Pirelli zufolge darin, auf Supersoft zu starten, in Runde 20 auf Soft zu wechseln und damit die restlichen 31 Runden zu bestreiten. Ein klassischer Einstopper also.

Von den Topfahrern scheidet bei dieser Option einzig Räikkönen aus. Der Finne kann jedoch eine ganz ähnliche Strategie fahren, die der Reifenhersteller als zweitschnellsten Weg ins 306 Kilometer entfernte Ziel nennt: Ebenfalls ein Einstopper mit Wechsel von Ultrasoft in Runde zehn auf Soft. All das könne sich in Baku durch den dort nicht ohne Zwischenfälle zu erwartenden Rennverlauf jedoch schnell komplett verkehren.

Einen Vorteil haben die Top-5 jedenfalls. "Sie haben die Flexibilität, zu entscheiden, ob sie das Rennen auf dem Ultrasoft oder Soft nach einem längeren ersten Stint beenden wollen", erklärt Pirellis Mario Isola. Gerade wegen des in Baku immer drohenden Safety Cars (vgl. unten) sei dieser Vorteil alles andere als zu verachten.

Daniel Ricciardo ist noch aus einem anderen Grund sehr glücklich, nicht - wie Räikkönen - auf dem Ultrasoft starten zu müssen. "Ich denke, wir versuchen wegen des Grainings bei den kalten Bedingungen hier alle, den Ultrasoft mit viel Benzin an Bord zu meiden", so der Australier. "Hoffentlich bekommen wir so einen längeren ersten Stint", bestätigt Teamkollege Verstappen.

Doch Ricciardo ist nicht einmal sicher, ob der Supersoft Graining-frei den Startstint überlebt. Daran werde sich entscheiden, ob lang genug gefahren werden kann, um im zweiten Stint Ultrasoft zu wählen, den Ricciardo dem Soft natürlich klar vorziehen würde. "Wenn es so aussieht, dass ich es handeln kann, dann werde ich den Ultra riskieren", sagt Ricciardo. Für wahrscheinlicher hält der Vorjahressieger jedoch den Soft.

4. - S wie Safety Car

Schlüsselmoment und Gamechanger für alle Strategien: Kommt es in Baku erneut zum Einsatz von Bernd Mayländer? Im Vorjahr rückte das Safety Car immerhin stolze drei Mal aus. Die unzähligen Zwischenfälle in den Trainings, auch in der Formel 2, deuten darauf hin , dass die Wahrscheinlichkeit für einen SC-Einsatz auch 2018 im Rennen auf jeden Fall ganz klar gegeben ist.

"Das bedeutet, dass alle Strategien flexibel bleiben müssen, denn es könnte die Möglichkeit eines 'freien' Boxenstopps geben, wenn das Timing stimmt", sagt Pirelli-Mann Isola. Wie dramatisch sich genau das auf ein Rennen auswirken kann, hatte sich erst zuletzt in China gezeigt. Großer Profiteur in Shanghai: Red Bull. Und deren clevere Taktiker kalkulieren auf jeden Fall schonmal erneut damit. "Ich glaube, dass es hier viele Safety-Car-Phasen geben wird", meinte jedenfalls Dr. Helmut Marko bei RTL.

Auch hier also könnte vor allem Räikkönen in Probleme geraten, sollte genau in der Phase ein Safety Car kommen, wenn er bereits den Ultrasofts ablegen musste, die Konkurrenz aber noch im Supersoft-Startstint fährt.

5. - S wie steife Brise

Hauptauslöser für die vielen Zwischenfälle in Baku: der Wind. Am Wochenende bläst es in Baku ganz gewaltig, am Sonntag sollen die Böen sogar noch einmal deutlich zunehmen. Das macht es schwer, die Bremspunkte zu treffen, noch dazu werden die Autos instabil, stehen schnell quer. Spitzen bis zu 80 km/h werden für den Sonntag aktuell erwartet.

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Daniel Ricciardo will deshalb ganz besondere Vorkehrungen treffen. "Ich werde heute Abend jede Menge essen, damit ich morgen nicht weggeblasen werde wenn der Wind so wird, wie er es soll. Denn dann kann es da draußen echt verrückt werden! Ich erwarte, dass wir morgen alle erzählen werden, wie furchtbar sich unsere Autos angefühlt haben", scherzt der Australier, sicherlich nicht ganz ohne Funken Wahrheit.

Denn ein Formel-1-Auto ist tatsächlich extrem anfällig für windige Bedingungen, stört das die ausgeklügelte Aerodynamik doch potentiell erheblich. "Mit dem Wind war es heute schon sehr knifflig", sagte Max Verstappen nach dem Qualifying. "Wenn er von der Seite kommt, schmeißt es dir das Auto weg vom Scheitelpunkt", ergänzt Ricciardo. Verstappen weiter: "Morgen soll er noch stärker werden im Rennen, sodass wir echt schauen müssen ... Die Aerodynamik ist sehr sensibel für Wind, wir hatten einige Probleme in den Kurven. Je mehr Abtrieb du hast, desto schwieriger kann der Wind sein." Und davon hat Red Bull bekanntlich jede Menge.

6. - S wie Slipstream

Der Wind spielt in Baku jedoch vor allem unter einem Aspekt eine Rolle: Windschatten auf der ultralangen Start-Ziel-Geraden. Mehr als zwei Kilometer ballert die Formel 1 dort Vollgas geradeaus. "Morgen soll es noch windiger sein. Also wird es wichtig sein, in einer Gruppe von Autos zu fahren und den Vorteil dort mitzunehmen", weiß Fernando Alonso.

Deshalb macht sich nicht einmal Red Bull Sorgen, Mercedes und Ferrari auf der Geraden nicht attackieren zu können. "Du kannst hier überholen wenn du ein schnelleres Auto hast, denn der Windschatten ist richtig groß. So groß, dass du selbst mit weniger Power überholen kannst", sagt Ricciardo.

Grundlegend sei der Topspeed-Nachteil jedoch durchaus groß. Vor allem Mercedes war in Baku im Qualifying hier allen weit voraus, auch Ferrari, hatte den Silberpfeil für das Rennen schon voll auf Endgeschwindigkeit getrimmt, um Vettel angreifen zu können.

Doch auch das macht für Ricciardo keinen Unterschied durch den extremen Windschatten-Effekt. "Hier ist der Leader immer praktisch hilflos und wird überholt werden. Es sei denn du hast einen sehr großen Vorsprung - oder lässt den hinter dir einfach vor Kurve 16 mal vorbei", witzelt der Australier.

7. - S wie Sieger

Doch wer ist bei so vielen Unwägbarkeiten jetzt der große Favorit auf den Sieg? Im Grunde ist das genau deshalb unmöglich zu sagen. Zumal sich auch in den Longruns am Freitag alles andere als ein klarer Favorit herauskristallisiert hatte.

Zwischen Red Bull, Ferrari und Mercedes wird es also richtig eng zu gehen. Wenn, dann könnte der Red Bull tatsächlich das schnellste Rennauto sein. Dafür spricht jedenfalls der dieses Mal nur sehr knappe Rückstand im Qualifying. Ferrari hat dagegen den Vorteil der Pole, dafür den Nachteil, dass hinter dem möglichen Beitrag Räikkönens zu einem erfolgreichen Rennen wegen des Ultrasofts am Start ein Fragezeichen steht. Für Mercedes spricht unterdessen der Topspeed, Sorgen bereitet den Silberpfeilen allerdings, dass es am Sonntag noch einmal sehr viel kälter werden soll.


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