Hat da jemand die Zeit zurückgedreht? Kaum ist Marc Marquez aus dem Rennen, schreibt die MotoGP wieder verrückte Geschichten - wie schon 2020. Feierte vor zwei Wochen noch Fermin Aldeguer seinen Premierensieg in der Königsklasse, legte nun Raul Fernandez nach. Völlig sensationell gewann der 24-Jährige am Sonntag auf Phillip Island und sorgte damit für den zweiten Debütsieg in Serie. Das erlebte die MotoGP zuletzt vor fünf Jahren durch Miguel Oliveira (Spielberg II) und Franco Morbidelli (Misano I). Ein Triumph aus dem Nichts, der sich aber irgendwie auch angekündigt hatte.

"Ich kann es immer noch nicht glauben", frohlockte Fernandez knapp eine Stunde nach Zielankunft auf der offiziellen MotoGP-Pressekonferenz. Der Trackhouse-Pilot gab offen zu: "Heute Morgen hatte ich mein übliches Meeting mit dem Team. Wir dachten, dass das Podium realisitisch sein könnte. Aber wir hätten nie damit gerechnet, dass wir gewinnnen können."

Raul Fernandez stürmt zum MotoGP-Debütsieg. Wie???

Damit waren Fernandez und das Trackhouse-Team wohl nicht allein, kaum jemand dürfte den jungen Spanier am Sonntag ernsthaft auf dem Zettel gehabt haben. Zwar hatte er 24 Stunden zuvor bereits einige Runden geführt und das zweite Sprintpodium in Serie eingefahren, aber Fernandez' bestes Resultat in einem Grand Prix war nun mal noch immer ein einzelner fünfter Platz. Ihn da zum Favoriten zu erklären, wäre selbst im Wissen um die doppelte Longlap-Strafe für Marco Bezzecchi gewagt gewesen - und rückblickend vielleicht auch der Schlüssel für Fernandez selbst: "Ich habe gar nicht an den Sieg gedacht, ich wollte einfach nur mein erstes Podium [im Grand Prix, Anm.] einfahren. Ich habe mich nur auf mich selbst konzentriert und darauf, keine Fehler zu machen. Das hat sehr geholfen."

Das erste Mal so richtig beschäftigte sich Fernandez am Sonntag erst mit dem Rennsieg, als er Pedro Acosta überholt hatte und Bezzecchi zur zweiten Longlap abbog. "Ich habe gesehen, dass ich eine ziemlich ähnliche Pace zu Marco hatte und dass es schwierig für ihn werden könnte, diese Lücke wieder zu schließen. Da dachte ich, dass der Tag der Tage vielleicht gekommen sein könnte", blickte er zurück. Bis zur Rennhalbzeit zog die Startnummer 25 auf zwei Sekunden vom restlichen Feld davon, dann begann das große Zittern. "Ich wusste, dass ich keinen Fehler machen dürfte. Speziell die letzten vier Runden waren hart. Ich habe einen großen Reifenabbau, wollte mich nur noch ins Ziel retten. Ich habe versucht, ruhig zu bleiben. Aber in der letzten Runde habe ich dann doch schon angefangen, zu weinen", gewährte Fernandez einen Einblick in seine Gefühlswelt.

Raul Fernandez und Davide Brivio (li.) feiern gemeinsam den Debütsieg in der MotoGP, Foto: IMAGO / AAP
Raul Fernandez und Davide Brivio (li.) feiern gemeinsam den Debütsieg in der MotoGP, Foto: IMAGO / AAP

Aprilia und Trackhouse glauben an Fernandez, und der liefert jetzt

Fabio Di Giannantonio verkürzte seinen Rückstand in den letzten Umläufen nochmal von drei auf anderthalb Sekunden, aber es ging sich letztlich nicht mehr aus. Fernandez hatte seine Meisterprüfung erfolgreich bestanden und wurde nur folgerichtig von allen Seiten mit Lob überschüttet. "Das ist der 300. Grand-Prix-Sieg für Aprilia und es ist wundervoll, dass er von einem Jungen kommt, an den wir immer geglaubt haben. Ich freue mich sehr für ihn", strahlte Aprilia-Racing-CEO Massimo Rivola und Teammanager Paolo Bonora gab am 'ServusTV'-Mikrofon zu Protokoll: "Das ist unglaublich! Ich muss sagen, dass Raul heute ein unfassbares Rennen gefahren ist, er hatte vom Start weg eine super Pace." Da stimmte auch Trackhouse-Teamchef Davide Brivio ein: "Ein riesiges Kompliment an Raul! Das Rennen so lange anzuführen und die Reifen zu managen, war wirklich nicht einfach. Ich bin sehr froh, ihn so fahren zu sehen."

Es hatte schließlich auch lange genug gedauert. 2022 als vermeintliches Toptalent in die MotoGP gekommen, hatte in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren kaum etwas daraufhin gedeutet, dass Fernandez noch zu solchen Leistungen wie am Sonntag auf Phillip Island in der Lage wäre. Doch Trackhouse gab den 24-Jährigen aus Madrid nicht auf. "Es stand für uns nie zur Debatte, dass er nicht über dieses großartige Talent verfügt. Er musste nur wieder an sich glauben und verstehen, wie man in einem Team arbeitet", berichtete Brivio. "Der Saisonstart war hart, aber wir haben immer weiter mit ihm gesprochen und geschaut, was wir noch besser machen können. So haben wir es ab Le Mans in die Top-Zehn zurück geschafft und jetzt steht er plötzlich auf dem Podium."

"Die letzten Jahren waren hart", erinnerte auch Fernandez selbst. Völlig aus dem Nichts kam der große Durchbruch für ihn allerdings nicht. "Ich hatte immer die richtigen Leute um mich herum", dankte er dem Trackhouse-Team, Aprilia und auch der eigenen Familie für den Beistand in schweren Zeiten. "Ich bin nur dank ihnen hier", lautete die unmissverständliche Botschaft. Zudem spielte aber auch der Jerez-Test Ende April eine wichtige Rolle: "Da hatte ich viel Zeit, um an mir zu arbeiten. Der große Fehler war wohl, nach meinem Sturz und der Verletzung in Sepang gleich wieder zurückzukommen. Das war keine gute Idee, weil wir noch kein Bike-Setup hatten. In Jerez konnte ich dann an mir arbeiten und seither fahre ich viel besser auf dem Motorrad."

Raul Fernandez jetzt regelmäßig Sieganwärter in der MotoGP?

Die große Frage lautet nun natürlich: Kann Fernandez seine überragende Form von Phillip Island in Zukunft bestätigen? Zumindest Teamchef Brivio hat keine Zweifel: " Er hat gezeigt, dass er ein cleverer Fahrer sein und Rennen anführen kann. Das wird ihm für die Zukunft nur noch mehr Selbstvertrauen geben."

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