Es war schon lange überfällig, oder? Nach Jahren des Leids und des Elends hat sich Fabio Quartararo (endlich) dazu entschlossen, das sinkende Schiff namens Yamaha zu verlassen. Dreieinhalb Jahre ohne MotoGP-Sieg waren des Guten dann doch zu viel. Eindeutig zu viel. 'El Diablo' beginnt im kommenden Jahr ein neues Kapitel bei Honda und die Chancen stehen gut, dass er mit den hochmotivierten Japanern aus Asaka bald wieder dort kämpfen wird, wo er hingehört: An der MotoGP-Spitze. Genau darauf hofft auch sein Nachfolger, aber die Realität sieht vermutlich anders aus. Jorge Martin hat vielleicht damit begonnen, sich sein eigenes Karrieregrab zu schaufeln.

Rückschlag um Rückschlag: Jorge Martin schlug früher immer zurück

Ich mochte Martin eigentlich schon immer. Weil er ein Kämpfer ist. Einer, der nie aufgibt und immer wieder aufsteht. Egal, wie oft er hinfällt. Das tat der 'Martinator' schon in jungen Jahren, als er sich ohne wohlhabende Eltern oder finanzkräftige Sponsoren nur mit Talent und Leistung auf der Karriereleiter nach oben boxen musste. Von Rennen zu Rennen, von Klassen zu Klasse. Und das endete auch nicht, als er endlich in der ganz großen Liga angekommen war.

Mit einer Pole Position und einem Podium in seinem erst zweiten Grand Prix als MotoGP-Pilot eroberte Martin im Frühling 2021 schnell die Herzen vieler Fans. Doch dann der große Schock: Nur 15 Tage später verletzte er sich bei einem Sturz im FP3 zum Portugal-GP schwer, lag mit zahlreichen Knochenbrüchen mehrere Tage im Krankenhaus. Jeder Normalstrebliche, mich eingeschlossen, hätte sich danach wohl nie wieder auf ein Motorrad gesetzt. Von einem 300-PS-Monster ganz zu schweigen. Aber Martin war und ist eben kein Normalsterblicher.

Er ließ sich nicht unterkriegen, kam schnell zurück und bejubelte keine vier Monate später seinen ersten MotoGP-Sieg. Zwei Jahre später war Martin dann erstmals Teil eines WM-Kampfs, den er auf dramatische Art und Weise verlieren sollte. Ein defekter Hinterreifen in Katar, eine Kollision mit Landsmann Marc Marquez in Valencia. Es wäre wahrlich nicht das erste Mal, dass ein Sportler an solch prägenden Ereignissen zu Bruch gegangen wäre. Nicht aber Martin. Er kam gestärkt zurück und holte sich, was ihm zwölf Monate zuvor durch die Hände geglitten war. Und das, obwohl er auch 2024 gewiss nicht fehlerfrei unterwegs war - im Gegenteil. Aber der damalige Pramac-Pilot schlug eben jedes Mal noch stärker zurück.

2024 wurde Jorge Martin verdient MotoGP-Weltmeister, Foto: IMAGO / PsnewZ
2024 wurde Jorge Martin verdient MotoGP-Weltmeister, Foto: IMAGO / PsnewZ

Jorge Martin bei Aprilia: Nur eine Partei kämpfte bis zum Ende

Deswegen hätte ich auch nie gedacht, dass der Wechsel zu Aprilia die falsche Entscheidung sein könnte. Martin würde auch dort aufblühen, da war ich mir sicher. Aber die letzten zwölf Monate haben uns eines Besseren belehrt - und mein persönliches Bild des 28-Jährigen aus Madrid stark verändert. Um das gleich einmal klarzustellen: Ich will mir hier keinesfalls anmaßen zu verstehen, wie sich Martin speziell Mitte April 2025 nach dem Katar-Grand-Prix fühlte. Nach der dritten schweren Verletzung binnen weniger Wochen, die ihn - wie uns eine MotoGP-Dokumentation vor wenigen Wochen offenbarte - sogar kurzzeitig um sein Leben fürchten ließ. Da kann es natürlich sein, dass der einzige Ausweg aus diesem Albtraum der Vertragsbruch samt Wechsel zu einem anderen Hersteller erscheint. Das ist okay, das kann man verstehen. Nicht aber, was seither noch alles passierte.

Eine öffentliche Entschuldigung beim Comeback in Brünn wäre eigentlich das Mindeste gewesen, offenbar aber zu viel verlangt. Das Aprilia-Team spielte trotzdem den Gentleman und reichte Martin weiterhin die Hand - sogar mit Erfolg. Starke Auftritte in Tschechien und speziell Ungarn ließen im Spätsommer berechtigte Hoffnungen aufkommen, dass das mit Martin und Aprilia doch noch funktionieren könnte. Spätestens der nächste folgenschwere Sturz im Motegi-Sprint beendete diese Träumerei aber schnell wieder.

Was ich mir jetzt erwünscht hätte? Ein weiteres Aufstemmen, ein weiteres Aufbäumen. So, wie es der alte Martin eben immer getan hat. Aber diesen Martin scheint es nicht mehr zu geben. Aprilia wäre bereit gewesen, ein weiteres Mal Seite an Seite mit der Nummer 89 in den Ring zu steigen. Nicht umsonst half man Martin dabei, während der Winterpause zwei weitere Operationen zu verheimlichen und gab ihm auch jetzt wieder all die nötige Zeit zur bestmöglichen Erholung - selbst, als das einen erneuten Ausfall im so wichtigen Sepang-Test zur Folge hatte. Und was ist der Dank? Martins Flucht zum frühestmöglichen Zeitpunkt.

Quartararo und Martin sorgen für MotoGP-Transferwahnsinn (07:35 Min.)

Letzte Ausfahrt Yamaha: Martins MotoGP-Karriere steht auf dem Spiel!

Ich könnte seinen Wechsel ja noch nachvollziehen, wenn es wie ursprünglich einmal angedacht zu Honda gehen würde. In Asaka drängt man mit aller Kraft zurück an die MotoGP-Spitze und hat inzwischen so viel Momentum angesammelt, dass im Grunde keiner mehr an einem konkurrenzfähigen 2027er-Motorrad zweifelt. Aber die Reise Martins geht eben zu Yamaha. Er wechselt, nur 15 Monate nach seinem WM-Gewinn, freiwillig vom - zumindest Stand jetzt - potenziell besten Motorrad im Feld auf das klar schlechteste. Und anders als bei Honda gibt es bei Yamaha aktuell nur wenig Grund zu glauben, dass sich 2027 ernsthaft etwas daran ändern könnte. Wenn es schlecht läuft, fährt der Weltmeister von 2024 also bald um die letzten Plätze - weil er sich selbst verraten oder vergessen hat.

Ich hoffe wirklich, dass Martin weiß, was er aktuell tut. Denn der Yamaha-Wechsel muss jetzt aufgehen, eine Alternative gibt es nicht mehr. Ducati und Honda brauchen ihn nicht mehr, KTM und Aprilia wollen ihn nicht mehr. Verscherzt er es sich auch mit Yamaha, sind alle Türen in der Königsklasse zu. Dann würde eine einst so vielversprechende Karriere mit einem ganz faden Beigeschmack und viel zu früh zu Ende gehen. Und selbst, wenn es sich Martin mit den Japanern nicht verscherzt, bleibt immer noch die Frage, ob er mit einem strauchelnden Yamaha je die Erfolge einfahren können wird, die er vielleicht mit Aprilia hätte holen können, wenn er nochmal gekämpft und ihnen zumindest in den ersten Saisonrennen 2026 eine weitere Chance gegeben hätte. Ich hoffe ja, fürchte aber nein. Es könnte der Anfang vom Ende des 'Martinators' sein.

Unabhängig von der Causa Martin bleibt es in den kommenden Tagen und Wochen hochspannend auf dem MotoGP-Transfermarkt. Welche Dominosteine als Nächstes fallen könnten? Wir verraten es euch: