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F1-Favoriten-Check Baku: Mercedes mit Vettel-Jagd-Abstimmung

Das Formel-1-Rennen in Baku könnte ein Kracher werden. Sebastian Vettel startet von Pole, aber hinter ihm lauern eine Menge Gefahren. Der Favoriten-Check.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Zugegeben: Die letzten Jahre war es mit dem Favoriten-Check nicht unbedingt einfach. Mercedes, Mercedes, Mercedes. Es war schwierig, Gründe zu finden, warum Mercedes nicht alles gewinnen sollte. 2017 war es schon ein bisschen besser, aber die Jahre zuvor waren schwierig.

In diesem Jahr ist es aus einem anderen Grund schwierig: Meist haben tatsächlich alle drei Topteams realistische Chancen, mit um den Sieg zu fahren. Auch beim vierten Rennen der Formel-1-Saison 2018 im aserbaidschanischen Baku melden Ferrari, Mercedes und Red Bull Ambitionen.

Das zeigt schon die Startaufstellung in Baku: Sebastian Vettel auf Platz eins, Lewis Hamilton auf Platz zwei, Valtteri Bottas auf Rang drei und dahinter die beiden Red-Bull-Piloten Daniel Ricciardo und Max Verstappen. Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari nur auf Rang sechs.

Räikkönen schmeißt Baku-Pole weg

Dabei hätte der letzte Ferrari-Weltmeister durchaus auf Pole stehen können, ja sogar müssen. Ohne seinen Fehler in der letzten Kurve hätte es für ihn gereicht. In der Addition der besten Sektoren schlägt er Teamkollege Vettel.

POS Fahrer Sektor 1 Fahrer Sektor 2 Fahrer Sektor 3
1 Räikkönen 35,283 Räikkönen 40,704 Ocon 25,044
2 Hamilton 35,296 Verstappen 40,82 Hamilton 25,091
3 Vettel 35,305 Ricciardo 40,863 Sainz 25,17
4 Bottas 35,477 Vettel 40,905 Bottas 25,183
5 Ricciardo 35,629 Bottas 41,155 Ricciardo 25,213
6 Verstappen 35,664 Hamilton 41,158 Vettel 25,288
7 Perez 35,708 Perez 41,43 Verstappen 25,293
8 Ocon 35,74 Ocon 41,441 Perez 25,304
9 Hülkenberg 35,861 Sainz 41,46 Magnussen 25,328
10 Alonso 36,133 Hülkenberg 41,48 Räikkönen 25,426

Doch die Sektorzeiten zeigen noch etwas viel Interessanteres: Mercedes verliert im Mittelsektor fast eine halbe Sekunde auf Ferrari. Im ersten Sektor ist Hamilton fast zeitgleich mit Räikkönen, im letzten Sektor ist Mercedes sogar schneller. Heißt: Mercedes verliert in den langsamen Abschnitten enorm.

Mercedes fehlen im Mittelsektor 0,5 Sekunden auf Ferrari

Ein Blick auf die Topspeeds ist ebenfalls sehr interessant: Daniel Ricciardo kann man wegen einer Windschattenfahrt mit seinen 341,8 Stundenkilometern ignorieren. Interessant ist erneut der Vergleich zwischen Mercedes und Ferrari: Hamilton 336,7 km/h, Bottas 334,4 km/h, Vettel 328,3 km/h und Räikkönen 327,8 km/h.

POS Fahrer Team Motor Topspeed
1 Ricciardo Red Bull Renault 341,8
2 Leclerc Sauber Ferrari 338,8
3 Magnussen Haas Ferrari 338,7
4 Hamilton Mercedes Mercedes 336,7
5 Bottas Mercedes Mercedes 334,4
6 Perez Force India Mercedes 333,9
7 Verstappen Red Bull Renault 333,9
8 Ocon Force India Mercedes 333,5
9 Sainz Renault Renault 330,6
10 Sirotkin Williams Mercedes 329,8
11 Vettel Ferrari Ferrari 328,3
12 Hülkenberg Renault Renault 328,2
13 Vandoorne McLaren Renault 327,8
14 Räikkönen Ferrari Ferrari 327,8
15 Gasly Toro Rosso Honda 327,0
16 Alonso McLaren Renault 326,2
17 Hartley Toro Rosso Honda 325,5
18 Ericsson Sauber Ferrari 325,4
19 Stroll Williams Mercedes 325,4
20 Grosjean Haas Ferrari 323,9

Wer diese Saison aufmerksam verfolgt hat, der weiß, dass der Power-Vorteil von Mercedes quasi nicht mehr vorhanden ist. Bei den Motoren sind Mercedes und Ferrari gleichauf, manche vermuten sogar die Italiener vorne. Nein, Mercedes hat in Baku das Auto konsequent auf Topspeed abgestimmt.

Das ist interessant, weil Mercedes in Bahrain und China überraschend Probleme im Qualifying offenbarte, im Rennen dann aber deutlich näher dran war. Hat Mercedes die Qualifying-Niederlage gegen Ferrari antizipiert und deshalb alles auf Topspeed gesetzt? Auch Lewis Hamiltons Aussage nach dem Zeittraining deutet darauf hin. "Das hier ist die fünftbeste Strecke der Saison, wenn es ums Überholen geht."

Die ewig lange Vollgas-Passage mit ihrer DRS-Zone auf Start- und Ziel lädt tatsächlich zu atemberaubenden Windschattenduellen ein. Sogar Ricciardo glaubt mit seinem Renault-Motor an eine realistische Chance: "Wenn wir vorne sind, ist unser Nachteil enorm. Aber wenn wir hinten sind, ist es kein Problem - und das gilt für alle. Der Windschatten hier ist so groß, dass du auch mit weniger Leistung überholen kannst. Entweder du hast einen großen Vorsprung oder du lässt den anderen vor Kurve 16 vorbei..."

Der Windschatten-Effekt ist nicht nur wegen der längsten Vollgas-Passage der Formel 1 so groß. Auch die Lage von Baku spielt eine entscheidende Rolle: Die Hauptstadt Aserbaidschans liegt rund 27 Meter unter dem Meeresspiegel. Dort ist der Luftwiderstand etwa 20 Prozent höher als beispielsweise in Mexiko, wo auf rund 2.000 Meter gefahren wird. Dazu könnte starker Wind kommen. Bläst der Wind stark von vorne, ist der Windschatten noch effketiver.

Mercedes lauert also nur auf die Chance auf der Geraden. Dass man im Qualifying trotzdem klar zweite Kraft und relativ nah an Ferrari dran war, überraschte daher etwas. In Zusammenarbeit mit den Ingenieuren in Brackley wurden die Silberpfeile aber über Nacht massiv umgebaut. Nicht nur aerodynamisch, auch mechanisch. Die Reifen kommen jetzt besser ins Fenster.

Red Bull: Motor kostet halbe Sekunde

Bei Red Bull schien es hingegen genau andersrum. Die Bullen schienen am Freitag das dominierende Team zu sein. "Ich bin überrascht, dass sich die Red Bulls so schwer getan haben, gestern sind sie geflogen", meint auch Vettel. "Aber morgen wird es sehr eng, es ist schwierig, einen Favoriten rauszupicken."

Genau das glaubt auch Red Bull. Rund eine halbe Sekunde soll der Motormodus im Qualifying gekostet haben. Mit dieser halben Sekunde wäre man auch im Qualifying vorne. Auch Toto Wolff hat Red Bull alles andere als abgeschrieben: "Ich erwarte, dass die Top-6 morgen um den Sieg kämpfen werden." Die Longruns geben Wolff recht. Bei der reinen Rennpace ist Red Bull sogar Topfavorit.

Nur ein Reifenwechsel beim Aserbaidschan GP 2018

Die Strategie könnte dabei aber weniger helfen als noch in China. Dort hatte sich Red Bull für eine Offset-Strategie entschieden, also taktierte anders als Mercedes und Ferrari. In Baku starten die ersten fünf Fahrer allesamt auf Supersoft, qualifizierten sich im Q2 extra damit, was bei Daniel Ricciardo fast schiefging.

Doch Mercedes Motorsportchef Wolff warnt, ist in diesem Jahr ein gebranntes Kind seiner Strategie-Ingenieure: "Die Strategie wurde kniffliger, wenn gleich sechs Fahrer um den Sieg mitfahren können."

Strategeische Möglichkeiten beim Aserbaidschan GP

  • Schnellste Strategie: 20 Runden Supersoft, dann Soft
  • 2. schnellste Strategie: 10 Runden Ultrasoft, dann Soft
  • Schnellste Zwei-Stopp: 10 Runden Ultrasoft, 20 Runden Supersoft, dann Supersoft

Laut Pirelli wird der Aserbaidschan GP ein klares Einstopp-Rennen. In Runde 20 sollen die Piloten mit Supersoft kommen und bis zum Rennende auf Soft fahren. Doch der ein oder andere riskiert vielleicht, den Stopp hinauszuzögern und dann mit Ultrasoft ins Ziel zu fahren. "Das funktioniert aber nur, wenn es keine Probleme mit Graining gibt. Dafür ist der Ultrasoft anfälliger, deshalb wollten wir alle mit dem Supersoft starten", erklärt Ricciardo. Durch die kühleren Temperaturen könnte Graining ein Problem werden.

Mercedes: Ferrari kann mit Räikkönen riskieren

Eigentlich wollte auch Kimi Räikkönen mit Supersoft starten, doch der Ferrari-Pilot verpatzte seinen Versuch und musste noch einmal mit Ultrasoft raus. In der Theorie ein Nachteil, auch wenn Pirelli glaub, dass trotzdem eine Einstopp-Strategie möglich ist. Wenn der Ultrasoft bis Runde zehn hält, kann Räikkönen zum Stopp kommen und Soft aufziehen. Der soll die restlichen 41 Runden halten.

Aber Wolff fürchtet sich genau vor dem Nachteil in der Theorie: "Wenn man sich vorstellt, dass es ein recht hohes Chance auf ein Safety-Car in den ersten Runden gibt, könnten sie auf den härteren Reifen gehen und bis zum Ende durchfahren, was eine gewagte Strategie wäre. Aber wenn du in einer Position wie Kimi bist, ähnlich wie die Red Bulls in China, kannst du diese Risiken eingehen - und manchmal zahlt sich das aus."

Zwei Mercedes gegen einen Ferrari

Tatsächlich aber sollte Mercedes im Vorteil sein. Zwei gegen eins heißt es da vorne gegen Vettel, wenn die Angriffe auf der Strecke nicht helfen. In Australiern verlor Mercedes das Rennen, weil Ferrari Mercedes mit Vettel und Räikkönen Schachmatt setzte. Bottas konnte nach seinem Qualifying-Unfall nicht helfen. In China war es umgekehrt, Mercedes lockte Ferrari in die Falle.

Mercedes macht keinen Hehl daraus. "Als Team befinden wir uns in einer guten Ausgangslage für das Rennen. Dass beide Autos am Start hintereinander sind, eröffnet uns ein paar taktische Möglichkeiten, mit denen wir spielen können", sagt Bottas ganz offen.

Und auch Vettel weiß um sein Problem: "Ich denke, es wäre besser gewesen, wenn Kimi seine Runde zu Ende gebracht hätte. Letztendendes will man selbst vorne stehen, aber für das Team wäre es unter dem Strich besser gewesen."

Hat Ferrari ein Rezept gegen den Undercut von Mercedes? "Was in China passiert ist, mochten wir natürlich nicht, aber wir haben ein gutes Team, dass sich um diese Dinge kümmert. Wir sehen, wie der Start läuft und dann der erste Stint, aber wir wissen, dass die Runde hier lang ist und der Undercut funktionieren könnte. Auf der anderen Seite ist es schwierig, die Reifen sofort zum Arbeiten zu bekommen. Ich glaube, was wir aus China lernen konnten, haben wir gelernt und sollten morgen in Ordnung sein."

Entscheiden Fehler über Baku-Sieg 2018?

Und dann gibt es da noch einen ganz anderen Faktor: Den Wind. Für Sonntag werden extrem Böen erwartet. Schon das ganze Wochenende bereitet der Wind den Fahrern Schwierigkeiten, doch am Sonntag soll es deutlich schlimmer werden.

"Ich erwarte, dass wir alle sagen, dass sich unsere Rennautos schrecklich anfühlen", scherzt Ricciardo. "Der Wind beeinträchtigt die Autos stark und derjenige, der morgen gewinnt, wird derjenige sein, der mit dem am wenigsten schlimmen Rennauto am wenigsten Fehler macht."

Was sich aus Ricciardos Mund immer lustig anhört, könnte tatsächlich ein großer Faktor werden. Zum einen, was die Fehler betrifft. Schon im Qualifying hatten die Piloten Schwierigkeiten damit, ihre Runde zusammenzubekommen. Vettel holte sich die Pole Position, ohne dabei in einem einzigen Sektor die Bestzeit zu fahren. Im Rennen ist es aber nicht damit getan, eine Runde im Notausgang abzubrechen. Dann können schon zahlreiche Positionen und damit das ganze Rennen verloren sein.


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