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Formel 1, Favoriten-Check China: Ferrari-Pole teuer erkauft?

Ferrari war im China-Qualifying überlegen. Haben sich Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen die Pole teuer erkauft und bezahlen dafür im Rennen? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Damit hatte in der Formel 1 wirklich niemand gerechnet. Nicht einmal Ferrari selbst, die die Dinge im Gegensatz zu Hauptkonkurrent Mercedes eher positiv als negativ sehen. "Der Abstand hat mich überrascht", gab Sebastian Vettel nach dem Qualifying zum China GP 2018 in Shanghai zu.

Vettel fuhr nicht nur vor Teamkollege Kimi Räikkönen auf Pole, sondern distanzierte vor allem Mercedes deutlich. Valtteri Bottas lag schon mehr als 0,5 Sekunden zurück, Weltmeister Lewis Hamilton fehlten fast sechs Zehntelsekunden.

Kimi Räikkönen zeigte Ferrari-Potential in China

Nach Freitag stellt sich die Frage: Wie konnte das passieren? In den ersten beiden Trainings setzte Lewis Hamilton jeweils die Bestzeit. Sebastian Vettel hingegen hatte zu kämpfen. Bei genauem Hinsehen zeigte schon Kimi Räikkönen das Potential des Ferrari: Setzt man die besten Sektoren zusammen, lag der Iceman auf Rang eins.

Nur gab es von Räikkönen keine Longrun-Daten. Eine VSC-Phase und einsetzender Regen machten die Daten zunichte. Vettel hingegen setzte einen Ultrasoft-Longrun, der allerdings nicht besonders gut aussah. Nach dem Qualifying relativierte Vettel: "Ich bin am Ende in den Verkehr gekommen, dazu kam der Regen."

Doch auch ohne Verkehr war Vettels Longrun nicht beeindruckend. Die Balance saß nicht zu hundert Prozent. Was sich auf eine Runde schon in Zeit auswirkt, multipliziert sich im Longrun durch den erhöhten Reifenverschleiß. Doch über Nacht baute Ferrari Vettels Loria wie schon in Bahrain um. Und plötzlich passte auch bei Vettel wieder die Balance, das Gefühl für die Vorderachse war da.

Mercedes: Die Diva ist zurück

Zum Schritt bei Vettel kommt, dass Mercedes einen Schritt nach hinten gemacht hat. "Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht von gestern auf heute", beklagte Lewis Hamilton. Das lässt sich auf die Temperaturen zurückführen, die am Samstag mit 12 Grad noch einmal deutlich unter denen von Freitag lagen.

"Normalerweise haben wir ein Problem, dass die Reifen überhitzen", erklärt Mercedes Motorsportchef Toto Wolff. "Hier haben wir ein Problem in die andere Richtung, dass die Reifen nicht auf die richtige Temperatur kommen." Immerhin gelang das im Qualifying dann ein wenig besser als noch im 3. Freien Training, doch wirklich gut wirkte der Silberpfeil nicht. "Die Diva ist ein bisschen zurück", konsternierte Wolff.

Formel 1 2018: Brennpunkte vor dem China GP: (06:23 Min.)

Keine Ultrasoft-Reifen beim China GP: Mercedes' Rettung?

Mercedes' großes Problem war der Supersoft-Reifen. Einmal mehr schafften es die Silberpfeile nicht, die Zusatz-Performance der weicheren Reifen zu entfesseln. Das zeigte sich vor allem im Q2, als Ferrari und Mercedes auf Soft fuhren. Plötzlich waren Hamilton und Bottas sogar schneller als Vettel und Räikkönen.

Das Interessante: Mit diesen Reifen gehen Mercedes und Ferrari ja auch ins Rennen. Wenn die Pirelli-Analysten richtig liegen, sollte bei den Top-Teams der Ultrasoft im Rennen gar nicht zum Einsatz kommen. Stattdessen wollen wohl beide Teams mit einem Stopp über die Runden kommen, wollen von den Soft auf die Medium-Reifen wechseln.

Stimmt das, wovon eigentlich auszugehen ist, sieht die Welt für Mercedes schon ganz anders aus. Dazu kommt, dass die Temperaturen am Sonntag gänzlich anders sein sollen. Nicht nur die Umgebungstemperatur soll um fast zehn Grad steigen, vor allem die Asphalttemperatur. Dann sollte das Problem, die Reifen nicht mehr auf Temperatur zu bekommen, auch verschwinden.

Setzt Ferrari nur auf Qualifying-Setup?

Doch die große Frage lautet: Hat Mercedes im Qualifying schlichtweg nicht das Arbeitsfenster der sensiblen Reifen gefunden und Ferrari schon und ist der große Abstand so zu erklären, oder sind die beiden WM-Kandidaten Nummer eins auf gänzlich unterschiedlichen Abstimmungen unterwegs?

Hat Mercedes das Auto extrem für das Rennen abgestimmt, während Ferrari die Startposition in erster Linie wichtig war? Sebastian Vettel verneint: "Wir haben versucht, auf beides abzuzielen und die Vorhersagen für Sonntag sind ziemlich anders." Kimi Räikkönen geht sogar noch einen Schritt weiter: "So etwas gibt es gar nicht. Wenn ein Auto im Qualifying schnell ist, ist es auch im Rennen schnell."

Doch ganz so ist es natürlich nicht. Sehr wohl kann ein Auto so abgestimmt werden, dass es die Reifen etwas weniger beansprucht. Vor allem in China ist das denkbar. Kaum eine Strecke geht so extrem auf die Vorderachse. Ein loses Heck mag da vielleicht auf eine Runde nicht perfekt sein, kann aber im Dauerlauf die Vorderreifen konservieren.

Hitze plötzlich Nachteil für Ferrari?

Mit den wärmeren Temperaturen könnten solche Probleme noch stärker zum Vorschrein treten. Toto Wolff ist sich sicher: "Morgen wird es der Beleg sein, ob das Konzept stimmt. Wenn es nicht funktioniert, müssen wir das zu verstehen lernen."

Mercedes könnten das Setup, die Reifen und die Temperaturen helfen. Das ist etwas kurios, ging man am Freitag noch davon aus, dass die kalten Bedingungen Mercedes entgegenkommen würden. Doch in Bahrain war es heiß und Mercedes im Rennen auch schneller als im Qualifying. Wider Erwarten war Mercedes dort das schnellere Rennauto. Hamilton fuhr das schnellste Rennen, gewann nur wegen seiner Getriebestrafe nicht.

Einen Joker, den Mercedes in Australien und Bahrain noch nicht hatte, sind die Strategiemöglichkeiten. In China sind beide Autos vorne dabei. "Wenn du Jäger und nicht Gejagter bist, bist du der Löwe, der auf seine Beute lauert", meint Wolff. "Hinten zu sein, bedeutet Möglichkeiten zu haben. Mit zwei Autos können wir die Strategie splitten, können einen Under- oder einen Overcut machen."

Red Bull mit dem Mut der Verzweiflung

Bei Red Bull sieh die Welt in China etwas anders aus. Der Rückstand war größer als befürchtet. Mit dem Mut der Verzweiflung gingen Max Verstappen und Daniel Ricciardo deshalb auf eine andere Strategie und starten mit den Ultrasoft-Reifen. "Es bringt nichts, das gleiche zu machen, wenn wir eh langsamer sind", erklärt Ricciardo.

Das Ziel ist deshalb klar. "Plan A sind zwei Stopps", verrät der Australier. Die Bullen werden wohl einen Undercut machen und anschließend noch einmal auf Ultrasoft gehen. So soll die Zeit für einen zusätzlichen Stopp herausgefahren werden.

"Aber es ist nicht mehr so wie vor ein paar Jahren, dass ein Auto, das im Qualifying richtig schnell ist, im Rennen plötzlich langsam ist", befürchtet Verstappen. Teamkollege Ricciardo sieht es ähnlich: "Ferrari sah heute zu schnell ist. Das Ziel ist Mercedes."

Hamilton pessimistisch: Kann nicht überholen

Lewis Hamilton würde ebenfalls zustimmen. Der Weltmeister zeigt sich nicht besonders optimistisch für das Rennen: "Zuversichtlich bin ich nur, dass ich meine Position halten kann... Um zu überholen, musst du hier eine Sekunde schneller sein."

Was gegen Hamiltons Pessimismus spricht: Klar ist der Mercedes nicht eine Sekunde schneller als der Ferrari, durch unterschiedlichen Reifenverschleiß kann das aber tatsächlich passieren. Und: In Bahrain war Hamilton am Samstagabend ebenfalls pessimistisch, meinte Ferrari sei - egal auf welchem Reifen - immer schneller. Ganz so war es dann im Rennen aber doch nicht.


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