Besser spät als nie! Dieser - zugegeben etwas banale - Ausspruch passt bei ihm wie die Faust aufs Auge: Raul Fernandez. Der Spanier schlug einst wie eine Bombe in der Moto2 ein und galt als das nächste Supertalent der MotoGP. Dann passierte nach seinem Aufstieg aber erstmal herzlich wenig. Doch Aprilia gab den jungen Mann nicht auf. Vier Jahre später ist er nun doch noch Rennsieger in der Königsklasse. Wenn Geduld und Vertrauen zum Erfolg führen.
Moto2-Saison für die Geschichtsbücher: Raul Fernandez im Schnellverfahren in die MotoGP
"Ich denke gerade immer noch daran, wie viel harte Arbeit nötig war, um es hierher zu schaffen", reflektierte Fernandez, als er am Sonntag auf Phillip Island dem Team von Trackhouse Racing den ersten Sieg beschert hatte. Tatsächlich war das ein langer Weg, der bei vielen anderen Fahrern aufgrund mangelnden Erfolges längst vorbei gewesen wäre. Angefangen hatte alles aber unter völlig anderen Vorzeichen.
Fernandez hatte 2021 in der Moto2 debütiert und zeigte das eigentlich Unmögliche. Nur Marc Marquez war zuvor in seinem Rookie-Jahr um den Titel gefahren, doch für Fernandez schien das fast selbstverständlich. Am Ende fehlten dem Ajo-Piloten nur vier Punkte zur Weltmeisterschaft. Seine 307 Zähler und acht Saisonsiege stehen - von Marquez abgesehen - meilenweit über allen anderen Neulingen der mittleren Klasse. Natürlich erfolgte der sofortige Aufstieg in die Königsklasse, wenn auch nicht ganz freiwillig. Fernandez hätte hätte auch nichts gegen ein weiteres Lehrjahr in der Moto2 einzuwenden gehabt, KTM beförderte ihn aber doch schon 2022 in die MotoGP.
Aprilia verlängert MotoGP-Vertrag bis 2026, aber warum eigentlich?
Die Quittung folgte zugleich: Beim KTM-Satellitenteam von Tech3 ging gar nichts zusammen. Von mangelnder Unterstützung des Werks war zu hören, auch von Teamkollege Remy Gardner. Schon zur Saisonmitte wurde angekündigt, dass Fernandez zum neuen Aprilia-Kundenteam von RNF wechseln würde. Ab 2023 mit der RS-GP unterwegs wurden die Ergebnisse aber nur marginal besser. 51 Punkte im Jahr 2023 und 66 Punkte 2024 mit der Nachfolgemannschaft von Trackhouse waren nicht gerade ein Ruhmesblatt.

Trotzdem wurde sein Vertrag um weitere zwei Jahre verlängert. Da Aprilia für 2025 mit Martin, Bezzecchi und Ogura gleich drei neue Fahrer verpflichtet hatte, sollte wenigstens ein Mann mit Erfahrung auf dem Motorrad bleiben. So lauteten zumindest die Unkenrufe, denn aufgrund der sportlichen Leistung konnte die Verlängerung so gut wie niemand mehr nachvollziehen. Trackhouse-Teamchef Davide Brivio sah das schon damals deutlich anders: "Es stand nie in Frage, welch großes Talent er hat. Letztes Jahr waren wir bei seiner Vertragsverlängerung davon überzeugt, dass er unser Spitzenfahrer werden kann, während wir Ai [Ogura] einlernen."
Testfahrten dringend benötigt: Fernandez lernt spät, aber entscheidend
Doch es ging 2025 wieder einmal mit einem Fehlstart los. Aprilia-Boss Massimo Rivola zeigte angesichts der Umstände auch dafür Verständnis: "Wir dürfen nicht vergessen, dass Raul zwei Jahre in Folge den Sepang-Test verpasst hat. Das ist aber der Test, wo du normalerweise dein Motorrad kennenlernst und verstehst. Außerdem war sein Teamkollege als Rookie von Anfang an sehr schnell. Das hat ihm sicherlich Probleme bereitet."
Tatsächlich bestätigte der Trackhouse-Pilot nach seinem Sieg genau dies: "Ich glaube, die große Wende kam erst mit dem Test in Jerez. Da hatten wir endlich eine Menge Zeit, um zu arbeiten. Zu Beginn der Saison habe ich einen großen Fehler begangen. In Sepang [bei den Testfahrten, Anm. d. Red.] stürzte und verletzte ich mich. Vermutlich bin ich da zu schnell zurückgekehrt. Es hilft nicht, wenn du kein Setup für das Motorrad parat hast. Wir brauchten den Test, um an uns selbst arbeiten zu können."

"Wir mussten nie über sein Talent streiten. Worüber wir sprechen mussten, war seine Arbeitsweise. Jetzt, wo ihm Davide [Brivio] und auch Fabiano [Sterlacchini, der Technik-Direktor bei Aprilia, Anm. d. Red.] helfen, hat er Vertrauenspersonen. Das war sehr wichtig", erklärt sich Rivola die Fortschritte. MotoGP-Urgestein Brivio stößt ins selbe Horn: "Er musste nur an sich glauben, konzentriert sein und verstehen, wie er in der Garage zu arbeiten hat. Es war ein harter Beginn der Saison, aber wir suchten stets das Gespräch und sahen zu, was wir verbessern können. Schritt für Schritt waren wir dann ab Le Mans [das erste Rennen nach dem Jerez-Test, Anm. d. Red.] unter den ersten Zehn. Jetzt springt er auf einmal auf das Podium. Ich bin sehr glücklich für ihn."
Team, Familie und der Bruder im Rücken: "Habe wunderbare Menschen um mich"
Der Lehrling hat die Abschlussprüfung also im vierten Jahr doch noch bestanden. Dazu musste der mittlerweile 24-Jährige auch mental standhalten. Wenn du als Supertalent gehandelt wirst, aber nichts zusammengeht, entsteht Druck von außen und es werden Zweifel genährt. Umso größer fällt nun die Dankbarkeit für die Unterstützung in schweren Zeiten aus: "Es war sehr hart. Aber das Gute ist, dass ich wunderbare Menschen um mich habe. Letztes Jahr habe ich mich für einen Verbleib im Team entschieden. Hier weiterzumachen war die beste Wahl. Sie haben mir geholfen, den Druck rauszunehmen und mich auf mich selbst zu konzentrieren. Das war der Schlüssel. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich nun die Chance habe, um Siege zu kämpfen."
Besondere Worte fand er auch für seine Liebsten, insbesondere Bruder Adrian: "Ich denke, ich bin hier aufgrund meiner Familie und meines Bruders. Er hat mir immer geholfen. Natürlich gilt das auch für das Team, aber er ist die wichtigste Person in meinem Leben. Er stand mir in schwierigen Momenten immer bei." Moto3-Pilot Adrian Fernandez war der erste Gratulant bei der Einfahrt in die Box. Auch er wartet noch auf den Durchbruch in Form seines ersten Sieges. Vielleicht kann nun der große Bruder ihn dazu inspirieren.
Massimo Rivola hofft: Erster Sieg ähnlicher Startschuss wie für Bezzecchi in Silverstone?
Wie wichtig dieser Moment des Triumphes sein kann, weiß Massimo Rivola nur zu gut: "Ein Sieg ist natürlich noch nicht genug, aber es ist etwas, was er verdient hat. Er musste sich selbst das Vertrauen schenken, dass er es schaffen kann. Fahrer brauchen Siege auch für sich selbst, nicht nur für das Team und die WM-Wertung." In Letzterer liegt Fernandez nach dem Australien-Grand-Prix nun sogar unter den ersten Zehn.
Die Frage lautet daher, ob da ein potentieller Spitzenfahrer für Aprilia geboren wurde? Zeigen wird das erst die Zukunft. Doch Massimo Rivola hat eine solche Transformation bereits einmal in der Saison 2025 beobachten dürfen: "Bei Marco [Bezzecchi] haben wir nach seinem Sieg in Silverstone gesehen, dass er seitdem der Fahrer mit den zweitmeisten Punkten hinter Marc [Marquez] war. Da hat es 'Klick' gemacht. Jetzt will ich sehen, ob Raul erstmal zufrieden mit sich ist oder noch mehr Hunger versprüht. Ich hoffe natürlich auf Zweiteres." In den drei verbleibenden Rennen der Saison sollte mit der Nummer 25 gerechnet werden.
Mit dem Triumph von Fernandez und einem Marco Bezzecchi, der seit Wochen in Topform agiert, steigen auch die Ansprüche bei Aprilia. Massimo Rivola fordert den WM-Kampf 2026. Wir sagen euch in unserem Kommentar, warum das tatsächlich möglich sein könnte:



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