Giacomo Agostini (122) und Valentino Rossi (115). Diese beiden waren bislang die einzigen Motorradrennfahrer der Welt, die im Verlauf ihrer Karriere eine dreistellige Anzahl an Grand-Prix-Siegen zustande brachten - bis zum Sonntag. In Ungarn machte sich nun nämlich auch Marc Marquez zum Centurion. 100 Rennsiege in der Motorrad-WM: Motorsport-Magazin.com blickt auf die Besten der Nummer 93 zurück.
Mugello und Estoril 2010: Spektakel in der 125ccm-Klasse
Jede Reise begann einmal mit dem ersten Schritt, so auch bei Marc Marquez. Mit diesem ließ sich der spanische Ausnahmekönner aber fast schon ungewöhnlich lange Zeit. Erst in seinem dritten 125ccm-Jahr gelang ihm endlich der erste Grand-Prix-Sieg - im 33. Grand-Prix-Start! Ein Schnellstarter war Marquez also nicht, dafür bot er an jenem 6. Juni 2010 aber eine fantastische Show. In einem packenden Rennen bekämpfte er sich rundenlang beinhart mit Nicolas Terol, Pol Espargaro und Bradley Smith. Die Entscheidung fiel erst auf dem Sprint zur Ziellinie, Marquez gewann mit lediglich 39 Tausendstelsekunden Vorsprung. Heute noch eines der engsten Rennen in der Geschichte der kleinsten WM-Klasse überhaupt.

Noch mehr Dramatik hatte aber Marquez' zehnter Grand-Prix-Sieg und letzter in der 125ccm-Klasse zu bieten. Hier duellierte sich der Spanier gerade in Estoril mit WM-Rivale Terol um Platz eins, als es nach sieben Runden zu regnen begann und das Rennen mittels Roter Flagge unterbrochen wurde. Kurz vor dem Restart dann der Super-GAU: Während der Sichtungsrunde zum Grid stürzte Marquez. Mit Terol auf der Pole Position und nur zwölf Punkten Vorsprung war der WM-Titel plötzlich in großer Gefahr. Marquez konnte das beschädigte Motorrad zwar an die Box zurückbringen, schaffte es aber nicht mehr rechtzeitig vor Schließung der Pitlane zurück auf die Strecke. Das zweite Rennen über neun Runden musste er somit von ganz hinten starten, statt von P2. Aber kein Problem für ihn: Ein sensationeller Start brachte ihn schon nach der ersten Kurve wieder auf Platz fünf, wenig später war er schon wieder Zweiter. Zu Beginn der letzten Runde dann unter massivem WM-Druck das entscheidende Überholmanöver gegen Terol, das ihm den Rennsieg und auch die Vorentscheidung im Titelkampf bringen sollte.
Motegi und Valencia 2012: Last to first? Kein Problem für Marc Marquez!
Deutlich entspannter war Marquez' Weg zum Moto2-Titel 2012, dramatische Rennen gab es aber auch in jener Saison. Etwa beim Japan-GP in Motegi: Auf Platz zwei stehend würgte Marquez sein Motorrad beim Rennstart ab und hatte großes Glück, von keinem der nachfolgenden Fahrer getroffen worden zu sein. Als er endlich loskam, fand er sich schon am Ende des Feldes wieder. Seine Pace in diesem Rennen war jedoch so überlegen, dass er schon zu Beginn der zweiten Runde wieder auf Platz neun lag. Noch vor Rennhalbzeit übernahm Marquez die Führung, die er bis zum Ende nicht mehr abgeben sollte.

'The first time was so nice, I had to do it twice', dachte sich Marquez daraufhin wohl und wiederholte diese 'Last-to-first-Challenge' wenige Wochen später beim Saisonfinale 2012 in Valencia direkt nochmal. Diesmal aufgrund einer Gridstrafe vom letzten Platz ins Rennen gehend, pflügte er im Valencia-GP in nassen Bedingungen innerhalb der ersten Runde von P33 auf P12 nach vorne. Einziges Problem: Auf dem engen Ricardo Tormo Circuit gestaltete sich das Überholen in weiterer Folge deutlich schwerer als noch in Motegi. So kämpfte sich Marquez zwar nach und nach durch das Feld, lag zwischenzeitlich aber schon 11,4 Sekunden hinter dem Führenden Julian Simon. Zu Beginn von Runde 15 aber endlich in freier Fahrt angekommen, drehte Marquez nun so richtig auf und nahm Simon phasenweise mehr als eine Sekunde pro Umlauf ab. Drei Runden vor Schluss ging er vorbei und setzte sich bis zum Rennende noch auf 1,2 Sekunden ab. Eine wahre Meisterleistung, die ihm Grand-Prix-Sieg Nummer 26 einbrachte.
Austin 2013: Ein neuer MotoGP-Star meldet sich an
Welch großes Talent da auf die MotoGP zukam, war also schon Ende 2012 ersichtlich. Wie gut Marquez aber wirklich war, zeigte sich erst zu Beginn der Saison 2013. Beeindruckte die Nummer 93 bereits beim Debüt in Katar, legte sie zwei Wochen später in den USA nochmal eine Schippe drauf. Pole Position mit fast drei Zehnteln Vorsprung und ein Debütsieg in der Königsklasse, der zu keinem Zeitpunkt gefährdet war. Wer an diesem Tag zum ersten Mal ein MotoGP-Rennen verfolgte, hätte problemlos denken können, dass dieser Marquez seit Jahren nichts anderes gemacht hat, als seinen Rivalen um die Ohren zu fahren. Aber Marquez tat dies eben in seinem erst zweiten MotoGP-Rennen überhaupt und wurde so mit 20 Jahren und 63 Tagen zum jüngsten Sieger in der Geschichte der Königsklasse.
Fünf weitere Grand-Prix-Siege sollten 2013 noch folgen, aber wahrlich keiner so spektakulär wie jener beim Saisonauftakt 2014. Unterm Flutlicht des Losail International Circuit in Katar lieferte sich Marquez damals einen rundenlangen Zweikampf mit MotoGP-Ikone Valentino Rossi, der erst auf den letzten Metern entschieden wurde. Mehrfach überholte sich das Duo gegenseitig, ehe sich Marquez mit 0,259 Sekunden Vorsprung durchsetzte. Der Auftakt zu einer historischen Saison: Die Nummer 93 sollte die oberste Stufe des Podests erst beim elften Grand Prix in Brünn wieder verpassen.

Misano 2015 und Brünn 2017: Marc Marquez als taktischer Meister
So brilliant 2014 war, so hart sollte 2015 werden. Erstmals hatte Marquez in jener Saison kein Motorrad zur Verfügung, dass es ihm erlaubte, um die Weltmeisterschaft zu fahren. Die Yamaha M1 war deutlich zu stark. Und so musste der Spanier kreativ werden, um dennoch Rennsiege zu feiern. Eindrucksvoll gelang ihm das beim San-Marino-Grand-Prix. Hier setzte einige Runden nach Rennstart Regen ein, der (fast) alle Piloten zum Wechsel auf Regenreifen verleitete. So auch die Führenden Rossi, Lorenzo und Marquez. Kurze Zeit später stoppte der Regen aber schon wieder, die Strecke trocknete auf. Während Rossi und Lorenzo lange zögerten, nutzte Marquez seine Chance und wechselte früh zurück auf Slicks. Der entscheidende Vorteil. Als auch die Yamaha-Piloten endlich stoppten, hatte Marquez bereits einen komfortablen Vorsprung herausgefahren. Sein 49. Grand-Prix-Sieg und einer von nur fünf im Jahr 2015.

Als Taktikfuchs präsentierte sich Marquez auch zwei Jahre später beim Tschechien-GP 2017. Dieser wurde zwar unter Sonnenschein, aber auf nasser Strecke und von allen Piloten mit Regenreifen gestartet. Obwohl die Weltmeisterschaft zu diesem Zeitpunkt noch eng umkämpft war - die ersten Vier lagen innerhalb von zehn Punkten - ging Marquez Risiko und wechselte schon nach einer Runde auf Slicks, während sämtliche WM-Rivalen noch einige Runden auf Regenreifen blieben. Letztlich aber die goldrichtige Entscheidung, denn so sicherte sich der Honda-Pilot Grand-Prix-Sieg Nummer 58 und wichtige WM-Punkte, die im Titelkampf mit Andrea Dovizioso letztlich eine entscheidende Rolle spielen sollten.
Thailand 2018: Marc Marquez und die große Revanche
Bleiben wir doch gleich bei Andrea Dovizioso, denn dieser stieg Ende der 2010er-Jahre zum großen Widersacher von Marquez auf und behielt speziell im direkten Duell auf der Strecke immer wieder die Oberhand. Katar 2017, Österreich 2017 oder Katar 2018, um die wichtigsten Beispiele zu nennen. Bittere Niederlagen für Marquez, die ihn nach Revanche brennen ließen - und diese gab es 2018 beim Debüt des Thailand-GPs in Buriram. Wieder einmal übernahm Marquez in der letzten Runde die Führung, wieder einmal konterte 'DesmoDovi' in der Schlusskurve. Doch diesmal blieb nicht die Ducati vorne, nein. Diesmal zog die Honda dank des besseren Kurvenausgangs nochmal vorbei. Der Dovizioso-Fluch war im vierten Anlauf endlich gebrochen.

MotoGP-Saison 2019: Marc Marquez' Meisterstück
Alles andere als spektakulär war Marquez' erster MotoGP-Sieg im Jahr 2019, dafür aber umso ungefährdeter. Im Argentinien-Grand-Prix konnte dem Honda-Piloten niemand das Wasser reichen. Wie überlegen Marquez an jenem Sonntag im März 2019 war? Bereits nach einer Runde hatte er mehr als eine Sekunde Vorsprung auf Platz zwei! Niemand konnte seine Pace auch nur im Ansatz mitgehen. Bei Zielankunft standen 9,816 Sekunden Vorsprung zu Buche, trotz Jubel und Temporausnahme noch vor dem Strich - dominanter sollte Marquez nie wieder auftreten. Der Beginn einer in vielerlei Hinsicht rekordbrechenden Saison 2019.
Die Krone setzte Marquez jenem Kalenderjahr Anfang Oktober in Thailand auf, und das auf unglaubliche Art und Weise. Bereits im FP1 flog er brutal per Highsider ab und musste daraufhin zu genaueren Untersuchungen ins Krankenhaus. Schon vier Stunden später saß er jedoch wieder auf seiner Honda und fuhr, als wäre nichts passiert. Am Sonntag behauptete er sich dann in einem packenden Krimi gegen den damaligen Petronas-SRT-Rookie Fabio Quartararo und holte sich nicht nur Grand-Prix-Sieg Nummer 79, sondern auch seinen sechsten WM-Titel in der MotoGP - nur zwei Tage, nachdem er kurzzeitig im Krankenhaus gewesen war.
Emotion und Erlösung: Sachsenring 2021 und Aragon 2024
Wer Marquez kennt, der weiß, was als Nächstes passierte. Ein folgenschwerer Sturz beim Corona-verzögerten Saisonstart 2020 in Jerez als Beginn einer langen Leidenszeit. Der Spanier kehrte erst 2021 in die MotoGP zurück und das zunächst fernab jener Positionen, die man von der Nummer 93 gewohnt war. Platz sieben in Portimao, Platz neun in Jerez und dann drei Ausfälle in Le Mans, Mugello und Barcelona. War das noch der alte Marquez? Es gab Zweifel, auch beim Superstar selbst. Wie gut, dass als nächstes Rennen der Sachsenring anstand. Auf der Lieblingsstrecke zauberte Marquez wieder, nutzte einen kurzen Nieselregen zur Flucht nach vorn und ließ sich danach nicht mehr abfangen. Der erste Sieg nach der schweren Verletzung und der bitter benötigte Befreiungsschlag.

Als weitere Siege in Austin und Misano folgten, dachte man, dass Marquez wieder auf dem Weg zu älter Stärke sei. Tatsächlich sollte die schwerste Krise seiner Karriere aber erst noch kommen. Eine weitere Operation, eine immer schwächer werdende RC213V. Siege waren 2023 außer Reichweite, sodass sich der Spanier im Herbst zu einer mutigen Entscheidung durchringen musste. Er verließ Honda schweren Herzens und dockte bei Ducati-Kundenteam Gresini an, um wieder Spaß am Motorradfahrer zu finden. Das klappte auch, die Siege blieben zunächst aber aus. Erst, als die MotoGP im September 2024 nach Aragon zurückkehrte, platzte der Knoten. Marquez dominierte das gesamte Wochenende, obwohl er massiv unter Druck stand und beendete endlich eine Serie von 1.043 Tagen ohne MotoGP-Triumph. Grand-Prix-Sieg Nummer 86 und einer der besten von allen.

Thailand 2025: Der Beginn einer roten Liebesgeschichte
Einen haben wir zum Abschluss aber noch, und der liegt rund zwölf Monate zurück. Mit dem starken Debütjahr bei Gresini hatte sich Marquez zur Saison 2025 den Aufstieg ins Ducati-Werksteam gesichert. Dort gab es für ihn fortan keine Ausreden mehr. Der beste Fahrer auf dem besten Motorrad: Ab jetzt musste geliefert werden. Und genau das tat Marquez bei seinem Debüt in Rot gleich eindrucksvoll, obwohl bei Leibe nicht alles nach Plan verlief. Das Ducati-Team verschätzte sich nämlich beim Reifendruck, sodass die Nummer 93 nach wenigen Runden improvisieren musste. Marquez ließ sich kurzerhand hinter Bruder Alex zurückfallen und verweilte dort so lange, bis er außer Gefahr einer Strafe war. Kopfrechnen bei Tempo 340, wahrlich beeindruckend. Drei Runden vor Schluss ging Marc dann wieder an Alex vorbei und zeigte, was an diesem Tag wirklich in ihm gesteckt hätte. Spielend leicht erfuhr er sich noch 1,732 Sekunden Vorsprung. Der Auftakt zu einer äußerst erfolgreichen Debütsaison bei Ducati.
Welchen der 100. Grand-Prix-Siege würdet ihr als Marc Marquez' besten bezeichnen? Sagt es uns in den Kommentaren!



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