Mick Doohan, Wayne Gardner, Casey Stoner - Australien brachte einige der besten Motorradrennfahrer aller Zeiten hervor. Doch in den letzten Jahren wurden australische Erfolge in der Motorrad-Weltmeisterschaft eine Seltenheit. Andere Nationen wie Spanien, Italien oder Frankreich liefern die Schlagzeilen in der MotoGP. Einzig auf Phillip Island, da gelten scheinbar noch andere Gesetze.

Beispiel: Joel Kelso. Der 22-Jährige aus Darwin im äußersten Norden Australiens hat sich 2025 wahrlich im vorderen Moto3-Mittelfeld etabliert, von einem echten Spitzenfahrer kann bei fünf Podien und zwei Pole Positions in 77 Grand-Prix-Starts aber wahrlich (noch) keine Rede sein. Ausgerechnet beim Heimrennen auf Phillip Island lässt der scheidende MTA-Pilot aber genau das in aller Regelmäßigkeit vermuten, dass er zu den besten Fahrern in der kleinsten Klasse gehört. Nach der umjubelten Pole am Samstag war ihm 24 Stunden später einzig der frischgebackene Moto3-Weltmeister Jose Antonio Rueda überlegen, Kelso schrammte nur um 0,829 Sekunden am ersten Grand-Prix-Sieg vorbei.

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Joel Kelso: Mit Hilfe von Casey Stoner beinahe zum Moto3-Debütsieg

Nach 2023 aber auch so schon der zweite Podestbesuch im vierten Rennstart auf Phillip Island. Eine ähnlich gute Bilanz kann Kelso auf keiner anderen Strecke vorweisen. "Ich glaube, dass sich dieses Podium noch besser anfühlt, weil es ein Podium in einem Trockenrennen ist", strahlte der Australier am Sonntag. 2023 war er noch im Starkregen und damit unter besonderen Bedingungen auf Platz drei gefahren. "Jetzt habe ich das Rennen angeführt und das Feld auseinander gezogen. Ich habe die Pace vorgegeben. Wir sind zwölf Sekunden vor dem Dritten ins Ziel gekommen, Rueda und ich waren auf einem anderen Level."

Zu verdanken war das auch einem kurzen Gespräch mit MotoGP-Legende Casey Stoner bei einem Event am Donnerstag. "Das hat mich besonders motiviert. Er hat mir ein paar Dinge gesagt, die mir das nötige Selbstvertrauen gegeben haben. Es war cool, sowas von einem Weltmeister zu hören. Das weiß ich wirklich zu schätzen. Da musste ich für ihn und die Aussie-Fans einfach eine Show aufziehen", berichtete Kelso weiter und verriet nicht ganz ernstgemeint, dass es da noch einen weiteren Faktor für seine Leistungsexplosion vor Heimpublikum gab. "Ich habe verdammt viel Geld für VIP-Karten für meine Familie ausgegeben. Da musste ich das mit einem Podium ja bezahlt machen", lachte er.

Joel Kelso zeigte beim Heimrennen groß auf, Foto: IMAGO / AAP
Joel Kelso zeigte beim Heimrennen groß auf, Foto: IMAGO / AAP

Senna Agius dominiert in der Moto2 - dank besonderer Taktik

Ähnliche Gedankengänge könnte auch Senna Agius gehabt haben, der es am Sonntag noch etwas besser als Kelso machte. Seit 2024 für das deutsche Intact-GP-Team fahrend, deutete der 20-Jährige aus Camden, einem Vorort von Sydney, sein großes Potenzial in der Vergangenheit schon mehrfach an. Einziges Problem: Seine Leistungen schwanken aktuell noch gewaltig. Herausragende Ergebnisse wie P3 beim Saisonstart in Thailand oder ein dramatischer Letzte-Kurve-Sieg in Silverstone wechseln sich noch zu oft mit schwachen Resultaten wie P12 in Mandalika, P18 in Barcelona oder P15 in Brünn ab. Nur auf Phillip Island, da läuft es für Agius einfach immer.

Im Vorjahr holte der Intact-Pilot auf der Insel sein erstes Grand-Prix-Podium und am Sonntag zauberte er nun eines der dominantesten Rennen der jüngeren Moto2-Geschichte aus dem Hut. Früh im Rennen in Führung gegangen, geriet sein zweiter Saisonsieg nie mehr wirklich in Gefahr. "Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich Zuhause gewonnen habe. Letztes Jahr war es schon so emotional, jetzt noch mehr. Das war ein langer Weg, wir hatten harte Momente dieses Jahr", frohlockte er.

Warum es ausgerechnet auf der heimischen Rennstrecke so gut läuft? Weil Agius die Tücken von Phillip Island wohl besser kennt als die Konkurrenz. "Diese Strecke ist so kritisch für den Hinterreifen. Du musst hier so viele schnelle Runde am Stück fahren können, um konkurrenzfähig zu sein. Die Runde ist kurz, fühlt sich aber wie eine Ewigkeit an und du fährst viel in Schräglage. Da habe ich einfach versucht, so viele Runden wie möglich abzuspulen und wie eine gut geölte Maschine in den Sonntag zu gehen", erklärte der Intact-Pilot seine besondere Taktik für den Australien-GP. Sein Ansatz zahlte sich aus - und soll nun auch auf anderen Strecken ausprobiert werden: "Das ist eine Lehre für die Zukunft, dass es sich lohnt, einfach immer weiter Runden zu fahren, egal in welcher Situation man sich befindet. Am Sonntag kannst du die Früchte ernten."

Senna Agius und Intact-Boss Jürgen Lingg feiern den Moto2-Sieg gebührend mit dem 'Shoey', Foto: Intact GP, Ronny Lekl
Senna Agius und Intact-Boss Jürgen Lingg feiern den Moto2-Sieg gebührend mit dem 'Shoey', Foto: Intact GP, Ronny Lekl

Jack Miller stürzt im Australien-GP, liefert aber am Samstag

Perfekt machen hätte Jack Miller die australischen Festspiele auf Phillip Island können. Ausgerechnet der erfolgreichste noch aktive WM-Fahrer aus 'Down Under' lieferte am Sonntag aber nicht ab. Nach einem Sturz früh im Rennen blieb er ohne Punkte. Doch davon sollte man sich nicht blenden lassen, auch der 30-Jährige aus Townsville bestätigte am vergangenen Wochenende die Regel. Nach sehr ordentlichem Start in seine Yamaha-Zeit hatte der Pramac-Pilot in den letzten Monaten ein kleines Tief durchlaufen, holte seit dem Ende der Sommerpause nur acht WM-Punkte. Pünktlich zum Heimspiel trumpfte dann auch er aber wieder auf. Am Freitag holte sich Miller seine erste Trainingsbestzeit seit zweieinhalb Jahren, ehe er am Samstag völlig überraschend in die erste Startreihe fuhr und im Sprint lediglich um 0,066 Sekunden an seinem ersten Podium der laufenden Saison vorbeischrammte.

Jack Miller kämpfte auf Phillip Island wieder ganz vorne mit, Foto: Pramac Racing
Jack Miller kämpfte auf Phillip Island wieder ganz vorne mit, Foto: Pramac Racing

Am Sonntag brachte es der Australier dann zwar nicht ins Ziel, mischte zumindest in den Runden bis zu seinem Sturz aber vorne mit. Ein Bild, dass man zuletzt nur selten gesehen hatte. "Das ist natürlich nicht, wie wir den Tag beenden wollten, aber es war in Summe ein positives Wochenende. Ich habe mich gut gefühlt", bilanzierte Miller daher zufrieden.

Bei aller Enttäuschung über den eigenen Ausfall hatten ja zumindest die Nachwuchspiloten in den kleinen Klassen abgeliefert. "Ich freue mich sehr für die beiden Jungs", lobte der 30-jährige Routinier. "Das war großartig für den australischen Motorsport. Ich liebe es, wenn 'Aussies' gute Leistungen bringen. Leider war nur ich heute nicht in der Lage, diesem Club beizutreten." Den grundsätzlichen Schwung von Phillip Island will Miller nun aber in die restlichen drei Rennwochenenden der MotoGP-Saison 2025 mitnehmen: "Zuhause zu fahren hilft zweifellos, sein Bestes zu geben. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir diese Energie in jedes Rennen mitnehmen und überall so viel Spaß haben können."

Weiter geht es für das australische Trio schon kommendes Wochenende in Sepang (24. bis 26. Oktober). Wie ihr den Malaysia-GP und das dortige Abschneiden von Miller und Co. live im TV oder Stream verfolgen könnt, verraten wir euch in diesem Artikel: