12 Siege, 18 Podestplätze. Nur ein Ausfall, nie schlechter als Platz zwei. 420 Punkte. Ein nie dagewesener Höchstwert. Marc Marquez begann das Jahr 2020 nicht nur als frischgebackener sechsmaliger MotoGP-Weltmeister. Er hatte vielmehr eine der dominantesten Saisonen der Geschichte hingelegt und kam auf einem Allzeithoch daher. "Ich finde, das war meine beste MotoGP-Saison bisher", bilanzierte er daher auch selbst, ironischerweise nur 48 Stunden nach einem Krankenhausaufenthalt infolge eines brutalen Highsiders im 1. Freien Training zum Thailand-Grand-Prix. Doch solche Abflüge waren einkalkuliert, um das Limit zu finden. Sie konnten diesem Übermenschen nichts anhaben, dieser Marc Marquez war unbesiegbar, unverwundbar - dachte man zumindest.

Der Spanien-Grand-Prix 2020 offenbarte jedoch anderes. Der wohl schlimmste Sturz seines Lebens sollte die Karriere des Marc Marquez nachhaltig verändern. Es folgten qualvolle Jahre in der Hölle, erst in den vergangenen anderthalb Jahren konnte sich der MotoGP-Superstar wieder an die Spitze zurück kämpfen. Motorsport-Magazin.com blickt exakt fünf Jahre später auf jenen Horrorcrash in Jerez am 19. Juli 2020 zurück.

Marc Marquez jagt Valentino Rossis MotoGP-Rekord: Nicht wichtig (08:45 Min.)

Spektakuläre Aufholjagd im Spanien-GP 2020 wird jäh gestoppt

Eigentlich begann der Spanien-GP ganz gewöhnlich. Im Qualifying noch von Fabio Quartararo und Maverick Vinales geschlagen, übernahm der klar favorisierte Marquez schon im dritten Umlauf die Führung und setzte sich auch gleich einige Zehntel ab. Das Rennen schien entschieden. Marquez würde sich nun einen komfortablen Vorsprung herausfahren und den Auftaktsieg dann ganz entspannt nach Hause bringen. Doch falsch gedacht: Zu Beginn der fünften Runde verlor Marquez bei seinem Fluchtversuch in der Anfahrt zur schnellen Kurve vier kurzzeitig die Front. Er konnte einen Sturz dank eines seiner inzwischen legendären 'Supersaves' verhindern, raste jedoch mit hoher Geschwindigkeit ins Kiesbett und sortierte sich nur auf Platz 18 liegend wieder im Feld ein.

Der Beginn einer Aufholjagd, wie sie die MotoGP nur selten zuvor gesehen hatte. Mit dem Messer zwischen den Zähnen prügelte sich die Startnummer 93 auf der Rot-Weiß-Orangenen Repsol Honda unaufhaltsam nach vorne, schnappte sich einen Kontrahenten nach dem anderen. Takaaki Nakagami und Bradley Smith waren die ersten Opfer, dann Johann Zarco, Brad Binder, Iker Lecuona, Danilo Petrucci, Miguel Oliveira und Valentino Rossi. Nach dem 'Doktor' folgte eine 3,5 Sekunden große Lücke zu Franco Morbidelli, doch auch das war kein Problem für Marquez. Schon vier Runden später war er am Italiener und dessen VR46-Academykollegen Francesco Bagnaia vorbei. Zwei Umläufe später waren Pol Espargaro und der vermeintliche WM-Rivale Andrea Dovizioso fällig und nochmal eine Runde später dann Jack Miller, womit Marquez schon wieder Dritter war.

Marc Marquez pflügte im Spanien-GP 2020 unaufhaltsam durch das Feld, Foto: MotoGP.com
Marc Marquez pflügte im Spanien-GP 2020 unaufhaltsam durch das Feld, Foto: MotoGP.com

Wie überlegen der Mann aus Cervera war? Trotz 13 Überholmanövern in 15 Runden war Marquez in dieser gesamten Phase des Rennens ganze drei Sekunden schneller unterwegs als der Zweitplatzierte Vinales, den er nun schon wieder direkt vor sich hatte. Schnellstmöglich wollte der Honda-Pilot auch an ihm vorbei, um den längst enteilten Quartararo vielleicht doch noch irgendwie einzuholen. Aber das war ein fataler Fehler. Denn am Ausgang von Kurve drei verlor Marquez in Runde 22 von 25 das Heck seiner Honda und flog auf spektakuläre Art und Weise durch die Luft. Er landete hart im Kiesbett und wurde dabei auch noch von seiner Maschine getroffen. Schwer angeschlagen verharte Marquez zunächst an der Unfallstelle, verließ das Kiesbett erst mit Unterstützung der Marshals. Hinter der Streckenbegrenzung mussten sie ihm den Helm öffnen, damit er einmal tief durchatmen konnte. Der Schmerz war ihm ins Gesicht geschrieben. Es war klar, dass da gerade etwas Schwerwiegenderes passiert war.

