McLaren stand beim Formel-1-Rennen in Ungarn vor einer unbequemen Entscheidung. Als Oscar Piastri in Runde 33 zum Boxenstopp kam, hatte Lando Norris zum ersten Mal freie Fahrt – und zeigte, dass er mehr Pace hatte als sein Teamkollege. Alles sah danach aus, als würden es zum direkten Duell zwischen den beiden kommen. McLaren musste wählen: Piastri aus Fairness vorne behalten oder Norris per Teamorder vorbeilassen, um den Sieg gegen einen schnellen Lewis Hamilton und gefährlichen Kimi Antonelli abzusichern?
McLaren konnte bei dieser Entscheidung eigentlich nur verlieren, denn beide Optionen hätten die Wut der jeweiligen Fanbase mit sich gezogen. Zu ihrem Glück wurde ihnen die Entscheidung von Carlos Sainz abgenommen. Ein Getriebeschaden bei Piastri beendete dann jede Diskussion. Aber was wäre, wenn die Kollision beim Überrunden nicht passiert und es richtig knapp zwischen den beiden ehemaligen WM-Kontrahenten geworden wäre? Hätte das Team die berühmt-berüchtigten Papaya Rules abstauben müssen?
"Die Situation bei McLaren ist glasklar: Lando ist schneller als Oscar. Jetzt, hier und heute", bewertet Experte Christian Danner im AvD Motorsport-Magazin. Während die beiden Papaya-Piloten zu Beginn der Saison noch auf Augenhöhe waren – auch bedingt durch Norris' zahlreiche technische Defekte –, ist Piastri seit dem Beginn der Europa-Saison nur selten der Schnellere. In Ungarn kam er nach einem verpassten ersten Training nie in den Rhythmus. Dennoch hatte er sich die Rennführung verdient.
Danners Plan: Das hätte McLaren in der Notsituation machen sollen
Norris startete von der Pole Position, Piastri von P3. Nachdem sich Charles Leclerc auf Platz zwei mit einem schlechten Start selbst aus dem Rennen um die Führungsposition nahm, ging der amtierende Weltmeister in Kurve zwei zu weit. Piastri nutzte die Chance und schlüpfte durch. Im ersten Stint hatte der Australier seinen Teamkollegen unter Kontrolle, auf dem überholarmen Hungaroring konnte Norris nie angreifen.
Für Danner war da noch kein Eingreifen von McLaren nötig: "Wir sind hier nicht bei einer Prozessionsfahrt, sondern wir betreiben Motorsport. Es gehört dazu, dass derjenige, der hinterherfährt, auf den Fehler des Vordermanns wartet und dann eiskalt zuschlägt." Dass Piastri dann ein Unglück nach dem anderen widerfuhr und dadurch der Overcut von Norris aufging, gehört für den Experten zum Renngeschehen dazu.
Wäre Piastris Rennen aber reibungslos verlaufen, hat Danner keine Zweifel, dass McLaren sich dennoch für Norris entschieden hätte: "Wenn Gefahr im Verzug gewesen wäre, hätte man gesagt: 'Positionen tauschen und schau einmal, dass du wegkommst. Wenn du nicht wegkommst, dann tauschen wir wieder.' Es ist nicht so, dass McLaren dieses Szenario nicht im Portfolio hat und nicht benutzen würde. Aber so weit kam es nicht."
Papaya Rules zurück? Danner: Bisher prima gelöst!
Wie McLaren die reale Situation in Ungarn handhabte, war für den Experten absolut in Ordnung. Im zweiten Stint hatte Norris öfter am Funk betont, dass er schneller als Piastri ist und nach einem früheren Reifenwechsel und damit einem Undercut gefragt. Das Team blieb seinem Kodex aber treu: Piastri bekam als führender Fahrer den früheren und damit besseren Stopp.
Die in Verruf geratenen Papaya Rules, die eigentlich nur beinhalten, dass die zwei Fahrer sich nicht gegenseitig abschießen, kamen nicht zum Einsatz. Doch das könnte sich im Verlauf der Saison noch ändern, so Danner: "Mit besser werdendem Auto, das wir in Ungarn klar gesehen haben, wird auch die Fahrersituation wieder ein Thema. McLaren hat das bisher in dieser Saison aber prima gelöst."
Danner: So kann Oscar Piastri seine Probleme lösen
Ob es für McLaren und Norris für die Titelverteidigung reicht, erst zur Sommerpause wieder wettbewerbsfähig zu werden, sei dahingestellt. Auch, ob sie die Ungarn-Form auf anderen Rennstrecken beibehalten können. Piastri hat bis zum Rennen in Zandvoort erst einmal eine Aufgabe: seine Form wiederfinden. "Er hat dieses Jahr Probleme, weil er das, was er hat, noch nicht so umsetzen kann, wie das eigentlich möglich wäre", analysiert der Experte. "Manchmal steht man an und weiß nicht so recht, woran es hakt."
Piastris Situation erinnert Danner an die von George Russell und Charles Leclerc. Sowohl der Mercedes- als auch der Ferrari-Pilot haben 2026 große Probleme mit der Umsetzung der neuen Fahrzeuggeneration – im Gegensatz zu ihren Teamkollegen. Aber sowohl Russell als auch Leclerc haben sich mit intensiver Datenanalyse aus ihren Dilemmas befreit. Zumindest teilweise.
"Es ist dem Fahrer und dem Team überlassen, das in Kleinarbeit, Sekündchen für Sekündchen, durchzugehen und aufzuarbeiten", weiß der ehemalige Formel-1-Fahrer. "Die ganzen Daten bis ins kleinste Detail zu analysieren. 'Was mache ich wo? Was macht der wie? Wo sind die Temperaturen bei mir? Wo sind sie beim Gegner?' In einer Art und Weise muss Oscar das Russell-Modell über die Sommerferien über sich ergehen lassen."
Obwohl Russells Probleme eigentlich behoben sein sollen, konnte er in Ungarn nicht mit Kimi Antonelli mithalten. Darum war er für die MSM-Redaktion ein Flop. Wer noch auf der Liste der schlechtesten Fahrer in Budapest steht und wer die besten Piloten waren, könnt ihr euch in unserem Talk ansehen:



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