Das Ziel war klar. Um endlich das Maximum aus sich selbst herauszuholen, tat sich Maverick Vinales im vergangenen Spätjahr mit WM-Legende Jorge Lorenzo zusammen. Der dreimalige MotoGP-Weltmeister sollte ihm dabei helfen, das nächste Level zu erreichen. Nicht wenige - Fahrer und Fahrlehrer eingeschlossen - erwarteten (oder erhofften) sich daher, im Jahr 2026 den stärksten Vinales aller Zeiten zu Gesicht zu bekommen. Doch beim Saisonstart in Buriram war davon überhaupt nichts zu sehen, im Gegenteil.

Die Zahlen zum Thailand-GP? Sie lesen sich erschreckend aus Sicht von Maverick Vinales. Platz 17 im Qualifying, Platz 19 im Sprint, Platz 16 im Grand Prix. Als einziger KTM-Pilot verließ der 31-Jährige aus Figueres den Chang International Circuit bei Buriram ohne WM-Punkt - während Pedro Acosta auf dem identischen Motorrad den Sprint gewann, Platz zwei im Grand Prix einfuhr und sich damit zum ersten Mal in seiner Karriere der WM-Führung erfreuen darf. Wie konnte es zu dieser schallenden Ohrfeige für die Startnummer 12 kommen?

Plötzlich schwächster KTM-Pilot: Maverick Vinales verliert jeglichen Grip

Nun, zumindest am Fitnesslevel lag es nicht. Dass die schwere Schulterverletzung, die sich 'Top Gun' im Juli 2025 bei einem Highsider im Regen-Qualifying zum Deutschland-GP zugezogen hatte, auskuriert ist, hatte er schon Ende Januar rund um die Teampräsentation verkündet. "Ich fühle mich viel stärker. Die Tests im Red Bull Athlete Performance Center haben ergeben, dass meine Kraft nicht nur zurück ist, sondern sogar noch stärker ist als bei den Tests letztes Jahr, die ich damals vollkommen fit gemacht habe. Wir haben also wirklich gute Arbeit geleistet", erklärte er seinerzeit.

Der eigene Körper bremste Vinales in Buriram also schonmal nicht aus. Doch was war es dann? Eine echte Erklärung konnte der Tech3-Pilot nicht liefern. "Es fehlt mir extrem an Frontgrip. Ich komme nicht in die Kurven, gehe immer weit und bin auch in der Mitte der Kurve extrem langsam", rätselte er und beschrieb: "Wenn ich zweimal zum exakt gleichen Zeitpunkt bremse, stoppe ich einmal perfekt und das andere Mal landete ich fast im Kiesbett. Das ist wirklich bizarr und schwer zu verstehen. Ich habe es im Rennen nicht in einer Runde geschafft, innerhalb der weißen Linien [Streckenbegrenzung, Anm.] zu bleiben. Ich bin immer irgendwo weitgegangen. Ich habe am Vorderrad einfach keinen Halt, speziell in Schräglage."

Maverick Vinales fuhr in Buriram dem gesamten Feld hinterher, Foto: KTM Media
Maverick Vinales fuhr in Buriram dem gesamten Feld hinterher, Foto: KTM Media

Knapp acht Sekunden habe Vinales allein durch diese Verbremser verloren. Selbst dann fehlten auf Acosta aber noch knapp 23 Sekunden, elf auf Brad Binder und fünf auf die zweitschwächste KTM von Stallgefährte Enea Bastianini. Wie lässt sich dieser weiterhin immense Rückstand erklären? Erneut hatte Vinales keine wirkliche Antwort parat. "Vielleicht liegt es an der Reifenkarkasse, die sich auf das Motorrad auswirkt. Es ist wirklich schwer geworden, es zu fahren. Ich mache in jeder Runde zwei bis drei Fehler, während ich mich in Sepang noch sehr wohl auf dem Motorrad gefühlt habe", rätselte er bereits am Freitag. Das Problem: Diese spezielle, hitzebeständigere Karkasse von Michelin kam bereits beim Buriram-Test zum Einsatz und dort präsentierte sich der Spanier noch in besserer Form. "Ich habe im Vergleich zum Test eine Sekunde an Pace verloren", haderte er.

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Kein Vergleich zum Buriram-Test: Maverick Vinales deutlich langsamer

Tatsächlich war Vinales im Buriram-Test noch deutlich näher an seinen Markenkollegen dran. In den Sprint-Simulationen war er mit einem Schnitt von 1:30.6 sogar schnellster KTM-Pilot, knapp drei Zehntel besser als Acosta und in der Rennsimulation, die er aufgrund eines technischen Problems an seiner RC16 bereits nach 24 Runden (Renndistanz waren 26 Runden, Anm.) abbrechen musste, brachte der Spanier es immerhin noch auf einen von Ausreißern bereinigten Schnitt von 1:31.203 Minuten. Keine überragende Pace, war Marco Bezzecchi schon damals acht Zehntel pro Runde schneller, aber besser als Bastianini (1:31.4) und Binder (1:31.5) sowie deutlich besser als im tatsächlichen Grand Prix am vorletzten Sonntag. Während die Rennpace aller Piloten dort verglichen mit dem Test um rund eine halbe Sekunde langsamer war, kam Vinales im Schnitt nur noch auf 1:32.6 und war damit knapp anderthalb Sekunden langsamer als zuvor.

Wieso? Das ist die große Frage. "Im Test habe ich mich besser gefühlt. Während dem Rennwochenende wurde es aber von Tag zu Tag schlimmer", ärgerte sich der Tech3-Pilot und rätselte: "Ich weiß nicht, ob es war, weil die Strecke mehr Grip hatte und das Heck die Front dadurch mehr gepusht hat. Ich kann in den Daten jedenfalls deutlich sehen, dass [Acosta] viel mehr Frontgrip generieren konnte. Vielleicht liegt es an seiner Position auf dem Motorrad, ich weiß es nicht. Wir haben am Tag fünf verschiedene Setups durchprobiert, aber das Ergebnis war immer das gleiche. Ich hatte keinen Grip an der Front."

KTM-Boss vs. Maverick Vinales: Zu viele Experimente?

Doch liegt vielleicht genau hier das Problem? Zu viele Setup-Wechsel in zu kurzer Zeit? KTM-Motorsportchef Pit Beirer kritisierte im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com jedenfalls: "Pedro und sein Crewchief Paul Trevathan haben sehr genau in jene Richtung gearbeitet, die wir uns als Werk gewünscht haben. Sie haben umgesetzt, wie wir das Bike in puncto Setup und welche Teile wir als das beste Paket gesehen haben. Enea und Maverick sind ganz andere Wege gegangen. Maverick hat an den fünf Testtagen extrem viel Zeit verwendet, um sich zu entscheiden, ob der alte oder neue Sitz besser ist. Das neue Paket ist leichter und verfügt über eine völlig neue Massedämpfertechnologie. Wenn du dann fünf Tage lange vor und zurück testest, obwohl beim Test in Valencia im vergangenen November eigentlich alle Fahrer entschieden haben, dass der neue Sitz besser ist, dann verlierst du unglaublich viel Zeit. Pedro und Brad haben da schon lange am Rennsetup für Thailand gearbeitet und keine Grundlagenforschung betrieben. So jung ist unser Projekt jetzt nicht mehr, dass das nötig wäre."

Maverick Vinales verlor in Buriram speziell auf der Bremse viel Rundenzeit, Foto: KTM Media
Maverick Vinales verlor in Buriram speziell auf der Bremse viel Rundenzeit, Foto: KTM Media

"Ich glaube nicht, dass ich das Problem bin", wies Vinales diese Kritik jedoch entschieden zurück. "Ich arbeite wie immer und gebe mein Bestes, aber es geht nicht vorwärts. Ich habe eindeutig keinen Grip an der Front, das siehst du in den Daten." Auch Fahrlehrer Lorenzo könne das bezeugen: "Er war da und hat gesehen, dass ich nicht eine Kurve wie [Acosta] fahren konnte, obwohl ich die gleichen Bremspunkte verwendet habe. Das ist schwer zu verstehen."

Spannend wird nun zu sehen sein, wie es für Vinales in Brasilien (20. bis 22. März) weitergeht. Denn dort kommt nochmal die identische Reifenkarkasse wie in Buriram zum Einsatz. Der Tech3-Pilot selbst will ruhig bleiben und hofft auf die Trendwende: "Wir müssen dieses Wochenende einfach vergessen und versuchen, im nächsten wieder in die Spur zu kommen. Das sagt mir auch Jorge. Ich muss unbesorgt bleiben, das ist der einzige Weg." Der Druck auf 'Top Gun' steigt jedoch. Beirer macht unmissverständlich klar: "Mit Pedro haben wir jetzt eine echte Benchmark, an der man sieht, wie gut das Bike funktioniert."

Im Gegensatz zu Vinales erlebte Aprilia in Thailand ein bärenstarkes Wochenende. Vielleicht auch aufgrund eines alten Formel-1-Tricks? Markus klärt auf:

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