Erlauben sie mir einen persönlicheren Einstieg in diesem MotoGP-Kommentar, denn ich muss Abbitte leisten. Die Entschuldigung geht an Aprilia. Vor etwa einem halben Jahr lautete mein Kommentar noch, wie dringend das Werk aus Noale die Anwesenheit von Star-Verpflichtung Jorge Martin nötig hat. In den vergangenen Monaten haben sie mich auch ohne den verletzungsgeplagten Weltmeister von 2024 Schritt für Schritt Lügen gestraft. Massimo Rivola kann tatsächlich mit breiter Brust dastehen und seine Truppe für 2026 zum WM-Herausforderer von Ducati und Marc Marquez ausrufen.
MotoGP-Sieg durch Raul Fernandez: Aprilia ist keine One-Man-Show mehr
Auf Phillip Island hat die bemerkenswerteste Entwicklung des Jahres nun ihren Höhepunkt gefunden. Pole-Position, Sprint und Grand Prix gingen allesamt an Piloten der RS-GP. Wichtig ist hier die Mehrzahl. War es zuvor Marco Bezzecchi, der allein die Spitze aufmischte, so hat nun auch Raul Fernandez mit seinem Debütsieg den Aufwärtstrend der letzten Wochen gekrönt. Viele hatten den Spanier schon abgeschrieben, auch in der Redaktion von Motorsport-Magazin.com , aber Aprilia und Trackhouse nicht. Das Vertrauen hat sich nun ausgezahlt.
Im Freudentaumel fiel gar nicht auf, dass Ai Ogura ein schwaches Wochenende erlebte. Phillip Island war auch in der Moto2 nie sein Pflaster und der stets ehrliche Japaner gab zu: "Das Motorrad war großartig, nur ich war langsam." Dass der Rookie das anders kann, hat er schon mehrfach bewiesen. Leider gab es mehrere Rückschläge seiner Entwicklung durch Verletzungen. Doch mit mehr Erfahrung ist auch die Nummer 79 im kommenden Jahr auf einem MotoGP-Podest zu erwarten, wenn er das nicht sogar schon in den drei verbleibenden Rennen der aktuellen Saison schafft.
Jorge Martins Jahr 2025 wird zur bestandenen Reifeprüfung Aprilias
Und so braucht Aprilia Jorge Martin gar nicht unbedingt. Vielmehr ist der Spanier jetzt der gewaltige Joker in der Hinterhand. An seinem Können und Potential besteht trotz allen Kontroversen von 2025 weiter kein Zweifel. Selbst ohne Vorbereitung durch Testfahrten legte der verletzungsgeplagte 'Matinator' in Ungarn einen Husarenritt von Starplatz 16 auf Platz 4 hin. Es gibt Grund zur Annahme, dass da noch deutlich mehr möglich ist. Wie viel er mit der RS-GP wirklich zu leisten im Stande ist, wird sich erst nach einer hoffentlich verletzungsfreien Saisonvorbereitung für 2026 erweisen.

Der Fahrerkader steht also gut da und auch die Mannschaft dahinter ist gefestigt. Den von Martin losgetretenen Vertragsstreit haben Rivola & Co. mit Entschlossenheit für sich entschieden. Außerdem hat diese Posse das Werk auch auf der Strecke nicht im Geringsten aus dem Tritt gebracht. Im Gegenteil: Gerade als der Streit auf dem Höhepunkt war, gelangen mit Bezzecchi die entscheidenden Verbesserungen am Motorrad. Seit der Italiener die richtige Fahrweise auf der RS-GP im Qualifying verstanden hat, ist er ein konstanter Spitzenpilot. Nur Marc Marquez sammelte seit Silverstone mehr Punkte als er. Und genau dieser soll nun laut Rivola im kommenden Jahr ins Visier genommen werden.
WM-Kampf 2026? Genie Marc Marquez übertüncht Ducatis Verwundbarkeit
Jetzt werden einige behaupten, dass das angesichts der Dominanz des Ausnahmefahrers mit der Nummer 93 Größenwahn ist. Auch ich werde den Teufel tun und mich gegen Marquez als Titelfavorit aussprechen. Er ist der mit Abstand beste Motorrad-Rennfahrer der Welt und wird auch seine erneute Verletzung wegstecken. Doch auch der große Meister kann geschlagen werden, wenn das Material nicht mitmacht. Genau hier liegt die Hoffnung für Aprilia.
Während das Werk aus Noale sein Motorrad zuletzt stetig verbesserte und die Schwächen konsequent ausmerzte, herrscht bei Ducati derzeit technischer Stillstand oder gar Rückschritt. Die Desmosedici GP25 mag in den Händen von Marquez die Saison dominiert haben, doch ist sie eine Diva. Wer ihre Launen kennenlernen will, der muss nur mal bei Francesco Bagnaia und Fabio di Giannantonio nachfragen. Marquez kann dieses Monster mit seinem herausragenden Können zähmen. Die GP24 seines Bruders Alex ist vermutlich das bessere Motorrad. Vielleicht hat sie nicht ganz so viel Potential, aber dieses ist dafür immer brav abrufbar. Fermin Aldeguer und Franco Morbidelli können einem für 2026 jetzt schon leidtun, denn dann müssen sie sich mit der GP25 herumschlagen.

Und so stellt sich die Frage, ob Gigi Dall'Igna und seine Ingenieure es schaffen, mit der GP26 wieder auf Kurs zu kommen. Sollte ihnen das misslingen, dann bleibt nurmehr die Trumpfkarte Marc Marquez. Natürlich ist das die Beste, die man auf der Hand haben kann, aber dennoch wird auch er gegen eine vermutlich noch bessere Aprilia mit Bezzecchi und Martin am Lenker nicht immer gewinnen können. Ersterer hat dem Spanier ja schon in der aktuellen Saison mehrmals alles abverlangt. Die Hoffnung, dass Aprilia der MotoGP 2026 tatsächlich einen WM-Kampf bescheren kann, ist also gar nicht so sehr Wunschdenken, wie es die Statistik der Dominanz seitens Marquez erscheinen lässt.
Was meint ihr? Kann Aprilia wirklich für einen WM-Kampf sorgen, oder bekommt Ducati die Kurve? Sagt es uns in den Kommentaren.



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