Vor dem MotoGP-Saisonstart in Buriram sprach die Königsklasse vom großen Duell Ducati gegen Aprilia. Nach Sieg im Sprint und Platz zwei im Grand Prix haben aber KTM und Pedro Acosta bei der Heimreise aus Thailand die WM-Führung im Gepäck. Erstmals seit dem MotoGP-Einstieg 2017 führt damit ein KTM-Fahrer die Weltmeisterschaft an. Ein Auftakt nach Maß also, den KTM-Motorsportchef Pit Beirer im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com ausführlich analysiert:
Pit, KTM hat Thailand als WM-Leader in der Fahrerwertung mit Pedro Acosta, als WM-Leader in der Teamwertung und in der Herstellerwertung als Ex-aequo-Leader mit Aprilia verlassen. Hättest du damit vor dem Rennwochenende gerechnet?
Pit Beirer: Nein, das wäre absurd gewesen. Buriram war im Vorjahr eine sehr schwierige Strecke für uns. Wir haben die Reifen weder im Sprint noch im Grand Prix wirklich über die Distanz gebracht. Für dieses Jahr haben wir da aber unsere Hausaufgaben gemacht. Wir waren uns schon sicher, dass wir uns in diesem Bereich wesentlich verbessert haben, wollten jetzt aber erstmal eine solide Leistung hinlegen - im Wissen, dass für uns viel bessere Strecken kommen werden als Buriram.
Macht das diese Erfolge noch wertvoller?
Pit Beirer: Ja, vor allem auch, weil wir nichts geschenkt bekommen haben. Natürlich kann man über die Strafe für Marc Marquez im Sprint reden, aber dass Pedro überhaupt in dieser Position war, hat er sich ja auch hart herausgefahren. Es war einfach eine extrem starke Performance.
Die Probleme mit dem Reifenverschleiß, die euch im Vorjahr immer wieder geplagt haben, scheinen Geschichte zu sein.
Pit Beirer: Michelin hat uns in ihrem abschließenden Report sogar zu unserem Reifenmanagement gratuliert. Demnach haben sowohl nach dem Sprint als auch dem Grand Prix unsere Reifen am besten ausgesehen. Uns sind da einige Dinge gelungen, die dem Motorrad wahnsinnig helfen. Das Turning war in der Vergangenheit immer Pedros größter Kritikpunkt. Jetzt kann er in den kurvigen Abschnitten plötzlich Marc Marquez angreifen. Wir haben ein Paket geschaffen, das mir sehr gut gefällt: Das Turning ist besser, der Grip ist besser, wir sind auf der Bremse brutal stark und haben weniger Reifenverschleiß als die Konkurrenz.
Stichwort Konkurrenz: Wie siehst du das Kräfteverhältnis an der Spitze?
Pit Beirer: Im Vergleich zu Ducati haben wir einen Schritt nach vorne gemacht. Vor Aprilia müssen wir den Hut ziehen. Sie haben auch wahnsinnige Fortschritte gemacht. Wir müssen jetzt aber an uns glauben: Pedro hat definitiv das Können, im Qualifying noch etwas mehr aus dem Motorrad herauskitzeln. Hätte er es in Thailand in die erste Reihe geschafft, wäre ihm Marco Bezzecchi sicher nicht davongefahren. Wir wollen aber nicht zu weit nach vorne denken. Das war jetzt einmal der Beweis, dass die Entscheidungen der letzten Wochen und Monate gefruchtet haben.
Du hast bereits angesprochen, dass das neue Motorrad in vielen Belangen sehr stark ist. Acosta hat aber den Topspeed etwas bemängelt - ein Bereich, in dem die KTM immer extrem gut war. Teilst du diese Einschätzung?
Pit Beirer: Naja, wir haben ganz bewusst für besseres Turning und auch zum Reifenkühlen ein bisschen Topspeed investiert. Wir haben jetzt aber noch Potenzial, um uns da wieder etwas zurückzuholen. Wo du in Sachen Topspeed stehst, weißt du wirklich erst nach dem ersten Rennen. Bei den Testfahrten ist das alles noch Spekulation. Wir können uns aktuell auf den Geraden relativ gut verteidigen, wir können auch total gut mitfahren, aber wir können nicht einfach auf der Geraden an unseren Gegnern vorbeifahren. In der Geschichte der MotoGP haben wir aber oft genug gesehen, dass du nur mit Topspeed in dieser Klasse gar nichts gewinnst. Würden wir jetzt noch vier km/h auf den Geraden finden, dann würden wir die Rennen ja kontrollieren. Du kannst nicht alles haben. Irgendwo musst du Kompromisse eingehen. Hier den richtigen Mittelweg zu finden, wird unsere nächste Aufgabe sein.
