Formel 1 / Interview

Exklusiv-Interview mit Max Verstappen:

Max Verstappen stand oft in der Kritik: Viele ärgerten sich über seinen Fahrstil. Ist er Wunderkind oder Bad Boy? Im Interview gibt er selbst die Antwort.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - In unserer Motorsport-Magazin Ausgabe 45 haben wir letztes Jahr getitelt: Max Verstappen Instinktfahrer. In Ausgabe 49 schrieben wir in diesem Jahr: Wunderkind oder Bad Boy? Was hat sich für dich zwischen diesen beiden Ausgaben geändert?
Max Verstappen: Eigentlich nicht viel. Ich bin noch immer die gleiche Person, die ich damals war. Ich habe nur ein gutes Auto gebraucht, um das Potential zeigen zu können.

Max Verstappen im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com-Redakteur Christian Menath - Foto: Sutton

Was schreiben wir dann in Ausgabe 54?
Max Verstappen: Wann kommt Ausgabe 54?

Im Mai 2017 etwa.
Max Verstappen: Okay, dann hatten wir schon ein paar Rennen... Dann wird der Titel: Kämpft Red Bull um die Weltmeisterschaft?

Kämpft Red Bull oder Max Verstappen um den Titel?
Max Verstappen: Ich würde sagen: Red Bull. Ich schließe mich dabei ein. [schmunzelt]

Seit Spa bist du der jüngste Pilot, der jemals aus der ersten Reihe in ein Rennen gegangen ist. Darauf angesprochen meintest du: Schön, aber du willst andere Rekorde brechen. Welche Rekorde?
Max Verstappen: Als Fahrer willst du immer Rennen und Weltmeisterschaften gewinnen. Das ist ziemlich klar. Es ist sehr schwierig, die 91 Siege von Michael zu schaffen. Sieben Weltmeistertitel ist auch sehr schwer. Man muss sich die Latte immer hoch legen. Egal ob du es dann erreichst oder nicht, du musst dich immer selbst pushen, um stets das Beste zu erreichen. Ob es dann für die sieben Weltmeistertitel reicht oder nicht? Man braucht auch ein bisschen Glück. Man muss für eine lange Zeit im richtigen Team sein. Ich will Rennen gewinnen, das ist mein Hauptziel. Wenn du viele Rennen gewinnst, dann kannst du um Weltmeistertitel kämpfen.

Ricciardo und Verstappen: Saisonrückblick auf dem Sofa: (29:09 Min.)

Im letzten Jahr haben wir dir dein Halbjahreszeugnis vorgelegt und sind es mit dir durchgegangen. Du hast damals zugestimmt. In diesem Jahr haben wir dir wieder eine 1 gegeben...
Max Verstappen: Okay, ja dem würde ich zustimmen.

Letztes Jahr hast du noch gesagt, du würdest bei einer 1 nicht unbedingt zustimmen, weil es etwas arrogant wirken würde.
Max Verstappen: Ja, das stimmt. Aber wenn du sagst, dass ich eine 1 habe, dann ist das gut.

Bei der Fehlerquote haben wir dir eine 3 gegeben. Hauptsächlich wegen Monaco.
Max Verstappen: Ich finde, es ist eine 2. Im Vergleich zum letzten Jahr fühle ich mich deutlich besser, was das angeht. Aber Monaco war natürlich kein großartiges Wochenende. Aber schlechte Wochenenden können passieren.

Konstanz: 2
Max Verstappen: Ja, das hört sich gut für mich an.

Bad Boy Max Verstappen: Strafe längst überfällig?: (02:10 Min.)

Entwicklung: 2
Max Verstappen: Ja. Ich denke, ich kann wieder glücklich mit diesen Noten sein. Normalerweise sollte man sich selbst nie eine 1 oder eine 10 geben, wie wir eben schon gesagt haben, aber es gibt immer Raum für Verbesserung.

Du hast gesagt, dich interessiert es nicht, was andere Leute über dich sagen. Glaubst du, diese Herangehensweise hat dir in der Formel 1 geholfen?
Max Verstappen: Es hilft dir dabei, dich zu entspannen und das Beste aus dir herauszuholen. Am Ende weiß ich, welchen Leuten ich zuhören muss und worauf ich mich fokussieren muss. Man hat immer Kritiker, auch wenn man Rennen gewinnt. Es gibt Leute, die kritisieren Lewis. Das ist okay, das gibt es immer im Sport.

Wir sind am Ende des Tages nicht hier, um Freunde zu finden.
Max Verstappen

Franz Tost hat dich im Interview als egoistisch beschrieben, hat aber im gleichen Atemzug gesagt, dass ein guter Rennfahrer egoistisch sein muss. Siehst du seine Aussage als Kompliment an?
Max Verstappen: Wenn er sagt, dass ein guter Formel-1-Fahrer so sein muss, dann ist es ein Kompliment.

Du hast keine Probleme, so gesehen zu werden?
Max Verstappen: Nein, weil ich einfach so bin. Ich bin schon seit der Go-Kart-Zeit so. Wir sind am Ende des Tages nicht hier, um Freunde zu finden. Wir sind hier, um zu kämpfen, um das bestmögliche Ergebnis zu holen. Man ist nicht hier, um am Ende als der nette Junge in Erinnerung zu bleiben, der angenehm ist und mit dem man gerne zu Abend isst, wenn man keine Ergebnisse hatte. Ich bevorzuge es, wegen guter Ergebnisse in Erinnerung zu bleiben.

Ich hatte vor ein paar Wochen in Spa zwei interessante Interviews. Eins vor dem Rennen mit Jacques Villeneuve, der dich immer kritisiert.
Max Verstappen: Das ist die Standard-Prozedur. [lacht]

Und das andere Interview war mit Dr. Helmut Marko, einem deiner größten Unterstützer. Das Interessante daran ist, dass dich beide mit Michael Schumacher verglichen haben. Einer auf gute Weise, einer auf schlechte Weise.
Max Verstappen: Dass er mich auf diese Weise mit Michael Schumacher vergleicht, liegt daran, weil er nicht mit ihm mithalten konnte.

Ich will nicht mit Michael Schumacher verglichen werden.
Max Verstappen

Aber was sagen diese Vergleiche über dich als Fahrer aus?
Max Verstappen: Ich will nicht mit Michael verglichen werden, weil es nicht möglich ist. Wir sind unterschiedlich. Ich bin Max, er ist Michael. Aber ich sehe es so: Wenn Leute über dich sprechen, ist es immer positiv. Auch wenn sie negativ über dich sprechen, ist es noch immer gut.

Was würdest du sagen, ist der größte Unterschied zwischen dir und Michael?
Max Verstappen: Ich glaube, es ist einfach unmöglich, so etwas zu vergleichen. Man kann auch nicht Michael mit Senna vergleichen. Sie sind unterschiedliche Menschen, sie haben eine unterschiedliche Mentalität. Auch wenn man sehr ähnlich ist, ist man noch sehr unterschiedlich. Ganz einfach, weil man unterschiedlich handelt. Das glaube ich zumindest. Man hat immer ein paar Gemeinsamkeiten, aber man ist nicht die gleiche Person.

Verstappen über Arroganz und harte Manöver

Und die Gemeinsamkeit ist?
Max Verstappen: Das ist schwierig für mich zu sagen. Da steht es... [deutet auf das Villeneuve-Interview und lacht]

[im Spaß] Also ist die Gemeinsamkeit, dass du arrogant und respektlos bist?
Max Verstappen: [blickt zur Pressebetreuerin] Bin ich arrogant?
Pressebetreuerin: Ich finde nicht.

Ich habe Jacques zu diesem Kommentar gefragt. Er meinte nur auf der Strecke, neben der Strecke kann und wolle er das nicht beurteilen.
Max Verstappen: Man braucht eine gewisse Herangehensweise an das Racing. Ich bin nicht "Mr Nice Guy" auf der Strecke. Vielleicht bist du dann arrogant. Ich kenne aber die genaue Interpretation von arrogant nicht.

Du hast letztes Jahr spektakuläre Überholmanöver gezeigt und insgesamt härteres Racing gefordert. In diesem Jahr zeigst du harte Manöver, um deine Position zu verteidigen. Ist das die gleiche Herangehensweise?
Max Verstappen: Ich glaube ja. Ich bevorzuge es, ein Rennen zu gewinnen, wenn ich richtig hart kämpfe. Ich gewinne ein Rennen lieber, wenn ich bis zur letzten Runde kämpfen muss als wenn ich 40 Sekunden Vorsprung habe. Das liegt in meiner Natur, richtig hart kämpfen zu wollen.

Beim Spanien GP 2016 stand Max Verstappen erstmals ganz oben auf dem Podest - Foto: Sutton

Wie schätzt du denn die Aktion von Nico Rosberg in Hockenheim ein? Hättest du ihn dafür bestraft?
Max Verstappen: Ich glaube, das ist eine andere Angelegenheit. Ich race immer sehr hart, aber fair. Ich gebe den Raum. Ich reagiere immer sehr spät, aber fahre dabei noch immer fair. Aber er hat mich einfach von der Strecke gedrängt. Bei ihm hat kein Reifen blockiert, er hätte locker einlenken können. Aber er ist einfach geradeaus gefahren. Er hat jemanden absichtlich von der Strecke gedrängt. Letztendlich haben sie ihm die Strafe gegeben, weil es schon das zweite Mal war, dass er das gemacht hat. Er hat es schon in Österreich gemacht, wodurch er das Rennen verloren hat. Und dann hat er es in Deutschland noch einmal gemacht. Das ist eine unterschiedliche Art Überholen und Verteidigen. Ich versuche nicht, jemanden absichtlich von der Strecke zu drängen.

Wie schätzt du deinen Zweikampf gegen Kimi in Spa rückblickend ein? Denn es gibt Aussagen von dir, wo du von Revanche für die erste Kurve sprichst. War es eine Revanche?
Max Verstappen: Ich war sehr enttäuscht darüber, was in der ersten Kurve passiert ist. Vor allem für alle Fans, die zur Strecke gepilgert sind. Sie haben ein großartiges Ergebnis erwartet, ich natürlich auch. Wenn das eigene Rennen dann nach 100 Metern zerstört wird... Aber danach hatte ich noch immer einen Kampf mit den Ferraris, weil sie auch zurückgefallen sind. Dann habe ich nur das gemacht, was ich immer mache. Und das war natürlich, hart aber fair zu verteidigen. Wenn es nicht fair gewesen wäre, hätte ich eine Strafe dafür bekommen.

MSM TV: Mad Max? Verstappen im Kreuzfeuer: (16:41 Min.)

Aber es war keine Revanche?
Max Verstappen: Nein, ich würde es nicht Revanche nennen.

Hast du die Schlagzeilen nachher gesehen?
Max Verstappen: Nein, weil ich auf Twitter keinem Formel-1-Zeug folge. Ich habe nur die Zeit mit meiner Familie und mit meiner kleinen Schwester genossen.

Erinnerst du dich noch daran? [Zeige MSM 49: Wunderkind oder Bad Boy]
Max Verstappen: Ja, da habe ich Bad Boy eingekreist [lacht]

Foto: Motorsport-Magazin.com

Würdest du noch immer Bad Boy einkreisen nachdem, was in Spa passiert ist und welche Kontroversen du damit ausgelöst hast?
Max Verstappen: Ja, ich würde noch immer Bad Boy einkreisen. Am Ende ist es mir egal, was ich bin, ob Wunderkind oder Bad Boy. Was ihr denkt, was ich bin, ist okay für mich.

Was Helmut Marko und Jacques Villeneuve über Verstappen sagen

Dr. Helmut Marko über...
...die Max Mania in Holland:
"Er fasziniert. Nicht nur durch seinen Speed und sein Talent, sondern auch, wie er auftritt, wie er sich als Person entwickelt. Die Holländer scheinen ein sehr begeisterungsfähiges Publikum zu sein. Aber es ist fein, dass es so etwas im Sport noch gibt. Und es wäre gut, wenn wir mehr solche Fahrer aus mehreren Nationen hätten, die solche Emotionen hervorrufen. Er muss sich aber aufs Rennfahren konzentrieren. Er muss Positionen einfahren."

Verstappens Erfolge sind auch die Erfolge von Helmut Marko - Foto: Sutton

...Verstappens Fahrweise in Spa: "Der schlechte Start beim Belgien GP war keineswegs seine Schuld, aber Verstappens Auto scheint auf die Ferraris wie ein rotes Tuch für einen Stier zu wirken. Er ist kein Kind von Traurigkeit, er fährt nicht einfach weg, wenn die Herren Vettel oder Räikkönen da kommen. Ich vergleiche das mit dem jungen Michael Schumacher: Ayrton Senna hat auch einen riesen Aufstand gemacht, weil der nicht sofort Platz gemacht hat. Aber das wird sich beruhigen und Verstappen wird seinen Weg gehen."

...Villeneuves Kritik, die FIA würde Verstappen beschützen: "So ein Blödsinn. Vielleicht sollte der liebe Herr Villeneuve wieder Rennen fahren, damit er etwas Vernünftiges macht."

Jacques Villeneuve über...
...den Rennfahrer Max Verstappen:
"Max bekommt eine Menge Aufmerksamkeit und hat viele Anhänger, das ist großartig. Er hat Persönlichkeit und sticht heraus. Und es macht einen Unterschied, ob er in der Formel 1 ist oder nicht. Zudem ist er schnell. Ich habe nur ein Problem: Mein Gefühl ist, dass die FIA ihn nicht bestrafen möchte, wenn er etwas Falsches tut. Er hat dieses Schutzschild über sich, was ihm erlaubt, so arrogant zu sein und den anderen nicht den nötigen Respekt zu zollen."

...die Parallelen zu Schumacher: "Er ist, wie Michael manchmal war. Aber er braucht nicht dreckig zu fahren, um zu gewinnen. Das ist das einzig Negative, das man zu ihm sagen kann. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen einem harten und einem dreckigen Zweikampf. In Ungarn war es beispielsweise dreckig und auch gefährlich. Er hatte einfach nur Glück, dass die FIA ihn nicht bestrafen will. Jeder andere Fahrer hätte dafür eine Strafe erhalten."

Jacques Villeneuve war 1997 Formel-1-Weltmeister - Foto: Sutton

...Verstappens Entwicklung: "Er ist auf dem richtigen Weg und seine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden sehen, wohin er sich entwickelt. Aber es kann immer noch schiefgehen. Er ist immer noch sehr jung und verändert sich stark. Er ist bei Red Bull jetzt in guten Händen. Sie mögen ihn und er arbeitet gut. Das sollte gut weiterlaufen, aber dann hängt es davon ab, was auf der Rennstrecke passiert. Wenn es zu mehr Situationen wie in Ungarn kommt und vor allem gegen wen es passiert. Der kritische Punkt wird, ob die FIA zu irgendeinem Zeitpunkt damit beginnt, gegen ihn Strafen auszusprechen oder nicht."

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