Der Weg zum ersten Ferrari-Sieg von Lewis Hamilton war einfacher als gedacht, als in Runde 40 bei der Formel 1 in Spanien ein defekter Fernando Alonso für ein Virtuelles Safety Car sorgte und Hamilton einen billigen Boxenstopp schenkte. Aber in den Runden davor war die Spannung dank eines Zeitenfeuerwerks ins Unermessliche gestiegen. Was wäre passiert, wenn keine VSC-Hilfe gekommen wäre?

Ohne Zweifel ist einmal, dass Ferraris Griff in die Dreistopp-Trickkiste in der Hitze von Barcelona goldrichtig war. Von Platz zwei startend brachte sich Hamilton schon am Grid mit Soft-Reifen in Stellung. Wenngleich der Soft kein hundertprozentiger Indikator war. Schien man bei der Konkurrenz jedenfalls zu glauben.

Alle Boxenstopps und Reifen bei der Formel 1 in Barcelona
Alle Reifen und Strategien bei der Formel 1 in Barcelona, Foto: Pirelli Sport

Auch ein sehr früher Stopp in Runde 11 - dem frühestmöglichen Moment, um vor dem Mittelfeld-Verkehr zu bleiben - ließ die Strategen von Mercedes und McLaren nicht von ihrem Zweistopp-Plan abrücken. Da die Top-4 in den ersten Stopps von Runde 11 bis 14 auf Hard wechselten, schien die landläufige Strategie-Meinung Hard-Hard bis ins Ziel zu sein. So blieb die Reihung vom Start bis zur 27. Runde mit George Russell vor Hamilton, Kimi Antonelli und Lando Norris eingefroren.

Ferrari setzt auf drei Stopps & Lewis Hamilton ist zu schnell

Diese vier waren in Runde 27 längst die einzigen relevanten Fahrer, als Ferrari Hamilton zum zweiten Stopp holte. So früh - und auch noch zum Wechsel auf Medium - war das eine unmissverständliche Bestätigung, dass man noch einen dritten Stopp plante. Für Mercedes aber war es plötzlich schwierig, locker auf die gleiche Strategie umzuschwenken.

Die vier Spitzenfahrer waren alle mit nur einem Medium-Satz ins Rennen gegangen. Russell, Antonelli und Norris hatten ihn für den Start-Stint genutzt. Während Hamilton dank seines Soft-Starts das Rennen mit Hard-Medium-Hard beenden konnte, hätten die anderen drei irgendwo den nicht besonders attraktiven Soft aufziehen müssen.

Hamilton-Sensation & Antonelli-Drama! WM-Kampf jetzt offen? (10:05 Min.)

Für Mercedes kam noch hinzu, dass ein Abdecken nur mit Russell Sinn machte. Gut, rein aus Team-Perspektive hätte es Sinn gemacht, mit Russell auf drei Stopps umzuschwenken und gegen Hamilton zu verteidigen und Antonelli draußen zu lassen, um gegen einen zweistoppenden Norris zu verteidigen. Aber da sich die beiden im direkten WM-Kampf befinden, wäre das eine potenziell fatale Entscheidung. Erst recht, wenn man davon ausgeht, dass der Dreistopper zu dem Zeitpunkt die suboptimale Strategie ist. Man könnte Antonelli damit den Sieg schenken.

Mercedes beließ es bei Zweistopp und fokussierte sich weiter auf Norris, während Hamilton auf dem neuen Medium sofort massiv schneller fuhr. Logischerweise - ein Zusatz-Stopp reduziert das Reifen-Management. Man gewinnt, indem man die gut 22 Sekunden des zusätzlichen Stopps durch das reduzierte Reifenschonen auf der Strecke wieder reinfährt.

Trotzdem ist die Aufgabe bei so hohem Abbau wie in Barcelona delikat. Max Verstappen scheiterte vor einem Jahr daran. Hamilton aber konnte die Pace konstant halten. Als Russell, Antonelli und Norris stoppten, hatte er bereits 16 Sekunden herausgefahren. Das reichte ihm, um beim VSC schließlich in Runde 41 zu stoppen, vorn zu bleiben und dank frischerer Reifen dem ersten Ferrari-Sieg locker entgegenzufahren.

Russell hat keine Antwort auf Hamilton - und wird zum Mercedes-Problem

Was also wäre ohne dem VSC passiert? Dank eines Funkspruchs an Hamilton wissen wir, dass der Plan von Ferrari war, nach Runde 46 zum dritten Mal zu stoppen. Das macht 10 Runden zwischen Russells letztem Stopp und Hamiltons letztem Stopp. In diesen Runden gewinnen die Zweistopper dank zwischenzeitlich besserer Reifen Zeit zurück. Aber nicht so viel, weil sie diese Reifen in Summe 10 Runden länger am Leben halten und daher schonen müssen.

Wie viel Hamilton wieder verliert, ist keine exakte Wissenschaft. Hamiltons Pace-Abbau im Medium-Stint betrug im Schnitt eine Zehntel pro Runde. Nimmt man diesen Wert her, so wäre er in Runde 47 nach seinem letzten Stopp etwa 14 Sekunden hinter Russell herausgekommen, und 11 hinter Norris. Mit dem immensen Vorteil, dass seine Reifen nicht einmal mehr 20 Runden halten mussten.

So zeichnet sich schnell ein klares Bild ab. Selbst wenn man Hamiltons reale Pace nach dem Virtuellen Safety Car ab Runde 42 um fünf Runden nach hinten verschiebt, geht es sehr schnell. In Runde 54 wäre er am Heck von Norris, im Schnitt 1,5 Sekunden pro Runde schneller. Das sollte ein ausreichender Vorteil für ein Überholmanöver sein.

Und dann wäre Hamilton schon direkt hinter einem Mercedes. Bei noch 11 zu fahrenden Runden. Mit 10 Runden frischeren Reifen. Unabhängig davon, dass Hamiltons Pace in dieser Theorie sogar noch schneller sein müsste, weil er seine Reifen 6 Runden weniger weit bringen muss als in seinem realen letzten Stint.

Was hätte Mercedes in Barcelona im Ausnahmezustand getan?

Was genau dann passiert, hängt zwingend davon ab, was in dieser strategischen Extremsituation von Toto Wolff entschieden worden wäre. Denn George Russell war ab dem ersten Stopp in Barcelona nie mehr schnell genug, um Hamilton zu fordern. Am Ende beider Hard-Stints wurde er von Antonelli gehörig unter Druck gesetzt, und im echten Rennen 5 Runden vor Schluss nach Pace auf der Strecke überholt.

Wolff folgerte nach dem Rennen, dass zu viel Zeit verloren ging, "weil wir sie fighten haben lassen. Ohne dem gewinnen wir ohne den Ausfall das Rennen." Das ist noch eine diplomatische Ansicht. Die weniger polierte Version: Man hätte Antonelli rechtzeitig per Teamorder an Russell vorbeilotsen müssen, um die Sieg-Chance zu wahren.

Antonelli hatte nach dem ersten Stopp innerhalb von 14 Runden eine acht Sekunden große Lücke zu Russell zugefahren und war ab da nie wieder mehr als zwei Sekunden weg. Das impliziert einen Pace-Vorteil irgendwo bei einer halben Sekunde pro Runde, aber damit begibt man sich schon auf sehr dünnes Eis mit sehr wenig Daten, nachdem Antonelli in der Realität ein halbes Rennen in Russells Dirty Air verbrachte.

Hätte Antonelli wirklich konstant eine halbe Sekunde schneller gekonnt als Russell, hätte das in einem Showdown zwischen Hamilton und Antonelli in den letzten fünf Runden gipfeln können. Sofern Russell eine Teamorder beachtet hätte. Mercedes hätte ihn alternativ auch nonchalant per Undercut für Antonelli beim zweiten Stopp ausbremsen können. Dagegen hätte sich Russell nicht einmal wehren können. Aber letztendlich ist diese Theorie ohnehin nichtig, da Antonellis Power Unit in Runde 62 vorzeitig einpackte.

Hamiltons großartiges Rennen wurde auch im Fahrer-Ranking von Motorsport-Magazin.com entsprechend belohnt. Alle Noten von Redaktion und von den Lesern gibt es hier: