Die vierte Kerze brennt auf dem Adventskranz. Eine für jeden Aprilia-Sieg in der MotoGP-Saison 2025? Damit konnte nach dem Verletzungsdrama um Jorge Martin wohl niemand rechnen. Im Jahreszeugnis von Motorsport-Magazin.com verdient sich Noale großes Lob. Sie haben sich durch große Turbulenzen zum Ducati-Herausforderer navigiert.
Aprilias MotoGP-Aufstieg 2025: Neu sortiert und vom Drama gestählt
Zu Beginn der Saison sprach fast nichts dafür, dass Rennsport-Chef Massimo Rivola die erfolgreichste Saison in Aprilias MotoGP-Geschichte bejubeln würde. Die Euphorie der Verpflichtung von Weltmeister Jorge Martin war nach nur 14 Runden Test in Sepang mit dem ersten Knall der folgenden Verletzungssaga verschwunden. Der von KTM neu verpflichtete Technische Direktor Fabiano Sterlacchini musste sich in unbekanntem Umfeld erstmal einarbeiten und die RS-GP des Jahrgangs 2025 erwies sich als schwierig abzustimmendes Motorrad, besonders für das Qualifying. Als wäre das alles nicht genug, sorgte Martin auch noch mit einem Vertragsstreit für Aufsehen.

Denkbar schlecht war also die Ausgangslage, doch Noale hat all diese Prüfungen mit Bravour bestanden. Rivola vertraute seinen neu verpflichteten Leuten, verfiel nie in Panik, und wurde letztlich dafür belohnt. Fahrer und Team arbeiteten mit der Zeit immer besser zusammen. Das Motorrad entwickelte sich zum Allrounder und zu einem echten Ducati-Jäger. Dazu wurde Martins Vertrags-Aufstand mit Entschlossenheit erstickt. 418 Punkte in der Konstrukteurswertung, 4 Siege, 11 Podestplätze und 5 Pole-Positions waren allesamt neue Bestwerte für Aprilia. In jeglicher Hinsicht geht das kleinste Werk des Feldes gestärkt aus dem Jahr 2025 hervor. Großen Anteil daran hatten die Fahrer, von denen drei eigentlich im Schatten von Martin stehen sollten. Blicken wir nun auf ihre Saison.
Marco Bezzecchi: Der Nebendarsteller wird zum Anführer
Wenn ein Hersteller den amtierenden Weltmeister verpflichtet, dann geht es ein wenig unter, wenn der Teamkollege ebenfalls neu zum Werksteam stößt. Außerdem hatte Marco Bezzecchi 2024 als schlechtester aller Ducati-Piloten in der Gesamtwertung nicht gerade für Furore sorgen können. Welche Wirkung der Wechsel zu Aprilia entfalten sollte, war nicht abzusehen. Denn zu Beginn des Jahres 2025 ging da auch noch nicht viel zusammen. 'Bezz' kam vor allem im Qualifying nicht zurecht und verbaute sich bereits am Samstagmorgen regelmäßig Chancen auf gute Resultate.

Doch der Italiener ließ nicht locker und nahm die harte Arbeit an, die durch Jorge Martins Abwesenheit nun allein auf seinen Schultern lag. Mit der Zeit (er selbst nennt den Test in Jerez als wichtigen Punkt) fuchste er sich hinein. Ohne jemals diesen Anspruch gestellt zu haben, wurde er durch Leistung und Arbeitsmoral zur Führungsfigur seiner Mannschaft. Mit dem Urknall des Sieges in Silverstone begann eine Erfolgsserie, die nach zahlreichen Podestplätzen mit zwei weiteren Triumphen zum Saisonende sein großartiges Jahr perfekt abrundete. Bezzecchi mauserte sich zum ersten Herausforderer der Marquez-Brüder und so ist es kein Wunder, dass Aprilia ihn gerne über 2026 hinaus halten möchte. Mehr dazu hier:
Jorge Martin: Der selbstverschuldete Fall des Weltmeisters
Das Jahr 2025 des Jorge Martin zusammenzufassen, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Der Titelverteidiger wollte es mit seinem Wechsel zu Aprilia allen zeigen und geriet in eine Horrorshow, die er selbst mitzuverantworten hatte. Nach einem folgenschweren Sturz beim Test in Sepang wollte der Spanier übermütig und schnell zurück auf das Motorrad. Ein Trainingsunfall vor Thailand hätte Warnung sein sollen, doch beim Comeback in Katar wiederholte sich das Muster.
Die Folgen des Katar-Debakels waren nicht nur körperlich. In dunklen Wochen im Krankenbett planten er und Manager Albert Valera auch noch einen Vertragsstreit mit Aprilia, um einen Wechsel zu Honda - und damit weg von der scheinbar verfluchten RS-GP - zu erzwingen. Wie auf der Strecke landete der 'Martinator' damit auf der Nase. Massimo Rivola hatte den längeren juristischen Atem und Martin musste zurückrudern, jedoch ohne sich zu entschuldigen.

Dennoch tat Aprilia weiterhin alles für den scheinbar bereits verlorenen Sohn. Eine Testmöglichkeit für Langzeitverletzte wurde auf ihren Druck ins Reglement aufgenommen. Martin selbst erkannte im Zuge seines erneuten Comebacks langsam die Chance, die das erstarkte Noale bietet. Einer grandiosen Fahrt in Ungarn folgte wenige Wochen später auch wieder ein ungestümer Fehler samt Schlüsselbeinbruch beim Start im Japan, als er ausgerechnet mit Teamkollege Bezzecchi kollidierte. Die fahrerische Klasse des Spaniers bleibt dennoch unbestritten. In der Saison 2026 steht er in der Pflicht, sich zusammenzureißen, denn mit mangelnder Unterstützung seitens Aprilia hat sein verlorenes Jahr 2025 definitiv nichts zu tun.
Raul Fernandez: Aprilias Vertrauen zahlt sich sehr spät aus
Machen wir uns nichts vor: Bei manch anderem Hersteller hätte Raul Fernandez kein viertes Jahr in der Königsklasse bekommen. Der Trackhouse-Pilot konnte seinem Status als Supertalent nie gerecht werden und zu Beginn der Saison 2025 fuhr ihm dann auch noch der Rookie-Teamkollege um die Ohren. Die Gerüchteküche beschäftigte sich trotz bestehendem Vertrag für 2026 längst mit seinem möglichen Nachfolger.
Ein halbes Jahr später ist das alles Schnee von gestern. Massimo Rivola und Teamchef Davide Brivio hielten dem Spanier stets die Stange, und haben damit recht behalten. Im Zuge des technischen Fortschritts der RS-GP schaffte auch Fernandez unter Anleitung von Fabio Sterlacchini eine Steigerung, die im letzten Saisonviertel zur Explosion wurde. Dem ersten Sprint-Podium in Indonesien ließ er den sensationellen Sieg in Phillip Island folgen. Sein zweiter Rang zum Finale in Valencia nach Schulterverletzung in Portimao war wohl sogar noch beeindruckender. Nach vier Jahren ist Raul Fernandez endlich richtig in der Königsklasse angekommen und eine Verstärkung für Aprilia.
Ai Ogura: Raketenstart versandet in Verletzungen
Moto2-Weltmeister Ai Ogura brauchte genau ein Rennwochenende, um alle Zweifel an seiner MotoGP-Tauglichkeit zu ersticken. Der unglaubliche Auftakt in Thailand mit den Plätzen vier und fünf in Sprint und Grand Prix war das beste Debüt seit langem. Auch in den folgenden Rennen zeigte der Japaner auf, obwohl er in Argentinien eine unverschuldete Disqualifikation hinnehmen musste.

Der Höhenflug währte aber nicht allzu lange. Mit einem Schienbeinbruch in Silverstone begann endgültig eine Krisenphase. Eine zweite Verletzung an der Hand folgte bei einem heftigen Abflug in Misano. Dies führte zum emotionalen Tiefpunkt, als er beim Heimrennen in Motegi nicht starten konnte. Mittlerweile hat Ogura auch Selbstzweifel zugegeben. Aus der Situation heraus sind diese wohl verständlich, entbehren aber ihrer Grundlage. Davide Brivio vertraut zurecht weiter voll auf sein Potential und in den letzten Rennen der Saison kamen bereits wieder bessere Ergebnisse. Verletzungsausfälle sind für einen Rookie mit mangelndem Erfahrungsschatz eben doppelt bitter. Für 2026 dürfte Ai Ogura deutlich besser gerüstet sein.
Fazit: Aprilias Stärke auf allen Ebenen weckt Erwartungen
Wer mit derartiger Souveränität durch einen Sturm manövriert, dabei seine Mannschaft zusammenwachsen lässt und sogar noch den Meuterer wieder aufnimmt, der hat großen Respekt verdient. Egal ob Fahrerwahl, technische Entwicklung oder Vertragsstreit: Auf so vielen Ebenen hätte Aprilia 2025 scheitern können, aber auf jeder gehen sie gestärkt ins kommende Jahr. Das konnte niemand erwarten.
Genau da sind wir aber auch schon bei einem entscheidenden Punkt. Die Rolle des Außenseiters, der nur überraschen kann, ist mit dieser fantastischen Vorstellung dahin. Aprilia will 2026 um den Titel kämpfen, das hat Massimo Rivola selbst klargestellt. Doch die Gegner heißen Ducati und Marc Marquez. Diese Herausforderung ist auch mit einem - dann hoffentlich fitten - Jorge Martin noch einmal größer als die Hürden der vergangenen Saison. Aber eines ist klar: Aprilia hat eindrucksvoll bewiesen, dass sie an einer Aufgabe wachsen können. Die Hoffnung auf mehr Spannung an der Spitze ruht auf krisenerprobten Schultern.
Was meint ihr? Wie bewertet ihr Aprilias Leistung in der Saison 2025 und traut ihr ihnen wirklich einen WM-Kampf zu? Sagt es uns in den Kommentaren.



diese MotoGP Nachricht