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Formel 1 / Interview

Carlos Sainz: Bin ein zu guter Mensch gewesen

Carlos Sainz ist alles, nur kein Bad Boy. Ist das seine größte Schwäche? Motorsport-Magazin.com ging mit ihm auf die Suche nach dem berüchtigten Arschloch-Gen.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Ich erinnere mich daran, dass du bei deinem Formel-1-Einstieg gesagt hast, du willst das 'Junior' in deinem Nachnamen loswerden. Bist du es losgeworden?
Carlos Sainz [ohne Junior]: Ich glaube, ich mache einen Job, der gut genug ist, um es langsam loszuwerden. Nach fast zwei Jahren in der Formel 1 habe ich es geschafft, eine gute Atmosphäre um mich herum zu schaffen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das war mein Ziel, darüber bin ich froh. Ich lebe den Traum! Ich bin jetzt 22 Jahre alt und habe schon einen Vertrag für die nächste Saison - ich kann mich über meine Situation nicht beklagen.

Wie wichtig ist es heutzutage, in eine Motorsport-Familie geboren zu werden? Die Geldsummen, die in den Einstiegsserien aufgerufen werden, sind exorbitant und ein normaler Mensch kann sich das nicht leisten.
Carlos Sainz: Es ist wichtig, aber es ist nicht fundamental. Das wichtigste ist erst einmal, Talent zu haben, schnell zu sein. Dann ist es wichtig, die Unterstützung zu haben. Man muss sicherstellen, dass man von den richtigen Leuten umgeben wird. Leute, die dir die richtige Unterstützung geben und dich ordentlich leiten - das ist sehr wichtig. Ohne das ist es sehr schwierig. Die Formel 1 ging hier durch eine harte Zeit, aber sie erholt sich gerade wieder. Wir sehen einige junge Talente kommen.

Es macht mich glücklich, jedem zeigen zu können, wozu ich imstande bin.
Carlos Sainz

Du hast den Einstieg im vergangenen Jahr in die Königsklasse gut geschafft. Wie würdest du die zweite Saison mit der ersten vergleichen?
Carlos Sainz: In der ersten Saison habe ich meinen Speed gezeigt. Ich habe gezeigt, dass ich gekommen bin, um zu bleiben. Der Speed war immer da, aber vielleicht hatte ich nicht immer die Möglichkeit, mein Potential zu zeigen. Wegen Zuverlässigkeitsproblemen und vielen kleinen Dingen. Ich konnte nicht ganz zeigen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin und was ich in der Formel 1 schaffen kann. In Barcelona in dieser Saison hat diese Pechsträhne aufgehört. Ich habe es endlich geschafft, konstant in den Punkten zu sein. In fast jedem Rennen, das ich beendet habe. Darüber kann ich sehr, sehr glücklich sein. Es macht mich glücklich, jedem zeigen zu können, wozu ich imstande bin.

Toro Rosso ist ein tolles Team, das in den vergangenen zwei Jahren auch ein tolles Chassis gebaut hat. Es ist aber trotzdem 'nur' das Juniorteam von Red Bull. Die Motorensituation hat euch außerdem extrem zurückgeworfen. Ist es frustrierend, dass ihr nicht zeigen könnt, wozu ihr eigentlich fähig wärt?
Carlos Sainz: Es ist kein Geheimnis, dass Toro Rosso immer das B-Team von Red Bull sein wird. Das ist es, was Dietrich Mateschitz will und was Red Bull will. Deshalb gibt es Toro Rosso. Aber wir wollen Best of the Rest sein, das beste Team im Mittelfeld. In diesem Jahr war das Auto gut genug, um Best of the Rest zu sein. Aber wegen vieler verschiedener Umstände sind wir das nicht. Force India hat einen großen Schritt gemacht, Williams war mit Mercedes Power Unit immer vor uns. McLaren ist mit ihrem Budget immer vorne. Es ist nicht ideal, aber ich bin überzeugt, dass Toro Rosso im nächsten Jahr zurückkommen kann. Mit der Unterstützung von Red Bull und Renault können wir Best of the Rest sein. Das ist das Hauptziel von Toro Rosso.

Stichwort Junior Team: Bislang gab es keinen Fahrer, der länger als drei Jahre bei Toro Rosso war. 2017 wird dein drittes Jahr bei Toro Rosso sein. Denkst du darüber nach? Wie lange kann ein Fahrer bei Toro Rosso fahren?
Carlos Sainz: Natürlich denke ich darüber nach. Natürlich wissen sie und ich, dass ich gerne zu einem Top-Team wechseln würde, wenn ich weiterhin einen guten Job mache. Das ist kein Geheimnis. Ich fühle mich auch bereit dafür. Im nächsten Jahr wird mit den neuen Regeln viel durcheinandergewürfelt. Ich habe es sehr klar gemacht, dass ich sobald wie möglich bei Red Bull sein will. Das ist mein Hauptziel. Ich werde mich selbst ans Limit pushen, um sicherzustellen, dass ich so schnell wie möglich dort bin.

Wenn ich ihn nun siegen sehe, ist das für mich persönlich ein Genuss.
Sainz über Max Verstappen

Dein ehemaliger Teamkollege Max Verstappen wurde schon zu Red Bull befördert. Wir haben eine Geschichte über unter- und überschätzte Fahrer gemacht. Wir halten dich darin für unterschätzt. Warum fährt Max jetzt für Red Bull und nicht du?
Carlos Sainz: Ich glaube, das ist ganz einfach: Max hat seine Chance genutzt und dann gab es leider noch jemanden bei Red Bull, der sehr gute Leistung gezeigt hat: Daniel Ricciardo. Sie haben sich dazu entschieden, Max mir vorzuziehen. Da musst du Red Bull fragen, warum sie ihn vorgezogen haben. Aber es bedeutet nicht, dass ich nicht auch noch in naher Zukunft aufsteigen könnte. Es sind nur zwei Cockpits verfügbar, aber ich muss sicherstellen, dass wenn sich die Chance ergibt, ich derjenige bin, der das Upgrade bekommt. Ich weiß, was ich gegen Max ausrichten kann. Ich habe euch allen gezeigt, was ich gegen ihn ausrichten kann. Wenn ich ihn nun siegen sehe, ist das für mich persönlich ein Genuss. Das zeigt mir, dass ich - sobald ich in einem Top-Team bin - ähnliche Sachen machen kann.

Stimmst du uns beim 'unterschätzt' zu? Weil jeder nur auf Max geschaut hat und du dabei vielleicht ein bisschen vernachlässigt wurdest...
Carlos Sainz: Von außen könnte das stimmen. Das war die Situation, mit der ich im vergangenen Jahr klarkommen musste. Das war nicht einfach, weil ich sehr ähnliche Dinge auf der Strecke gemacht habe, nicht aber die Aufmerksamkeit bekommen habe. Aber ich habe mich nicht davon runterziehen lassen. Es hat mich stärker gemacht, es hat aus mir einen noch besseren Fahrer gemacht. Ohne die schwierigen Momente im vergangenen Jahr wäre ich nicht der Fahrer, der ich heute bin. Ich bin mit meiner aktuellen Performance ein zufriedener Mann, sodass ich in meiner bisherigen Karriere nichts ändern würde. Ich muss nur sicherstellen, dass das nächste Mal, wenn sich die Gelegenheit ergibt, ich derjenige bin...

Sainz stand im Schatten von Max Verstappen und musste zusehen, wie er befördert wird - Foto: Sutton

Verstehe mich bei dieser Frage bitte nicht falsch, aber du bist immer so ein netter Kerl, wie du dich in Presserunden und Interviews gibst, du stellst das Wohl des Teams voran. Brauchst du in der Formel 1 etwas wie ein Arschloch-Gen, um hier erfolgreich zu sein?
Carlos Sainz: Ich glaube, du brauchst diese Einstellung zur richtigen Zeit. Nicht immer. Wir alle kommen in unserem Leben in solche Situationen. Auch ein Geschäftsmann muss ein bisschen egoistischer sein, ein bisschen mehr an sich selbst denken. Du musst deinen inneren Charakter zeigen, du musst deine innere Einstellung zeigen. Ich bin meiner Meinung nach ein zu guter Mensch gewesen. Aber in den vergangenen Jahren, den vergangenen Saisons bin ich durch schwierige Zeiten gegangen. Im Juniorprogramm, als sie mir Daniil [Kvyat] bei Toro Rosso vorgezogen haben. Jetzt ist er zurückgekommen und wir sind Teamkollegen. Dann haben sie sich für Max entschieden und ich musste durch eine schwierige Zeit gehen. Das hat aus mir einen stärkeren Charakter gemacht und darum bereue ich nichts in meiner ganzen Karriere. Es bildet einen Charakter in mir heran, den ich Stück für Stück zeige. Ich zeige dieses... Wie hast du es genannt? [lacht]

Das Arschloch-Gen...
Carlos Sainz: [lacht] Ich zeige dieses Arschloch-Gen Stück für Stück.

Aber würdest du zustimmen, wenn ich sage, dass ein Rennfahrer zu nett sein kann?
Carlos Sainz: Sollte er nicht. Ein Rennfahrer sollte auf jeden Fall eher ein bisschen Arschloch sein, als ein bisschen zu nett.

Boxen als perfekte Vorbereitung

Ich habe dich letztens bei der Rennvorbereitung gesehen. Du hast mit deinem Physiotherapeuten geboxt. Ist das eine physische Vorbereitung oder eine mentale?
Carlos Sainz: Das mache ich immer. Ich muss meinen Körper aufwärmen und auch mein Gehirn mit einigen Kombinationen. Dabei starte ich mein Gehirn, schwitze meinen Körper an und bereite mich darauf vor, was mich im Auto und im Rennen erwartet. Ein Tennisspieler, ein Fußballspieler, jeder Sportler wärmt sich vor einem Spiel auf. Es wäre dumm für einen professionellen Sportler wie mich, sich nicht aufzuwärmen. Boxen sehe ich da als die perfekte Vorbereitung an.

Du hast vorhin schon einmal angesprochen, dass sich das Blatt für dich in Spanien gewendet hat. Seitdem steht es 26 zu 2 zwischen dir und Daniil. Du hat eine richtige Serie gestartet. Wie erklärst du das?
Carlos Sainz: Ich glaube, das ist sehr einfach zu erklären. Diese kleinen Dinge haben aufgehört, gegen mich zu sein. Wie zum Beispiel, als beim Kanada Grand Prix in Montreal ein kleiner Teil des Frontflügels abgefallen ist und der Seitenkasten beschädigt wurde, als mir Daniil ins Auto gefahren ist. Dabei habe ich 100 PS und 30 Punkte Abtrieb verloren. Es sind diese kleinen Details in der Formel 1, die dir einfach immer wieder passieren. Und plötzlich hört es auf. Dann konnte ich allen zeigen, wozu ich fähig bin. Letztendlich bin ich ein glücklicher Mensch, der eine gute Zeit in der Formel 1 hat. Ich hoffe darauf, dass das niemals aufhört. Jetzt ist es wichtig, das Momentum aufrechtzuerhalten. Es gibt keine Erklärung dafür. Es ist ein Moment, in dem sich die Dinge ein bisschen mehr in deine Richtung entwickeln.

Diese kleinen Dinge haben aufgehört, gegen mich zu sein.
Carlos Sainz

Ist es das Pech, das plötzlich weg war, oder ist es auch die Atmosphäre, die sich seit dem Fahrerwechsel verbessert hat? Denn es gibt Gerüchte, wonach die Atmosphäre im Team nicht die beste gewesen sein soll...
Carlos Sainz: Die Atmosphäre war niemals schlecht. Das einzige war: Es gab eine große Rivalität. Aber das ist bei allen Teams so, die zwei starke Teamkollegen haben. Ich bin mir sicher, dass Max auch eine große Rivalität mit Daniel Ricciardo hat. Vielleicht hat es sich in unserem Team nach anderthalb Jahren etwas zu den Ingenieuren, überhallhin entwickelt. Diese große Rivalität wird aber immer existieren, wenn man zwei sehr gute Fahrer in einem Team hat. Ich bereue das nicht, ich habe es genossen. Es war auch für mich eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was ich gegen ihn ausrichten kann. Und ich würde es wieder machen.

Sainz vs. Verstappen

Malaysia 2015
Sainz lässt Verstappen auf frischeren Reifen gegen Rennende passieren. Die Toro-Rosso-Piloten fahren zu diesem Zeitpunkt auf Rang sieben und acht. Die Stallregie zahlt sich nicht aus, Sainz und Verstappen kommen auch auf diesen Plätzen ins Ziel - nur eben in umgekehrter Reihenfolge.
Fazit: Sainz der Nette und Dumme

Monaco 2015
Auch in Monaco gibt Sainz den Teamplayer. Auf einer Strecke, auf der Überholen quasi unmöglich ist, lässt er Verstappen vorbei, weil der auf weicheren Reifen unterwegs ist. Verstappens Vorwärtsdrang endet im Heck von Romain Grosjean und schließlich im Reifenstapel. Sainz wird Zehnter.
Fazit: Sainz der Nette

Singapur 2015:
Sainz hat gegen Rennende klar die besseren Reifen, hängt hinter Verstappen fest. Das Team gibt eine Teamorder aus, die Verstappen nicht befolgt. Verstappen und Sainz fahren auf P8 und P9 über die Linie. Anschließend beschwert sich Sainz über Verstappen, Teamchef Franz Tost hält die Teamorder rückblickend aber für einen Fehler.
Fazit: Verstappens Arschloch-Attitüde siegt

Australien 2016
Weil Sainz zum Reifenwechsel kommt, will Verstappen eine Runde später auch - eigenmächtig. Doch die Crew steht nicht bereit, durch einen verpatzten Boxenstopp verliert Verstappen die Position. Sichtbar schneller, hängt Verstappen hinter Sainz. Eine Stallregie gibt es diesmal nicht, Sainz verteidigt seine Position. Verstappen fährt auf, beschädigt seinen Flügel und dreht sich. Sainz wird Neunter, Verstappen Zehnter.
Fazit: Verstappen übertreibt es und fällt weich

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