Formel 1

Talent-Check in der Formel 1

In der F1 fahren die Besten - nicht jeder allerdings im besten Auto. Wer hat es trotzdem drauf? Wer wird unterschätzt, wer überschätzt? Wir machen den Check.
von Christian Menath & Stephan Heublein

Sergio Perez

Wurde 2016 gelegentlich auf dem Podium gesehen: Force-India-Pilot Sergio Perez - Foto: Sutton

Der Mexikaner musste den harten Weg gehen - das sagt er auch selbst im Interview. Nach einem schwierigen Debüt-Jahr und einem starken zweiten Jahr bei Sauber ging er zu McLaren. Direkt nach der Verpflichtung schimpfte John Watson schon: "Sie haben immer versucht, die besten Fahrer einzustellen, die verfügbar waren. Es gab andere Optionen und um einige von ihnen hätte ich mich vermutlich bemüht." Die McLaren-Misere 2013 schob Watson fast allein auf Perez. Wer sich mit Perez' ehemaligem Teamchef Peter Mücke unterhält, der bekommt harten Tobak aufgetischt: Völlig unprofessionelle Herangehensweise, ein riesen Schlamper, der besoffen das Leihauto schrottete und in seiner Wohnung soll es ausgesehen haben wie auf einem Schlachtfeld.

Aber warum hat Sergio Perez einen so schlechten Ruf? Als Mexikaner hat er Carlos Slim und dessen Firmen hinter sich. Slim finanzierte Perez die gesamte Karriere. "Wahrscheinlich ist es etwas anderes, wenn dich Mercedes unterstützt, als wenn Carlos Slim hinter dir steht", glaubt Perez. Noch immer haftet der Stempel des Bezahlfahrers am Mexikaner wie der Stempel des ungekrönten Supertalents an Nico Hülkenberg. Doch während Sergio Perez in seiner Karriere bereits sieben Mal auf dem Podium stand, hat Hülkenberg noch keine einzige Formel-1-Trophäe.

Am Auto lag es jedenfalls nicht immer: Vier Podiumsplatzierungen holte Perez alleine in der gemeinsamen Zeit bei Force India. Bei Sauber warf ihn im ersten Jahr der heftige Unfall in Monaco aus der Bahn, im zweiten Jahr stellte er Teamkollege Kamui Kobayashi in den Schatten. Gegen Jenson Button zog er zwar punktemäßig den Kürzeren, gewann aber das Qualifying-Duell. Die Statistik zeigt, dass Perez kein schlechter Fahrer sein kann. Und der Trend ist positiv: Nachdem er das Teamduell 2014 gegen Hülkenberg noch deutlich verlor, fügte er Hülkenberg 2015 und 2016 dessen bislang einzige teaminterne Niederlagen zu. Der Mexikaner wird von Rennen zu Rennen reifer und umgänglicher. Weil er noch immer viel mexikanisches Geld mitbringt, wird Perez bis heute von vielen als Paydriver gesehen. Williams, Force India & Co. sind aber nicht nur wegen des Geldes Perez-Fans.

Fazit: Unterschätzt

Romain Grosjean

Romain Grosjean ist ein echtes Mysterium - Foto: Sutton

Romain Grosjean gibt der F1-Welt seit seinem Debüt Rätsel auf. Unerwarteter Einstieg als Neu-Teamkollege von Fernando Alonso bei Renault, Chaos-Phase mit Rennsperre und Horrorunfällen - und dann geläuterter Star, der bei Lotus selbst dem Iceman Kimi Räikkönen Feuer unterm Hintern machte. Aber reicht das? Die Siege fuhr dennoch der Finne ein. In einem schnellen Auto gut zu sein wird von einem Formel-1-Fahrer verlangt. Aber Grosjean scheint in schlechteren Fahrzeugen nicht über sich hinauswachsen zu können.

Stattdessen verfiel er ins Wehklagen à la Lotus 2014. Auch in dieser Saison meckerte Grosjean nach einem guten Saisonstart unverhältnismäßig oft über die Balance, die Bremsen, das Auto generell. Ist er also überschätzt? Oder doch verkannt? Irgendwie ist Grosjean alles in einem, von jedem ein bisschen etwas - und doch irgendwie nichts davon. Ein echtes Mysterium eben.

Fazit: Überschätzt

Daniil Kvyat

Daniil Kvyat wurde 2016 degradiert - Foto: Sutton

Der Red-Bull-Mann ist ein schwieriger Fall. Seine erste Formel-1-Saison beendete er deutlich hinter seinem Teamkollegen Jean-Eric Vergne. Trotzdem wurde er, als Sebastian Vettel seinen Wechsel von Red Bull zu Ferrari bekanntgab, innerhalb weniger Stunden zum Vettel-Nachfolger ernannt. Selten war Toro Rosso-Teamchef Franz Tost so traurig, ein Talent gehen lassen zu müssen. Kvyat gilt als extrem talentiert und verfügt über schier unglaubliche Reflexe. 2015 schlug er im Red Bull Teamkollege Daniel Ricciardo, der im Vorjahr noch Sebastian Vettel deutlich im Griff hatte.

2016 der große Absturz: Nach seinem Fehler beim Russland GP wurde er zurück zu Toro Rosso degradiert. Allerdings nicht, weil seine Leistungen so extrem schlecht gewesen wären - er holte zuvor in China noch ein Podium -, sondern weil Max Verstappen ins A-Team drängte. Einer musste Platz machen. Seit seiner Herabstufung tat sich Kvyat extrem schwer, sah gegen Carlos Sainz kaum Land. Die Unterstützung des sonst so harten Dr. Helmut Marko hat er aber noch: "Er braucht nur mal ein, zwei gute Rennen, damit sein Selbstvertrauen wieder zurückkommt." Mit Selbstvertrauen ist Kvyat Weltklasse.

Fazit: Unterschätzt

Valtteri Bottas

Welches Lenkrad hält Valtteri Bottas 2017? - Foto: Sutton

Mercedes, Ferrari - es gibt durchaus schlechtere Teams, mit denen man als Rennfahrer alle paar Monate in Verbindung gebracht werden könnte. Valtteri Bottas hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Ebenso wie er es gewohnt war, dass aus diesen Spekulationen nicht mehr wird. Bis zu dieser Saison: Nie war nach dem Rosberg-Rücktritt die Chance auf das absolute Spitzencockpit so real wie für die Saison 2017. Mercedes baggerte zuletzt hart an Bottas. Seine Ausbeute war dabei angesichts der Silberpfeil-Dominanz durchaus sehenswert: Neun Mal stand er auf dem Podium, am häufigsten im ersten Jahr der Power Unit-Ära 2014.

Zum großen Durchbruch, sei es ein Sieg oder regelmäßige Spitzenplatzierungen, hat es aber noch nicht gereicht. "Natürlich hätte ich gerne viel mehr erreicht", gesteht Bottas im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Aber ich bin glücklich, dass Williams mir die Möglichkeit gegeben hat, für sie Rennen zu fahren. Wir haben zusammen einige gute Ergebnisse erzielt. Aber sowohl das Team als auch ich möchten mehr. Die Zeit wird zeigen, ob uns das in Zukunft gelingt." Bei seinem Team zeigt die Formkurve seit der Saison 2014 aber eher stetig nach unten. Bottas muss nun der nächste Schritt gelingen - vielleicht ja 2017 im Mercedes - sonst droht ihm ähnlich wie Hülkenberg der Stempel des ewigen Talents.

Mit einer kleinen Umstellung in seinem Management hat der Finne 2016 versucht, selbst mehr Einfluss auf seine Karriere zu nehmen. "In meinem ersten Jahr als F1-Fahrer hätte ich das nicht gemacht", erklärt er. "Aber es ist nur eine kleine Veränderung, im Hintergrund gibt es immer noch Leute, die mir helfen. Ich stehe nicht plötzlich alleine da. Ich weiß jetzt mehr oder weniger, wie das System funktioniert. Es ist keine Raketenwissenschaft." Für Bottas bleibt zu hoffen, dass er damit Recht behält. Denn die Formel 1 hat ein kurzes Gedächtnis. Wer vor ein, zwei Jahren eine heiße Aktie auf dem Fahrermarkt war, kann sich heute davon nichts mehr kaufen.

Fazit: Überschätzt

Nico Hülkenberg

Nico Hülkenberg blieb auch 2016 ohne Podium - Foto: Sutton

Ex-Ziehsohn von Schumi-Manager Willi Weber, Dauerkandidat für ein frei werdendes Ferrari-Cockpit und mittlerweile sogar Sieger des legendären 24-Stundenrennens von Le Mans - Nico Hülkenberg gilt bei vielen Fahrerlager-Experten als eines der größten Talente im Starterfeld. Nur mit der Chance in einem Topauto hat es bislang noch nie geklappt. Bei genauerer Betrachtung scheint es dafür aber auch Gründe zu geben.

Ja, bis zum letzten Jahr hat Hülkenberg nie ein Teamduell verloren - aber auf dem Podium stand er im Gegensatz zu seinen Teamkollegen auch nie. Perez stand hingegen in jedem seiner F1-Jahre auf dem Podium - nur bei McLaren nicht. Klar, Glück spielt dabei eine gewisse Rolle. Aber manchmal muss man das Glück auch erzwingen. Wer die Chance verpasst, kann noch so schnell sein, er wird immer nur Dauerkandidat bleiben - aber nie selbst zur Hauptattraktion werden. Hulk im Ferrari? Das wird es wohl nie geben. Aber möglicherweise klappt es in der nächsten Saison endlich mit dem Podium, wenn sich Renault verbessert und Hülkenberg mal das Glück auf seiner Seite hat.

Fazit: Überschätzt

Kevin Magnussen

Kevin Magnussen will keine Eintagsfliege sein - Foto: Sutton

Ein guter Einstand kann zur Bürde werden. Davon kann Kevin Magnussen ein Liedchen singen. "Es war ganz sicher keine Eintagsfliege", versicherte uns Magnussen nach seinen ersten F1-Rennen mit McLaren 2014. "Ich werde garantiert wieder aufs Podium fahren." Gleich in seinem ersten Formel-1-Rennen in Australien stand er als Zweiter auf dem Podest. Die schnelllebige Paddock-Welt sah in ihm schon den nächsten Lewis Hamilton, einen Champion der Zukunft.

Auf den kometenhaften Einstieg folgte jedoch eine Flaute, die auch noch nach einem Jahr als Testfahrer und dem Neubeginn bei Renault anhält. Ein Schweizer Journalistenkollege sah in ihm und Jolyon Palmer sogar die schlechteste Fahrerpaarung der F1 2016. Dabei hatte es der Däne nicht leicht. Spötter würden sagen, dass der R.S.16 das schnellste gelbe Auto der F1 war - mehr aber auch nicht. Dass ein talentierter Fahrer aber auch aus einem schlechten Auto etwas herausholen kann, beweist Pascal Wehrlein bei Manor. Er ließ die Renaults ein ums andere Mal hinter sich. Vielleicht gelingt Magnussen ja 2017 im Haas eine starke Saison.

Fazit: Überschätzt

Pascal Wehrlein

Pascal Wehrlein sitzt derzeit zwischen den Stühlen - Foto: Sutton

'Totos Liebling' nennt Dr. Helmut Marko Pascal Wehrlein gerne. "Der Wehrlein ist kein Verstappen", fügt er gelegentlich noch an. Zwar krönte sich der Deutsche 2015 zum jüngsten DTM-Champion in der Geschichte, doch längst nicht alle sahen in ihm den verdienten Meister. Weil sich Mercedes früh auf einen Fahrer, auf Wehrlein, fokussierte, hatte er gegenüber den Audi- und BMW-Piloten einen Vorteil, so die Kritiker. Im Formel-1-Fahrerlager sind die Meinungen geteilt. Teamkollege Rio Haryanto hätte er klarer im Griff haben müssen, meinen einige. Der Indonesier genoss in der Formel 1 nicht den höchsten Stellenwert. Im Qualifying tat sich Wehrlein den Zahlen nach schwer gegen Haryanto. Doch die bloßen Fakten zeigen hier nur die halbe Wahrheit. Gelbe Flaggen, rote Flaggen und das verrückte Qualifikations-Format zu Beginn der Saison haben Wehrlein einige Sessions gekostet. Abflüge beim Qualifying in China und beim Rennen in Großbritannien waren Wind auf den Mühlen der Kritiker.

Doch im Rennen war Wehrleins Statistik lupenrein. Immer, wenn er ins Ziel kam, kam er vor seinem Teamkollegen an. Das Besondere daran: Meist konnte Wehrlein nicht nur Haryanto hinter sich lassen, sondern auch noch weitere Piloten. Wehrlein beendete die Rennen im Schnitt auf Platz 15,8. Haryanto kam durchschnittlich 2,5 Plätze weiter hinten an. Der Lohn: Ein Punkt beim Österreich GP. Der Zähler brachte Manor am Ende jedoch nicht die erhofften 40 Millionen Prämie, weil Sauber in Brasilien punktete. Zudem wurde ihm Esteban Ocon, zwischenzeitlich sein Teamkollege, von Force India für 2017 vorgezogen.

Dennoch hat Wehrlein nicht nur Kritiker, sondern auch Fans. Selbst außerhalb des Mercedes-Lagers. "Ich bin der Meinung, dass er einer der Besten von den Jungen ist, die da kommen", sagt Haas-Teamchef Günther Steiner. "Er ist in einer Liga mit Stoffel Vandoorne und Esteban Ocon. Ich hoffe, dass Pascal nächstes Jahr ein Cockpit in einem Auto bekommt, das etwas weiter vorne ist. Damit er zeigen kann, was er eigentlich wert ist." Auch wenn der Manor in diesem Jahr deutlich besser war, war er im Schnitt noch immer das schlechteste Auto im Feld. Immer dann, wenn doch etwas mehr möglich war, holte Wehrlein das Maximum heraus. Nach dem Rosberg-Rücktritt galt er als Mercedes-Junior als erster Anwärter auf das freie Cockpit. Doch zuletzt schien Bottas die Nase vorn zu haben.

Fazit: Unterschätzt

Carlos Sainz Junior

Nicht Carlos Sainz wurde ins Red-Bull-Cockpit befördert, sondern Max Verstappen - Foto: Red Bull

Er stand von Anfang an im Schatten von Max Verstappen. Schon beim Debüt waren alle Augen auf den Rekord-Niederländer gerichtet. Mit 20 Jahren war Sainz im Vergleich ein alter Haudegen. Mit 49 zu 18 Punkten verlor der Spanier den teaminternen Vergleich deutlich, doch der Sohn der WRC-Legende Carlos Sainz hatte schlichtweg viel Pech. Das Qualifying-Duell konnte er gegen Verstappen sogar gewinnen.

Als Red Bull Daniil Kvyat demontierte, erhielt Verstappen das Cockpit, nicht Sainz. Aus einem einfachen Grund: Verstappen hat auf und neben der Strecke den Killer-Instinkt. Auf der Strecke kämpft Verstappen mit allen Mitteln, geht dabei teilweise auch über das Limit hinaus. Teamorder bei Toro Rosso akzeptierte er nicht, Sainz spielte hingegen immer brav mit. Während Sainz einfach nur seiner Arbeit nachging, machten Verstappen Junior und Verstappen Senior Druck auf Red Bull. Abgesehen vom Killer-Instinkt fehlt es Sainz aber an nichts. Teamkollege Kvyat beherrscht er klar. Obwohl er ja zunächst im Red Bull saß, holte Kvyat insgesamt nur 25 Punkte - Sainz 46.

Fazit: Unterschätzt

Esteban Gutierrez

Esteban Gutierrez hatte 2016 viel Pech - Foto: Sutton

Eine größere Schlappe hätte es in der Rookie-Saison bei Sauber kaum geben können: Während Nico Hülkenberg 51 Punkte und Rang zehn holte, beendete Gutierrez das Jahr 2013 mit sechs Punkten auf Rang 16. In Saubers Horror-Saison 2014 holte er wie Teamkollege Adrian Sutil keine Punkte. Anschließend bekam er trotzdem einen Vertrag als Ersatz- und Testfahrer bei Ferrari. Nicht zufällig ist seitdem das Logo eines großen mexikanischen Telekommunikationskonzerns auf den Boliden der Scuderia zu sehen.

Die Ferrari-Mexiko-Verbindung brachte ihn 2016 schließlich mit Haas zurück in die Formel 1. Haas sollte für ihn das Sprungbrett zum Stammcockpit bei Ferrari werden. Während Teamkollege Romain Grosjean jedoch 29 Punkte sammelte, blieb Gutierrez' Punktekonto leer. Doch der Vergleich ist nicht fair, weil Gutierrez zu Beginn der Saison, als Haas die Big Points holte, extremes Technik-Pech hatte. Seitdem sein Auto lief, lief es aber bei Haas nicht mehr. Da fiel es kaum auf, dass er Grosjean oft schlug. Aber für einen Piloten, der Haas als Sprungbrett zu Ferrari nutzen wollte, war Gutierrez zu schlecht. Entsprechend steht er für 2017 noch ohne Cockpit da.

Fazit: Überschätzt


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