Schockdiagnose für Marc Marquez, überstürzter Comeback-Versuch

Den Premierensieg von Quartararo in der MotoGP interessierte an diesem Tag folglich niemanden. Alle wollten nur wissen, wie es Marquez ging. Handgelenk? Schlüsselbein? Oder doch wieder einmal die lädierte Schulter? Erst Stunden später traten die Rennärzte Dr. Angel Charte und Dr. Xavier Mir vor die TV-Kameras und äußerten schlimme Befürchtungen. Der Oberarm war gebrochen, zudem wurde ein womöglich bleibender Schaden der Nerven befürchtet. Letzteres hätte die Karriere der Nummer 93 auf der Stelle beenden können. Es folgten bange Stunden, erst zwei Tage später konnte Entwarnung gegeben werden. Der Nervenstrang war unbeschädigt, Marquez musste sich aber eine Platte mit zwölf Schrauben auf den Oberarmknochen setzen lassen. Ein massiver Rückschlag im Titelkampf.

Was folgte, war der zweite fatale Fehler. Da zu jener Zeit die Covid-19-Pandemie wütete, wusste niemand, wie lange die MotoGP-Saison 2020 tatsächlich andauern würde. Einen enormen Punkterückstand fürchtend, entschied sich Marquez nur 48 Stunden nach der Operation seiner rechten Schulter zum Comeback-Versuch. Die Überbelastung im Training zum Andalusien-GP beschädigte die eingesetzte Platte jedoch, eine zweite Operation wurde nötig. Die Saison war gelaufen, im Dezember musste Marquez sogar noch zum dritten Mal unter's Messer. Beim dritten WM-Lauf 2021 gab er dann sein langerwartetes Comeback, 100-prozentig fit sollte der Spanier aber erst nach einer vierten Operation im Frühling 2022 wieder werden.

Emotionaler Honda-Abschied nach qualvoller MotoGP-Saison 2023

Beendet war Marquez' Leidenszeit damit allerdings auch noch nicht, denn der MotoGP-Superstar zahlte nun den Preis für Hondas fahrlässige Entwicklungsarbeit der letzten Jahre. Mit dem klaren Ziel des neunten WM-Titels angetreten, musste Marquez im Saisonverlauf 2023 mehr und mehr erkennen, dass mit der RC213V einfach keine Topresultate mehr möglich waren. Versuchte er dennoch, solche einzufahren, landete er immer wieder auf der Schnauze - und zwar zumeist sehr unschön. Negativer Höhepunkt: Das Wochenende am Sachsenring. Inzwischen fast zwei Jahre auf einen Sieg wartend, wollte es Marquez dort allen beweisen. Doch der Grand Prix auf der Paradestrecke wurde zum Fiasko. Er stürzte insgesamt fünfmal, zeigte seinem Motorrad schon am Freitag den Mittelfinger. Der Anfang vom Ende der erfolgreichsten Partnerschaft zwischen einem Fahrer und Hersteller in der MotoGP-Geschichte.

Schweren Herzens entschied sich Marquez im Herbst 2023 dazu, seinen Honda-Vertrag vorzeitig aufzulösen und zur Saison 2024 zu Gresini und Ducati zu wechseln. "Ich habe Ende 2023 eine Wette auf mich abgeschlossen. Ich wollte das beste Motorrad im Grid haben und herausfinden, ob ich es nochmal zurück an die Spitze schaffen kann", erklärte er rund anderthalb Jahre später in Brünn. Dort hatte er auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem Horrorcrash in Jerez gerade seinen zehnten Sprintsieg im elften Lauf der Saison geholt. Unaufhaltsam auf dem Weg zum neunten WM-Titel liegend lässt sich also festhalten, dass es Marquez geschafft hat. Der heutige Ducati-Werksfahrer ist wieder an der Spitze angelangt. Und seinem brutalen Abflug in Jerez kann er rückblickend daher sogar Positives abgewinnen: "Das waren fünf sehr harte Jahre, aber ich habe auch viel gelernt und bin als Person gewachsen. Ich bin jetzt etwas reifer und ruhiger. Es ist nie schön, solch harte Momente zu haben, aber manchmal helfen sie dir, dich charakterlich weiterzuentwickeln."

Anders meinte es das Schicksal mit MotoGP-Legende Mick Doohan. Auch der Australier stürzte einst schwer in Kurve vier des Circuito de Jerez, erholte sich aber nie wieder von diesem Unfall. Auch an diesen Moment haben wir uns schon zurückerinnert. Hier die gesamte Geschichte: