Liebe Leser von Motorsport-Magazin.com - ich bin wütend. Die MotoGP könnte der beste Sport dieses Planeten sein. Unglaublich mutige Fahrer auf faszinierenden Zweiradraketen mit 300 Pferdestärken, die sich in einer Qualifying-Zeitenjagd, einem knackigen Sprint und einem Grand Prix als großem Höhepunkt mit voller Härte bekämpfen. Das alles auf 22 der besten Rennstrecken rund um den Erdball.
MotoGP wird zum Dilettantenstadl
Doch anstatt dieses potenzielle Spektakel zu bieten, präsentiert sich die vermeintliche Königsklasse des Motorradsports immer wieder als peinlicher Dilettantenstadl. Selten war dieses zugegebenermaßen heftige Urteil angebrachter als am Samstag in Brünn. Die grundsätzlich aus Sicherheitsüberlegungen zwar berechtigte, in der Praxis aber schlicht und ergreifend nicht sinnvoll anwendbare Mindestreifendruckregel sorgte im Sprint für ein lächerliches Schauspiel, als das führende Ducati-Duo mit Marc Marquez und Francesco Bagnaia begann, andere Fahrer vorbeizuwinken. Dass es diese Regel im dritten Jahr ihres Bestehens in dieser Form immer noch gibt, ist nichts weniger als ein kollektives Versagen aller Beteiligten: Ausstatter Michelin, Promoter Dorna, Motorradweltverband FIM und auch die Teams und Hersteller können hier nicht von ihrer Schuld freigesprochen werden.
Als wäre dieses unwürdige Reifendruckraten nicht schon schlimm genug, scheiterte die MotoGP in Brünn auch noch gnadenlos an der Umsetzung ihrer eigenen Regel. Gegen Sieger Marc Marquez wurde direkt nach der Zieldurchfahrt eine Untersuchung wegen eines möglichen Verstoßes eingeleitet. Derartige Untersuchungen dauern normalerweise mehrere Stunden, dieses Mal war sie nach wenigen Minuten abgeschlossen. Und das, obwohl Marquez' Ducati zu diesem Zeitpunkt anstatt bei der nötigen technischen Kontrolle noch am Sprint-Podium stand. Eine Situation, die für die zahlreichen TV-Stationen, welche den Sport zu den Fans in die Welt hinaustragen sollen, in ihren Live-Übertragungen nicht zu erklären war.
MotoGP liefert späte Erklärung
Denn erst als diese ihre Sendungen bereits lange beendet hatten, gab es des Rätsels Lösung. Die Rennleitung hatte in ihrem System zur Reifendrucküberwachung schlicht und ergreifend das falsche Limit gesetzt, die Untersuchung gegen Marc Marquez und auch Ai Ogura sowie Alex Rins war also zu keinem Zeitpunkt berechtigt. Vorgänge, die auch für hartgesottene MotoGP-Freaks kaum zu verstehen sind. Und ganz nebenbei noch der ständig wachsenden Meute an Verschwörungstheoretikern Tür und Tor öffnen.

Was während und nach diesem Sprint passierte, ist für den Fan völlig undurchsichtig. Es ist völlig unlogisch. Und damit irgendwann auch völlig uninteressant. Die MotoGP erfreute sich zuletzt an der Übernahme durch Formel-1-Promoter Liberty Media. Da wurde viel mit klugen Marketing-Begriffen umhergeworfen. Von neuen Märkten war da die Rede, von größerer Social-Media-Präsenz, von aufregendem Content. Alles richtig, alles gut. Doch die MotoGP muss zuerst sicherstellen, dass sie ein Produkt bietet, dessen Inhalte Fans weltweit auch konsumieren möchten. Liberty Media kann nur mit dem arbeiten, was der Sport hergibt. Und das war im Sprint von Brünn eine amateurhafte Posse. Keine Show, die Millionen von Menschen begeistern könnte. Schuld sind veraltete Strukturen, überfordertes Personal und falsche Abläufe - Dinge, auf die auch Liberty Media keinen Einfluss haben wird.
Dieser Sport hat Besseres verdient. Das gilt für unsere Helden auf zwei Rädern ebenso wie für die Fans, die trotz solcher Darbietungen (noch) zahlreich an die Rennstrecke kommen oder die Rennen vor dem TV-Bildschirm verfolgen. Viele von ihnen werden heute enttäuscht sein. Ich bin es auf jeden Fall. Nicht nur das. Ich. Bin. Wütend.
Wie fühlt ihr euch nach dem Fiasko vom Samstag? Sagt uns eure Meinung zur Reifenmindestdruckregel in den Kommentaren!



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