"Was war denn bitte das?" So oder so ähnlich muss es wohl den MotoGP-Fans beim Anblick des Sprints in Brünn und der Unsicherheit danach durch den Kopf gegangen sein. Die allseits unbeliebte Reifendruckregel sorgte für ein bizarres Rennen und große Verwirrung um den Sieger. Letztlich durfte Marc Marquez seinen Sieg behalten. Das Ergebnis wurde in der Farce zur Randnotiz. Motorsport-Magazin.com erklärt, welches unfassbare Versäumnis beim Comeback der geliebten Rennstrecke in Brünn für Kopfschütteln sorgte.
Reifendruckregel zwingt Francesco Bagnaia ins Getümmel
Während des Sprints selbst wurde die Sache recht schnell klar. Ducati hatte sich offenbar beim Reifendruck verkalkuliert. Beide Piloten ließen nach einigen Runden Konkurrenten durch und gaben eine Doppelführung auf. Laut der Regel für den Reifenmindestdruck muss dieser im Sprint mindestens in 30 Prozent der Runden über einem Wert von 1,8 bar im Vorderreifen liegen. Bei den zehn Runden in Brünn braucht es also drei Runden darüber. Ist das nicht der Fall, bekommt der Fahrer acht Sekunden Strafe. Das wollten beide Ducati-Piloten natürlich vermeiden. In der Abluft eines Vordermannes lässt sich der Druck wieder erhöhen.
Zuerst ließ sich Francesco Bagnaia von Rang zwei zurückfallen. Er stellte sich dabei recht ungeschickt an, wie er selbst bemerkte: "Ich versuchte, Druck in der Front aufzubauen. Leider ist mir das nicht gelungen. Ich ließ Pedro [Acosta] an der falschen Stelle durch und dann erwartete ich Enea [Bastianini] nicht. Er überholte mich mit einer Berührung und da ging auch noch Fabio [Quartararo] vorbei. Das habe ich komplett vermasselt."
Defekt bei Ducati: Bagnaia erwartet Strafe, die nie kommt
Nach einem enttäuschenden siebten Rang erwartete Bagnaia aber, dass es noch dicker für ihn kommt: "Danach fuhr ich da und folgte den anderen, aber ich konnte den Druck immer noch nicht hochtreiben. Ich war mit zu 100 Prozent sicher, dass ich eine Strafe bekommen würde." Doch es stellte sich als fataler Fehler seines Teams heraus: "Dann ging ich zurück zur Box und sah auf dem Bildschirm, dass keine Untersuchung gegen mich lief. Ich verstand es nicht. Dann blickte ich in die Daten und sah, dass ich ab der zweiten Runde drüber lag. Also war das ein Problem mit unserem Dashboard. Das kann passieren, aber darf normal nicht passieren."
Marc Marquez nach Sprint sicher: Habe alles eingehalten!
Komplett gegensätzlich verhielt es sich bei Teamkollege Marc Marquez. Er ließ sich erst in Runde sechs hinter Verfolger Pedro Acosta fallen und wartete dann die drei benötigten Umläufe hinter ihm ab, eher er wieder zum Siegmanöver ansetzte. Marquez war absolut sicher, dass er alles eingehalten hatte. "Wir haben genug getan, deshalb lache ich jetzt. Es stimmt aber, dass wir am Limit waren", äußerte er nach dem Rennen. Die Fahrt hinter Acosta habe gereicht, um den Druck wieder hoch genug zu treiben.
Er selbst war also überzeugt, die Regelhüter aber offenbar nicht. Eine Untersuchung wurde angekündigt. Neben ihm sollten auch noch Ai Ogura und Alex Rins zu lange unter dem Mindestdruck gelegen haben. Echte Konsequenzen drohten aber nur dem Sieger. Er wäre aus den Punkten gefallen.
Freispruch nach ein paar Minuten völliges Novum bei Reifendruckregel der MotoGP
Die Erfahrung der letzten Jahre sagte in diesem Fall: Die sind fällig. Einzig Pedro Acosta kam einmal wegen eines defekten Bauteils in Indonesien um die Strafe herum. Doch dann die große Überraschung. Alle drei(!) Fahrer werden auf einmal freigesprochen. Ein nie dagewesener Fall. Das stellte aber nicht das einzige Ungewöhnliche dar. Normalerweise dauert es bis lange nach dem Rennen, dass diese Urteile gefällt werden. Teilweise warteten wir Stunden auf ein Endergebnis. Diesmal ging es nach wenigen Minuten. Marquez wartete noch bei der Podiums-Zeremonie und konnte dann mit seinem Team feiern. Maverick Vinales hatte das in Katar schon alles hinter sich, als ihm Platz zwei doch noch genommen wurde.
Was war da los? Den Grund für die Untersuchung gegen sich kannte Marquez nicht. "Nein. Vielleicht ist es, weil es sehr knapp war. Wenn es so knapp am Limit ist, dann muss man das Messsystem Ducatis [welches ihm auf dem Dashboard angezeigt wird, Anm. d. Red.] und das der Weltmeisterschaft vergleichen. Manchmal gibt es da eine kleine Abweichung und du bist raus. Diesmal haben aber beide dasselbe angezeigt", gab der Spanier an. Den Defekt seines Teamkollegen hatte er also nicht. Außerdem bietet diese Spur keinerlei Erklärung für Rins und Ogura. Dass gleichzeitig auch noch Dashboards oder Messsysteme bei Yamaha und Aprilia ungenau sind und so ihre Fahrer ins Verderben schicken, erscheint doch extrem unwahrscheinlich.

Technisches Armutszeugnis der MotoGP: Messgeräte falsch eingestellt!
Tatsächlich kam dann im offiziellen Urteil die Erklärung für die Farce. Es geschah ein Fehler, der in der selbsternannten Königsklasse niemals passieren darf. Der Krux lag nicht beim Messsystem der jeweiligen Hersteller, sondern in dem der Regelhüter. "Die Untersuchung der Reifendrücke der Fahrer #93, #42 und #79 nach dem Rennen ergab schnell, dass der Mindestdruck im Warnsystem der Reinleitung falsch eingestellt war", hieß es in der Stellungnahme. Alle drei Fahrer haben sich an die Regel gehalten, aber das System warnte aufgrund der Fehleinstellung trotzdem, weswegen die Untersuchung eingeleitet wurde. Da keiner einen Verstoß beging, wurden sie natürlich freigesprochen.
Das System ist nur für die Offiziellen einsehbar, während die Teams ihre eigenen Systeme nutzen müssen, um den Reifendruck zu überwachen. Sie haben keinen Zugriff auf die Daten der Messungen der MotoGP. Dementsprechend mussten sie zunächst von einem Fehler auf ihrer Seite ausgehen. Erst die Meldung der Rennleitung brachte Licht ins Dunkel.

Brünn-Comeback wird überschattet: MotoGP droht gewaltiger Shitstorm
Der Fehler wird die ohnehin hitzige Diskussion um die Reifendruckregel - welche vor allem von Michelin forciert wurde - noch weiter anfachen. Ein spektakuläres Sprint-Rennen in Brünn wurde zunächst zum taktischen Spielchen und dann durch die Verwirrung um die Untersuchung zur Randnotiz degradiert. Außerdem ist das Vertrauen in die Regelhüter und ihre Messsysteme maximal erschüttert, wenn ein solcher Fehler gleich bei drei Fahrern auf einmal passiert. Die MotoGP wollte an diesem Samstag eigentlich die Rückkehr auf die wunderbare Strecke in Brünn zelebrieren. Nun darf sie sich auf einen gewaltigen Shitstorm gefasst machen.



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