In Buriram kam der Michelin-Reifen für extreme Hitze zum Einsatz. Den werden wir 2026 nur noch bei den Grands Prix in Brasilien und Indonesien sehen. Wir wissen, dass dieser Reifen das Kräfteverhältnis stark beeinflussen kann. Macht ihr euch noch Sorgen, dass es mit den Standardreifen plötzlich wieder anders aussehen könnte?
Pit Beirer: Nein, weil wir in der Vergangenheit mit den Standardreifen immer unsere besten Rennen gefahren sind. Ich erwarte mir eigentlich sogar den gegenteiligen Effekt: Jeder bei KTM hat sich Sorgen gemacht, dass der Thailand-Grand-Prix schwierig wird. Aber da ist jetzt ein echter Ruck passiert. Nun geht es nach Brasilien auf eine neue Strecke. In solchen Situationen, in denen noch niemand Daten vorliegen hat und man alles neu erlernen muss, sind wir eigentlich immer sehr stark. Dementsprechend freue ich mich auf die nächsten Wochen. Am meisten Respekt hatte ich definitiv vor dem Saisonstart in Thailand.

Neben Pedro Acosta hatte auch Brad Binder ein gutes Wochenende mit Platz sechs im Sprint und Platz sieben im Grand Prix.
Pit Beirer: Ja, Brads Vorstellung war ordentlich. Er ist natürlich noch nicht ganz da, wo er sein will. Aber es war sicherlich ein Lichtblick. Er hat gesehen, dass für ihn etwas möglich ist.
Die Tech3-Fahrer waren hingegen eher enttäuschend. Enea Bastianini hat nur vier Punkte geholt, Maverick Vinales ist sogar völlig leer ausgegangen. Wie schätzt du ihre Leistungen ein?
Pit Beirer: Naja, nicht besonders gut. Pedro und sein Crewchief Paul Trevathan haben sehr genau in jene Richtung gearbeitet, die wir uns als Werk gewünscht haben. Sie haben umgesetzt, wie wir das Bike in puncto Setup und welche Teile wir als das beste Paket gesehen haben. Enea und Maverick sind ganz andere Wege gegangen. Maverick hat an den fünf Testtagen extrem viel Zeit verwendet, um sich zu entscheiden, ob der alte oder neue Sitz besser ist. So einen Sitz tauschst du nicht wie bei einem Mountainbike einfach mit einem Schnellverschluss aus. Der Fahrer sitzt bei den unterschiedlichen Varianten an einer ganz anderen Position. Das neue Paket ist leichter und verfügt über eine völlig neue Massedämpfertechnologie. Wenn du dann fünf Tage lange vor und zurück testest, obwohl beim Test in Valencia im vergangenen November eigentlich alle Fahrer entschieden haben, dass der neue Sitz besser ist, dann verlierst du unglaublich viel Zeit. Pedro und Brad haben da schon lange am Rennsetup für Thailand gearbeitet und keine Grundlagenforschung betrieben. So jung ist unser Projekt jetzt nicht mehr, dass das nötig wäre. Als Fahrer kriegst du Teile, fährst raus und entscheidest: A oder B. Dann kommt das nächste Teil: A oder B. Du darfst dich nicht lange im Kreis drehen.
Wie kommt man aus so einer Spirale heraus?
Pit Beirer: Mit Pedro haben wir jetzt eine echte Benchmark, an der man sieht, wie gut das Bike funktioniert. Da schielen die anderen Jungs automatisch rüber. Jetzt geht es darum, so schnell wie möglich alle Fahrer auf das gleiche Paket zu bekommen. Im Vorjahr haben uns dafür schlicht und ergreifend die Teile gefehlt. Dieses Jahr liegen sie bereit. Sie müssen nur verwendet werden.
An Marc Marquez' Ducati gab am Sonntag ein Bauteil nach. Ein Sprung über die Kerbs war bei der großen Hitze zu viel für die Felge am Hinterrad:



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